Bielefeld

[Der nachfolgende Artikel ist ursprünglich als Gameskolumne in uMag 04/2012 erschienen. Er entstand im März, dem Monat zwischen Hamburg und Berlin.]

In Bielefeld war’s früher schöner. Sicher hat es in der Hauptstadt aller Provinzkäffer vor zehn Jahren auch Niagara-mäßig geschüttet (zum Vergleich: In Bielefeld gehen jährlich über 870 Liter pro Quadratmeter Regen nieder, während es im ach so trüben Hamburg lächerliche 760 sind). Aber selbst wenn die wasserarme Lutter über ihre Ufer trat und meine Mutter warnte, wer in den Keller ginge, der saufe ab, hatte ich in meiner Heimatstadt immer noch jemanden, mit dem ich das schlechte Wetter vor der Konsole vergessen konnte. Entweder gesellte sich meine Schwester zu einer Partie “Mario Kart” dazu oder ein Freund, ab und an sogar Papa und Mama.

Doch damit ist Schluss: Meine Schwester studiert in Paderborn, die Freunde sonstwo, und Papa und Mama reagieren auf Spielanfragen ganz Roger-Murtaugh-like mit einem kraftlosen “Wir sind zu alt für den Scheiß”. Einmal beschwöre ich sie: “Eltern, es geht um alles! Die Reaper haben die Erde eingenommen, wir müssen Commander Shepard dabei helfen, die Völker des Universums zu einen, und gemeinsam den Gegenschlag planen!” Doch über “Mass Effect 3″ schütteln meine Eltern bloß den Kopf. Die goldene Zeit der Sci-Fi, die Zeit von Asimov, Major Cliff Allister McLane und James T. Kirk, sei vorbei, urteilen sie. Und diese Videospiele seien inzwischen zu laut, zu hektisch, zu brutal. “Mach du mal deine Reaper schön alleine fertig, Sohn”, sagen sie und lassen mich allein. Also sitze ich am Rand des Teutoburger Waldes, während die Bäume und Sträucher aufquellen wie Schwämme, und es gibt niemanden, auf den Commander Shepard und ich bauen können. Früher war’s schöner in Bielefeld.

Um ihre Websites attraktiver zu gestalten, müssen Tageszeitungen sich verstärkt mit Bürgerblogs vernetzen, glauben Experten. Denn Hyperlokaler Journalismus im Netz sei die Rettung lokaler Medien. Da ich seit Beginn des Monats in Hamburg wohne, habe ich hier mal einen kurzen Blick auf die Blogszene geworfen und nach Kooperationen von Hamburger Zeitungen und Zeitschriften mit Bürgerblogs gesucht. Und dabei nicht viel gefunden.

Wer sich in meiner Heimatstadt Bielefeld von Bloggern über die Stadt und ihre Szenen informieren möchte, findet lediglich eine Handvoll nützliche Adressen. Unterdessen scheint es in Hamburg für jeden einzelnen Stadtteil gleich mehrere Blogger zu geben. Ambitioniert liefern sie aktuell und mit viel Detailwissen Infos aus der Nachbarschaft – und viele lesen mit.

In Hamburg gibt es demnach ein großes Potential für den erfolgreichen Aufbau eines hyperlokalen – oder in Deutschland auch: sublokalen – Journalismus. Die Zeitungen aber nutzen dieses Potential bislang nicht. Das Hamburger Abendblatt gibt nicht einmal Auskunft darüber, welche Blogs aus und für Hamburg berichten – deshalb macht es die Website Hamburg-Web.de der Internetagentur KCS. Und die Mopo listet Immobilien, Jobs und wo man am besten mit dem Hündchen spazieren gehen kann – Blogs finden hier allerdings auch keinerlei Beachtung. Dabei könnten diese Zeitungen und Szene-Medien wie der Prinz von den zahlreichen Blogprojekten enorm profitieren. Ein Beispiel:

Nach Meinung der Hamburgs-Osten-Autoren Judith und Stephan wird “das Leben auf der anderen Seite der Alster” von den hiesigen Szene-Medien nicht ausgiebig genug berücksichtigt. Deshalb liefern sie selbst Infos aus Hamburger Ost-Stadtteilen wie Dulsberg, Wandsbek, Eilbek, Hamm und Co. nach, stellen lohnenswerte Cafés und Restaurants vor und weisen auf Kulturevents hin. Ich bin nicht auf dem Laufenden, was die Berichterstattung aus den betreffenden Stadtteilen angeht. Aber wenn es dort wirklich ein Defizit gibt, warum greifen die Szene-Medien nicht auf die Unterstützung dieses schönen Blogs zurück? Gemeinsam könnte die Berichterstattung im Netz ganz webzwonullig-cool ausgeweitet werden. Bestimmt würde das viele Dulsberger, Wandsbeker, Eilbeker und weitere freuen und das Image der Szene-Medien aufpolieren.

Mit Altona.Info und Co. mögen bereits unabhängige hyperlokale Angebote in Hamburg vorhanden sein. Die etablierten Hamburger Medien haben es bislang jedoch nicht geschafft, ihrerseits ein solches Projekt zu betreiben. Die Zukunft des Journalismus scheint hier noch weit entfernt.

Oder gibt es bereits hyperlokale Angebote großer Hamburger Medien? Wer mich eines Besseren belehren möchte, kann das gerne in den Kommentaren tun!

Ein paar weiterführende Links und Gedanken zum Thema Hyperlokaler Journalismus:

(c) Mark Heywinkel 2010-heute.
Dieses Blog wird angetrieben von Wordpress und einer angepassten Version des wunderbaren Thesis Themes. ❤


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