Freischreiber, der Berufsverband für freie Journalist*innen, gibt 2021 eine Neuauflage seines Handbuchs “Freienbibel” heraus. Darin wird sich die freie Journalistin Anja Reiter unter anderem mit Tools und Techniken beschäftigen, die Freelancer*innen ihre Arbeit erleichtern. Im Gespräch teilt Reiter ein paar ihrer liebsten Werkzeuge – die natürlich auch Festangestellten weiterhelfen.

Anja, wie startet man morgens als Freelancer*in am besten in den Tag?

Anja Reiter: Das Anfangen ist natürlich nicht immer einfach. Vor allem, wenn man morgens nicht gleich einen dringenden Termin hat. Manchen Freien helfen kleine Rituale, um den Beginn des Arbeitstages zu markieren und die Arbeit vom Privaten abzugrenzen. Für mich hat sich bewährt, mir schon am Vorabend zu überlegen, welche Projekte ich am nächsten Tag als Allererstes angehen möchte. Hat man morgens schon einen konkreten Plan für den Tag, hat man zumindest diesen ersten Kraftakt schon erledigt und kennt die Prioritäten.

Wie strukturiert man den Tag dann weiter?

Auch das ist natürlich eine sehr individuelle Frage. Ich bin der Meinung, dass man als Freier auf alle Fälle die Vorteile ausnutzen sollte, die die Selbstständigkeit mit sich bringt.

Also ruhig bis 11 Uhr ausschlafen?

Wenn man das denn möchte, klar. Ich ticke allerdings anders: Über die Jahre habe ich rausgefunden, dass ich morgens und vormittags am besten kreativ arbeiten kann. Deswegen reserviere ich die ersten Stunden des Tages, um an Texten zu arbeiten. Die Nachmittage nutze ich eher für Dinge wie Buchhaltung, fürs Recherchieren, für das Führen von Telefoninterviews. Das ist natürlich ebenfalls anspruchsvoll, aber der Kopf muss nicht mehr ganz so frisch nach kreativen Formulierungen et cetera suchen.

Ganz wichtig ist auch der Ort, an dem man arbeitet. Bist du eine Verfechterin des Homeoffices oder des Coworking-Spaces?

Ich arbeite seit dem ersten Tag meiner Selbstständigkeit aus dem Homeoffice und muss ehrlich sagen: Ich liebe es. Der Tag ist automatisch sehr viel länger, wenn der Arbeitsweg wegfällt. Außerdem kann ich mir meinen Arbeitstag wirklich zu 100 Prozent so strukturieren, wie ich möchte. Ich liebe zum Beispiel lange Mittagspausen, in denen ich mich auch mal eine Runde aufs Mountainbike setzen kann. Zuhause kann ich auch immer frisch kochen und mich gesund ernähren. All das sind Vorteile, die ich nicht hätte, wenn ich in ein Büro müsste, das weiter weg ist. Was nicht heißt, dass das für mich nie in Frage käme: Wenn sich meine Lebensumstände ändern und sich das Homeoffice irgendwann vielleicht in ein Kinderzimmer verwandelt, dann kann ich mir durchaus auch vorstellen, im Journalistenbüro zu arbeiten. Aber für den Moment ist das Homeoffice für mich die perfekte Lösung.

Was mir während meines Freien-Daseins im Homeoffice am meisten gefehlt hat, ist der Austausch mit Kolleg*innen. Wie bekommst du den?

Dabei helfen mir die Freischreiber sehr stark. Neben den regelmäßigen Stammtischen organisieren wir auch andere Aktionen: In München trafen wir uns zum Beispiel regelmäßig zu Redaktionskonferenzen für Freie: Jeder konnte ein Thema mitbringen, die anderen gaben Feedback. Das hat wahnsinnig geholfen. Darüber hinaus entsteht der Austausch natürlich auch bei Projekten, die man mit anderen Freien gemeinsam macht. Im Moment ist so ein Projekt bei mir die “Freienbibel”. Nicht zuletzt verabrede ich mich einfach gerne mit befreundeten Journalistinnen und Fotografen zu einem Kaffee. Ist man ständig alleine, leidet die Kreativität.

Wie erinnerst du dich im Homeoffice daran, regelmäßig Pausen zu machen?

Ich bin mir selbst eine sehr empathische, nette Chefin. Das heißt, ich gönne mir sehr gerne Pausen und auch Urlaube. Aber ich kenne es natürlich auch, im Text-Flow zu sein und dabei die Zeit zu vergessen: Die Stunden vergehen, man war noch nie draußen und hat nichts gegessen. Was mich an Pausen erinnert, ist einerseits die Aussicht auf den Feierabend. Ich weiß, dass Pausen dazu führen, dass der Feierabend schneller kommen wird. Nach einer Pause ist der Kopf aufgefrischt und man kann seine Arbeit schneller erledigen. Andererseits hilft mir die Pomodoro-Technik beziehungsweise die App Focus Keeper. Das ist ein Tool, das den Arbeitstag in 25-Minuten-Abschnitte zerteilt, auf die immer eine fünfminütige Pause folgt. Das hilft mir besonders gut beim beim Texten und dabei, nicht zu prokrastinieren.

Wir sprechen gerade via Zoom und bei dir im Hintergrund ist ein Regal mit Ordnern zu sehen. Es wirkt, als wärst du wahnsinnig strukturiert. Wie hältst du Ordnung?

Ich würde von mir selbst gar nicht behaupten, dass ich so ordentlich bin. Vielleicht bemühe ich mich umso mehr um Ordnung, weil ich weiß, wie schnell ich ins Schludern komme. Was mir im Moment hilft, sind die Video-Sessions in der Corona-Zeit. Wenn man immer mal wieder Kolleginnen oder Redakteurinnen zu sich nach Hause einlädt, sollte es halbwegs aufgeräumt sein. Noch ein Tipp für den Abend: Ich versuche immer, meinen Schreibtisch am Abend nochmal aufzuräumen, weil ich finde, dass nichts schlimmer ist, als sich morgens an den Schreibtisch zu setzen, auf dem noch Kaffeeflecken und die Notizen des Vortages sind.

Die Ordnung betrifft natürlich auch das Digitale. Wie kann man digital Ordnung halten?

Im Endeffekt muss man im System finden, das für einen selbst funktioniert. Es hilft nichts, an einem verschneiten Dezember-Wochenende ein ganz ausgeklügeltes System aufzusetzen – und im Laufe des darauffolgenden Geschäftsjahres herauszufinden, dass man es nicht nutzt, weil es einfach zu komplex ist. Mein System sieht so aus: Ich habe Ordner für meine Kundinnen und Kunden sortiert nach den jeweiligen Jahren. Darin hebe ich die meisten Recherche-Dokumente auf, das heißt in den Ordnern sind nicht nur die Endprodukte, sondern auch die unterschiedlichen Textversionen, die Transkriptionen der Interviews, meistens auch die Audio-Dateien. Mit den Jahren wandert all das auf eine externe Festplatte, wo ich’s immer schnell griffbereit habe, sollte ich doch nochmal zu einem ähnlichen Thema recherchieren.

Focus Keeper hast du bereits als essentielles Tool genannt. Auf welche weiteren kannst du unmöglich verzichten?

Für die Teamarbeit könnte ich auf keinen Fall mehr auf Slack verzichten. Auch für die Arbeit an der "Freienbibel" benutzen wir Slack. Es ist einfach ein viel besserer Ersatz für die ganze E-Mail-Flut. Oft muss man aber auch mehr als nur sich austauschen, sondern auch gemeinsam arbeiten, gemeinsam brainstormen – dafür greife ich gerne zu Miro. Das funktioniert wie ein Whiteboard, an das man Post-its kleben kann. Damit kann man, wenn man nicht im gleichen Büro sitzt oder einen Workshop gibt, kollaborativ brainstormen. Ich nutze es auch gerne für Workshops und immer dann, wenn es darum geht, mit anderen Leuten, die nicht mit mir selbst an einem Ort sind, zu arbeiten.

Kommen wir zu einer biederen, aber dringend notwendigen Arbeit: Buchhaltung. Welches Tool empfiehlst du dafür?

Ich benutze SevDesk. Das nimmt mir alles ab, was die Rechnungsstellung, die Umsatzsteuer-Voranmeldungen und die Einnahmen-Überschuss-Rechnung angeht. Abnehmen heißt natürlich nicht, dass die ganze Papierarbeit entfällt. Aber es ist ein recht selbsterklärendes Tool, das die Arbeit zumindest zu wenigen Mausklicks vereinfacht.

Man arbeitet und produziert so viel. Was macht man dann eigentlich mit den ganzen tollen Stücken, um sich selbst ein bisschen Wertschätzung mitzugeben?

Ich hebe nicht alles auf, weil es über die Jahre doch zu viel wäre. Aber ich habe seit Anbeginn meines journalistischen Daseins einen grünen Ordner, in dem ich Stücke einordne, auf die ich besonders stolz bin. Und ich hab eine Kiste, in die ich meine Lieblings-Magazine reinlege, in denen ein Text von mir erschienen ist. Da schaue ich immer mal wieder rein. Gerade an den Tagen, an denen man ein bisschen an sich selbst zweifelt und nicht besonders motiviert ist, bewirkt das kleine Wunder. Schaut man dann auf seine Arbeit, denkt man: Okay, vielleicht bin ich doch gar nicht so übel. Ich hab schon mal was geschafft, dann schaffe ich es heute auch nochmal.