25. Mai 2013Keine Kommentare

Eine Frau schreit „Dagobert“, und Dagobert sagt „Ja“

Freitagabend. Ritter Butzke, Berlin. Jemand zieht den Vorhang beiseite, und dem Publikum schwillt kühler Nebel entgegen. Auf der Bühne zeichnet sich in blauem Licht ein Mann ab, und dahinter, in grellem Rot, zeigt ein Lichtkasten seinen Namen: Dagobert. Regungslos steht der gebürtige Schweizer da: groß und dünn, markante Nase, zurückgegeltes Haar, Frack und Kragen. Erhaben. Wie ein Graf. Musik vom Band setzt ein. Schnulzenschlagerpop der heftigsten Sorte. Das Fest beginnt - Stoffel und ich grinsen uns an.

Stoffel hat Gästelistenplätze für das Konzert auf Facebook gewonnen. Auf dem Handy zeigt er mir den Beleg: "Habe ich echt gewonnen?", fragt Stoffel in den Chat und erhält von Dagobert die Antwort: "Ja klar. Das wird ein Fest!" Der Gewinn ist ein großes Glück. Ohne ihn wären wir wohl nie bei einem Dagobert-Konzert gelandet. Dagobert, der mit seiner ersten Platte einen kleinen Hype um sich geweckt hat, macht nämlich Musik, die wir sonst nicht hören, ja eigentlich sogar nicht einmal mögen. Und schlimmer noch: Wenn man sich Videos oder Fotos von Dagobert anschaut, meint man, der Typ nehme das, was er da macht, nicht ernst. Man meint, Dagobert sei eine ironische Kunstfigur. Und mit Blödeleimucke sind wir bei Alexander Marcus. Wir sind bei langweiligem Quatsch.

Doch nach den ersten Songs wird klar: Ironie liegt Dagobert fern. Der meint das wirklich so. Zu Beginn noch überzogenen "Großartig!"-Rufen aus dem Publikum begegnet er mit einem unablässig höflichen, aber völlig ernsten Blick. Und als eine Frau ganz laut "Daaagooobeeert!" kreischt, als wolle sie damit die vermeintliche Kunstfigur auf der Bühne ins Wanken bringen, da sieht Dagobert in ihre Richtung, braune Augen, fester Blick, und sagt: "Ja."

All seine Songs sind Liebeslieder, und Dagobert meint jedes davon ernst. Zeilen wie "Du bist zu schön, um auszusterben/Lass deine Kinder deine Schönheit erben" oder "Ohohoho mein Testament besagt nur eins:/Ich will dir alle, alle, alle, alle, alle meine Liebe schenken" singt er voller Inbrunst. Er singt sie so, als stammten sie aus einem Leben, das keine Kunstfigur, sondern das Dagobert Jäger tatsächlich geführt hat. Und damit bricht er den Bann, der über Schlager liegt, macht die Musik nicht nur erträglich, sondern gut und das Konzert zu einem großen Fest: Indem er das Genre ernster nimmt als alle Helene Fischers und Florian Silbereisens zusammen.

15. Mai 2013Keine Kommentare

Ich will einsam und mit Rotwein zu „Trouble Will Find Me“ tanzen

Filme habe ich in diesem Blog schon häufig besprochen. Aber eine Plattenkritik? Gab's meiner Erinnerung nach bisher nicht. Womöglich weil ich, wie ich an dieser Stelle schon einmal überlegte, in einem reißenden Strom von Musik gefangen bin, der mich keine besonders intensive Verbindung mehr zu einzelnen Bands und Platten spüren lässt. Ein paar wenige Bandbindungen sind aber noch stark genug, als dass ich mich schon Wochen vor einer Neuveröffentlichung freudig durch die Backlist höre. Und wenn The National ein neues Album rausbringen, dann müssen ein paar Gedanken dazu auch in diesem Blog Platz finden.

Also. The National gehörten mit Songs wie "Fake Empire" und "Mr. November" schon längst zu den Herzangelegenheiten meiner Musiksammlung. Aber als 2010 "High Violett" kam, dieses monströse Hitwunder, bei dem längst nicht nur "Bloodbuzz Ohio" feuerwerkmäßig zündete, war ich Matt Berninger und Co. vollends verfallen. Entsprechend groß war die Sorge, von der sechsten National-Platte nun völlig enttäuscht zu werden, zumal mich die erste Single "Demons" nicht wirklich überzeugte. Aber: Sorge unbegründet! "Trouble Will Find Me" ist kein "High Violett", okay. Trotzdem wird dieses fantastische Album noch lange auf meinem MP3-Player dauerrotieren. Besonders zu "Graceless" und "Hard To Find" möchte ich im Anzug und mit Rotweinglas einsam tanzen, rumknutschen, weinen, lachen, leben ... Dankedankedanke für diese wunderbare Platte, The National!

Keine Plattenkritiken, aber mehr gute Musik gibt es in der Kategorie "Plattendrehen".

13. Juni 2012Die Kommentarfunktion ist für diesen Beitrag deaktiviert.

Nackt und glücklich oder: Ein Abend mit Amanda Palmer im Platoon

Es ist ein wunderbar intimer Abend, den die Künstlerin Amanda Palmer am Dienstag im Berliner Platoon veranstaltet. Als Dankeschön für ihre Fans, zumindest einen Teil ihrer Fans, die ihr neues Album via Kickstarter mit über einer Million Dollar mitfinanziert haben, gibt sie alles. Nicht bloß kostenlose Getränke und Gegrilltes, nein: Als Dankeschön bleibt Amanda Palmer den ganzen Abend über greifbar. Sie setzt sich neben ihre Fans, als das Duo Princessin Hans auftritt, sie lacht, sie grölt, sie trinkt mit, sie unterhält sich mit jedem, sie umarmt jeden. Und am Ende des Abends schlüpft Amanda Palmer sogar aus Satinkleid und BH und nimmt splitterfasernackt ein Bad in der Menge. Die Künstlerin opfert ihren Fans sogar den letzten Rest Privatssphäre.

Ich habe so etwas noch nie erlebt. Weder bin ich bei einer Ausstellung respektive Konzert respektive Happening gewesen, wo geschminkte Männer in Kleidern Lieder sangen. Noch habe ich je abgehalfterte Cheerleader zu Kapellenmusik die Gäste antanzen sehen. Vor allem aber habe ich noch nie eine Künstlerin erlebt, die sich nackig in die Menge wirft. Man mag Amanda Palmers Attraktivität in Frage stellen und das ganz furchtbar unästhetisch finden, klar. Nicht aber an ihrer künstlerischen Hingabe darf man zweifeln. Ich bin so beeindruckt von all dem, dass ich meinem Begleiter C. sage, es würde einen ganz herzergreifenden Blogbeitrag darüber an dieser Stelle zu lesen geben. Mein Versprechen kann ich allerdings nicht halten. Wie sollte ich so einen Beitrag auch angehen? So intim der Abend auch war, am Ende kann ich Palmer doch nicht greifen. Ich kann nicht mal ohne Schweißausbrüche eingepfercht zwischen Fremden U-Bahn fahren - Amanda Palmer nimmt am Mittwochabend nackt ein Bad in der Menge.

20. Februar 2012Keine Kommentare

Lieben mit Herz – Kotzen im Strahl oder: Wann das Internet mich überfordert

[Der nachfolgende Artikel ist ursprünglich als Gastbeitrag auf Post Artcore erschienen.]

Um 21.50 Uhr ist es so weit. Ben Cooper steigt für seine Zugabe auf die kniehohe Bühne der Prinzenbar zurück, Ben Cooper nuschelt einen Titel in seinen Waldschratbart, Ben Cooper stimmt „Glory“ an. Diese pompöse Hymne eines Kriegsheimkehrers, die seit Wochen meine Lieblingstitel-Playlist uneinholbar anführt. Glücklich-fiebrig habe ich auf den Moment gewartet, das aufbrausende Stück endlich live zu hören. Jetzt ist er da, ich halte den Atem an, kein Quatsch. Freunde werden später lästern, die Akustik sei beschissen gewesen, und die rumspackenden Prollos neben ihnen hätten den letzten Rest schöner Stimmung zunichte gemacht. Ich habe Gänsehaut, als Ben Cooper alias Radical Face mit seinen zwei Bandkollegen zum Chorgesang ansetzt. Das „Glory“-Finale bringt die stuckverzierten Wände zum Dröhnen. Es ist großartig.

Am nächsten Morgen scheren mich Radical Face einen Dreck. Als ich auf dem Weg zur Arbeit meine Lieblingslieder-Playlist starte, geht mir Ben Cooper mit seinem Folkquatsch unglaublich auf den Sack. Diese pathetische Epik, zu der er „Glory“ auftürmt – widerlich. Während ich so innerlich vor mich hinmöppele, fällt mir auf: Das ist nicht das erste Mal, dass ich eine umschwärmte Band kurz nach dem Konzert dermaßen gnadenlos fallen lasse. Lief es nicht genau so bei den Freelance Whales, bei Boy, sogar bei Wye Oak ab? Nachdem die die Bühne verlassen hatten, war der Zauber auch von jetzt auf gleich verflogen. Wenn ich heute „Ghosting“, „Waitress“ oder „Holy holy“ höre, dann berührt mich das null. Schlimmer: Ich kotze innerlich im Strahl.

Ich finde das grausam. Und suche eine Erklärung dafür. Aber das einzige, was mir zu der schnellen Abnutzung meiner Lieblingsbands einfällt, ist einfach: Ich bin überreizt. Ich will das nicht zugeben, weil das die Worte von “Was? Du streamst dir Serien in Lo-Fi auf den Laptop”-Kulturpessimisten sind, aber: In Musikbelangen überreizt mich das Internet. Als ich noch nicht mit DSL durch digitale Welten jagen konnte, durften Bands wie Die Ärzte und The Offspring noch in Schleife laufen. Jahrelang. Durch Youtube, Facebook, Spotify und Co. kann ich nun aber jeden Tag eine weitere Band entdecken, die mir irgendetwas gibt. Manchmal viel, manchmal wenig, aber immer etwas, das mich hängen bleiben und hinhören lässt. Ein paar Tage oder Wochen oder Monate lang. Und dann, ganz plötzlich, nach dem Konzert, dem Liveerlebnis, dem Orgasmus des Kulturkonsums, erlischt das Feuer. Dann ist die Band ausgebrannt, und einen Klick weiter warten schon zig weitere, die es zu entdecken gilt.

Im Stern habe ich kürzlich einen Artikel übers Online-Dating gelesen. Darüber, dass feste Beziehungen nicht mehr zustande kommen, weil unser Jagdtrieb und die Möglichkeit, überall neue Beute zu finden, uns alle Möglichkeiten nutzen lässt. Daran glaube ich zwar nicht, bei Bands allerdings geht es mir so. Wie sehr ich mich in eine Combo auch verliebe, es kommt unweigerlich der Punkt, an dem ich sie nicht mehr will. Ich hoffe inständig, dass sich das in Zukunft auf die Musik beschränkt. Das allein ist schlimm genug.

© Mark Heywinkel 2018. Mit Liebe, WordPress und Semplice in Berlin gebaut.