"Dies ist das Herz einer jungen Frau", lautet der erste Satz einer Multimedia-Reportage des stern zum Thema Organspende. Im Hintergrund ist das Herz zu sehen, bildschirmfüllend, schlagend. Am 5. September 2018 wird es dem damals 51-jährigen Gerd eingepflanzt. Noch ehe es im Krankenhaus ankommt, liegt Gerd bereits auf dem OP-Tisch und sein Brustkorb wird geöffnet.

Um diese OP ereignen sich emotionale, dramatische Szenen – und Dominik Stawski, Ressortleiter Ausland beim stern, und Fotograf Patrick Junker fangen sie ein: in Fotos, Videos und Gesprächen. Aus ihrem Material entstehen am Ende eine Artikelserie und schließlich ein circa 50.000 Zeichen umfassendes Scrollytelling-Stück.

Wie geht man an ein solches Projekt heran? Und hat sich der Multimedia-Aufwand gelohnt? Dominik Stawski hat mir ein paar Fragen zu dem Beitrag beantwortet.

Herr Stawski, in Ihrer Organspende-Reportage lassen Sie einen Herzchirurgen im Video OP-Abläufe erklären, Sie zeigen das Warten von Herzkranken auf ein Organ in Fotos, den Kern bildet ein Text. Wie verändert sich die Recherche, wenn man weiß, dass das Endergebnis ein solches multimediales Scrollytelling-Stück werden soll?

Die Multimedia-Story erschien als Abschluss einer mehrteiligen stern-Artikelserie. Weil ich wusste, dass ich für diese Stücke einen absurd hohen Aufwand betreiben werde, war mir von Anfang an wichtig, die Recherchen auf unterschiedlichen Wegen zu verwerten. So kam mir die Idee, auch ein Multimedia-Stück mitzudenken. Ich habe früher in Fernseh- und Radioredaktionen gearbeitet und weiß, was die Stärken dieser Medien sind. Und ich weiß auch, dass sie Aufwand bedeuten. Aber weil ich ja ohnehin fast 40 Mal in Kliniken, bei Fachleuten und den zentralen Personen meiner Reportage war, fiel es kaum ins Gewicht, dass ich manchmal auch ein Video-Interview führte. Das Entscheidende war ja, das Vertrauen zu allen Beteiligten zu gewinnen. Wenn man das besitzt, ist die multimediale Umsetzung ein beherrschbarer Extra-Aufwand. Dankbar bin ich da vor allem auch meinem Kollegen Patrick Junker, den wir als Fotografen für dieses Projekt engagiert haben. Die Wahl fiel bewusst auf ihn: Wir brauchten jemanden, der flexibel genug ist, auch Videos zu filmen. Und es musste jemand sein, der ein halbes Jahr oder noch länger auf jeden Urlaub und jede längere Reise verzichtet, weil er jederzeit mit einem Anruf von mir rechnen musste, dass wir binnen weniger Stunden im Operationssaal zu stehen haben.

Was haben Sie von dieser Arbeit für die Zukunft mitgenommen?

Ich habe nie zuvor auch nur annähernd so viel Aufwand für ein Projekt betrieben. Aber ein Teil des Aufwands war, wie gesagt, auch wegen der Print-Artikel notwendig. Die Erfahrung hat mir eigentlich vor allem eines gezeigt: Wenn man schon so einen besonderen Zugang zu einem Thema gefunden hat, dann sollte man, wenn irgendwie möglich, das Stück Extra-Aufwand in Kauf nehmen, um die Geschichte auch multimedial zu erzählen. Schade ist doch, wenn wir Reporter ewig an einem exklusiven Zugang arbeiten und dann nur einen Artikel daraus machen, den womöglich viel zu wenige Leute lesen.

Wann lohnt es sich, eine solche multimediale Geschichte zu produzieren?

Unser Multimedia-Stück visualisiert Dinge, die man nie zuvor irgendwo gesehen hat. Wir zeigen ein Herz, das in einer speziellen Box liegt und von selbst schlägt. Man traut seinen Augen nicht, wenn man das sieht. Aufnahmen wie diese rechtfertigen eine solch aufwändige Umsetzung. Aber wichtig ist: Jede Multimedia-Geschichte ist am Ende eine Geschichte, die man bis zum Ende lesen oder schauen sollte. Sie braucht vor allem Spannung, Rhythmus und Dramaturgie. Und sie darf nicht zu einer technischen Spielerei verkommen. Ich finde, das ist das größte Risiko.

Sie schreiben zu Beginn der Reportage, sie solle keine Werbung sein für Organspende, aber auch nicht das Gegenteil. Wie sahen die Reaktionen auf die Reportage aus?

Es gab zwei Gruppen von Lesern: Für die eine ist die Reportage der Grund, einen Ausweis auszufüllen und Organspender zu werden. Und für die andere, ist sie der Grund, genau das Gegenteil zu tun, nämlich Nein anzukreuzen. Das ist toll, denn wir wollten mit der Reportage nie irgendwen überzeugen. Dafür ist eine solche Entscheidung viel zu intim. Wir wollten den Lesern einfach nur alles zeigen, alle nötigen Information geben, um sich entscheiden zu können – und das hat offenbar bei vielen funktioniert.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe, in der ich inspirierende journalistische Formate aus 2019 vorstelle. Hier findest du die Übersicht aller Beiträge.