Kann Journalismus auf der Bühne funktionieren? Eine Projektskizze.

Das alles haben wir in den vergangenen Jahren zur Genüge gehört, deshalb fasse ich mich kurz: Die Digitalisierung hat die Strukturen des Medienbetriebs und des Journalismus in den Grundfesten erschüttert. Gähn. Lange ist darüber selbstmitleidig gequengelt worden. Doppelgähn. Zwar sind hie und da vorsichtig Modelle entwickelt und Möglichkeiten abgewogen worden - doch große Versuche zur Erneuerung der Medien wollte lange Zeit niemand so recht wagen. Dreifachgähn.

Inzwischen muss zum Glück nicht mehr ganz so häufig gegähnt werden: Mit Projekten wie Krautreporter, Weeklys, Niiu oder auch Crowdspondent haben inzwischen einige kreative Köpfe den Mut gefunden, sich experimentierfreudig auf die Veränderungen einzulassen und das Digitale nicht als bedrohliches Neuland, sondern als Spielwiese für Innovationen zu verstehen. So weit, so großartig. Neben all den Digitalstrategien, neuen Websites und Apps ist dabei jedoch weitestgehend aus dem Blick geraten, dass Journalismus nicht zwangsläufig an den Bildschirm oder das Papier gebunden sein muss. Journalismus muss kein Text, kein Video, Bild oder Audio-Beitrag sein. Berichterstattung kann - so hat es Ji-Hun Kim (Chefredakteur von Das Filter) kürzlich in einem Video-Beitrag, den ich für VOCER und Meedia.de produziert habe, famos formuliert - auch "auf einer Eierschale stattfinden". Genauso gut kann er also auch dort draußen stattfinden. Im Real Life. In diesem so genannten öffentlichen Raum. In der U-Bahn. Vor Sehenswürdigkeiten. Auf Bühnen. Journalismus kann auch performativ, erlebbar und hautnah gemacht werden.

Diesen Gedanken hatte ich das erste Mal, als ich mich zu Hamburgzeiten begeistert bei Poetry-, Singer- und Kurzfilm-Slams herumgetrieben habe. Und Begegnungen mit so tollen ähnlich denkenden Leuten wie Jasper Wenzel, Rabea Edel und und und haben die Dringlichkeit in mir befeuert, in dieser Richtung auch endlich mal etwas anzustoßen. Ein Projekt zu starten, das Journalismus auf die Straße und den Lesern so nah bringt, wie nur irgend möglich.

Klingt nett - und konkret?

Sorry, aber zu diesem Zeitpunkt kann ich kein journalistisches Megaevent ankündigen, dessen Konzept bis ins Detail ausformuliert und dessen Finanzierung unter Dach und Fach ist. Aber nach mehreren Gesprächen mit umtriebigen Berliner MedienmacherInnen gibt es zumindest eine konkrete Konsensvorstellung von einer ersten Veranstaltung: Ein bisher loser Kreis hat sich darauf verständigt, gemeinsam die Planung einer Lesung in Angriff zu nehmen, bei der Journalisten aktuelle oder noch in Entstehung begriffene Beiträge vorstellen. Meinungsstarke Kolumnen, bemerkenswerte Porträts, begeisternde Reportagen. Vielleicht wird ein Interviewpartner per Hangout dazugeschaltet. Möglicherweise spielt eine Band einen Song, bevor ein Kulturjournalist seine vernichtende Kritik über ihr neuestes Album liest. Im Anschluss an jeden Beitrag soll das Publikum Fragen stellen und in eine Diskussion einsteigen können. Ungeschminkt. Ehrlich. Direkt. Im Idealfall wird die Veranstaltung im Video festgehalten und lebt anschließend im Netz weiter.

Inzwischen steht der Juli als Termin für die erste Lesung im Raum. Trotzdem habe ich das Gefühl, als hätte die Idee des "Journalismus dort draußen" noch nicht genug Fahrt aufgenommen. Es fehlt noch der nötige Druck, um in die Vollen zu gehen und neben all den anderen Dingen unserer To-do-Listen nun auch noch dieses Projekt mit Herzblut anzugehen. Deshalb dieser Post, der verkünden soll: Die (zugegeben bislang schmächtige) Website urbanjournalism.de ist jetzt online und damit die Möglichkeit, sich am Projekt "Urban Journalism" zu beteiligen. Was ich unter diesem Begriff verstehe? Den Stein des Anstoßes. "Urban Journalism" soll eine lockere Initiative verschiedener Kooperationspartner werden mit dem Ziel, Journalismus-Events (zunächst in Berlin und zunächst die erwähnte Lesung) zu veranstalten. Partner können Medien sein. Das können (und sollen) aber auch Veranstalter sein. Location-Betreiber. Video-Agenturen. Und für die Zukunft ebenfalls Museen. Anbieter von Stadtführungen. Oder Macher von bereits bestehenden Hate-Poetry-Events, die ihre Erfahrung weitergeben wollen. Und - ganz wichtig - Leserinnen und Leser, die Journalismus neu und anders erleben wollen.

Hinter der bisher kargen Websitefassade freuen sich Journalisten auf Feedback, Input und Beteiligung, die ein Konzept haben. Ein engmaschiges Netzwerk. Und vor allem den Willen und Mut, auszuprobieren und Journalismus anders zu denken. Gemeinsam mit allen, die mitgestalten wollen. Hier könnt ihr Kontakt aufnehmen.