12. Dezember 2011 - Keine Kommentare!

18.02.1809 und so oder: Wie auch Darwin nichts mehr retten konnte

Am Samstagabend geht im Kino das Licht wieder an. Groß ist die Enttäuschung: Dieser Film, er hätte so viel besser sein müssen.

Immerhin hat Andrew Niccol mit der "Truman Show" und "Gattaca" bereits mindestens zwei brillante Streifen abgeliefert. Für seinen neuesten Thriller hat er nun mit Cilian MurphyJohnny Galecki und Vincent Kartheiser nahezu sämtliche Nebenrollen optimal besetzt. Und vor allem wartet sein "In Time" mit dieser großartigen dystopischen Prämisse auf!

In der Zukunft ist die Menschheit unsterblich, ab 25 Jahren altert niemand mehr. Nur: Um die Population zu regulieren beginnt bei jedem mit 25 auch eine Digitaluhr auf dem Unterarm zu ticken. Wer sich keine neue Zeit dazuverdient, der stirbt. Als der Getto-Boy Will Salas (Justin Timberlake) 116 Jahre von einem lebensmüden Uptowner geschenkt bekommt, nutzt er diese neugewonnene Zeit, um zum Robin Hood der Postmoderne zu avancieren. Mehr noch: Will zieht los, um das fragwürdige Währungs- und Gesellschaftssystem - in dem viele sterben müssen, damit wenige unendlich lange leben können - zum Fall zu bringen.

Mit diesem Plot reiht sich "In Time" mühelos in die Liga von Klassikern wie "1984" und "Schöne neue Welt" ein. Sehr sympathisch ist auch, dass Niccol seine Dystopie nicht in eine Welt voller fliegender Autos oder Raumschiffe verlagert, sondern das Setting mit Münztelefonen und Fabriken recht heutig aussehen lässt.

Und trotzdem will "In Time" nicht zünden.

Weder liegt das an Justin Timberlake, der gelegentlich wie der ausdrucksarme zukünftige "Tatort"-Kommissar Til Schweiger daherkommt. Noch liegt es an den inspirationslosen Verfolgungsjagden, die einen Großteil von "In Time" ausmachen. Schuld trägt der Schöpfer Niccol selbst: Der Regisseur und Autor traut der Stärke seiner Grundidee einfach nicht.

Dabei ist sie immens. Zwei Beispiele: Als Will in der Zone der Reichen ankommt, steigt er aus dem Taxi und beginnt aus Gewohnheit zu laufen. Die schwarzgekleideten Schnösel blicken ihn irritiert an. Warum rennt der Typ, wenn man hier doch alle Zeit der Welt hat? Oder: Als Will in einem Casino der bildschönen Tochter des Bankiers Philippe Weis begegnet, sagt dieser: "Sie fragen sich jetzt sicher, ob das meine Tochter, meine Frau oder meine Mutter ist ..." Solche kleinen Details forcieren die spannenden Fragen, die man als Zuschauer an den Film hat: Wie verändert sich das Verhalten derer, die jeden Morgen mit einer Lebenserwartung von gerade mal einem Tag aufwachen? Wie wirkt sich völlige Zeitlosigkeit auf die Psyche der Reichen aus? Und wie funktioniert überhaupt das Zusammenleben in einer Welt, in der man ab 25 Jahren nicht mehr altert, in der nicht länger ersichtlich ist, wer Vater und Sohn, wer Mutter und Tochter ist?

Niccol spielt mit diesen Fragen. Er zwingt sie einem auf, indem er beispielsweise die makellose Olivia Wilde als Justin Timberlakes doppelt so alte Mutter besetzt. Aber anstatt diese Fragen weiter zu verfolgen und zu beantworten, degradiert Niccol sie zu müden Pointen und biedert sich mit Action dem Kommerz an. Anstatt ein glaubhaftes Bild von dieser Gesellschaft zu vermitteln, lässt er Amanda Seyfried lieber fünf Minuten länger in Highheels rumsprinten. Um dem Film dann wieder ein bisschen Substanz zurückzugeben, bemüht er ein paar Mal Darwin-Referenzen - jedoch vergebens. So bleibt "In Time" einer der schlechteren Sci-Fi-Thriller. Zu Poppig und knallig und in seiner politischen Message zu wenig nachdrücklich.

Dieser Film, er hätte groß sein können. Mit ein bisschen mehr von dem, was Protagonist Will Salas in rauen Mengen hat: Nicht Zeit, nein, sondern Mut zur eigenen Stärke.

Veröffentlicht von: Mark in Film & Fernsehen

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