“Zelda: Skyward Sword” – erscheint: morgen! – bekommt viel Lob und traumhafte Wertungen. IGN bezeichnet den neuesten Teil der Reihe sogar als besten “Zelda”-Titel überhaupt (siehe Video). Als jahrelanger Fanboy komme ich da natürlich nicht drumrum, mir das Spiel zuzulegen. Doch anders als noch vor ein paar Jahren werde ich diesmal nicht dafür anstehen … [Der nachfolgende Artikel ist ursprünglich als Gameskolumne in uMag 11/2011 erschienen.]

Für ein Videospiel angestanden habe ich ein einziges Mal. Im Dezember 2006 für “Zelda: Twilight Princess”. Schlimm war das. Nicht wegen des plötzlich einsetzenden Schneeregens über Bielefeld. Und auch nicht, weil ich mangels Taschentücher meine triefende Nase am Jackenärmel abwischen musste. Schlimm war die Erkenntnis, dass selbst etwas so Banales wie ein gehyptes Spiel aus friedfertigen Nerds brutale Berserker machen kann. Auch mir drängten sich, während ich so nichtsahnend von einem Fuß auf den anderen tänzelte, plötzlich düstere Gedanken auf: Sollte ich dem Typen neben mir die angeklebten Elbenohren wegnehmen, um ihn im bevorstehenden Run auf die Elektroabteilung auszuschalten? Würde ich, sobald diese erste Gemeinheit begangen wäre, die Frau mit den Fäustlingen wegschubsen, um es vor ihr auf die Rolltreppe zu schaffen? Als ein verschüchterter Elektrofachverkäufer uns die Ladentüren aufzog, brach das Chaos aus. Ich sah dicke Nerds zum Flash werden. Ich sah Teenager um das aluverpackte Spiel kämpfen und den Elbentypen (warum auch immer) heulen. Dass ich moralisch unbefleckt und samt Spiel da rausgekommen bin, ist ein Wunder. Und so sehr ich mich jetzt auf “Zelda: Skyward Sword” freue – am 18. November dafür anstehen? Danke, nein.

Es ist Sonntag, 19 Uhr. Wir sitzen in einer Bar im Hamburger Schanzenviertel, kauen Kaffeebohnen, trinken Bier, plaudern. Über die Beziehungen, die wir führen, über Dinge, die wir gerne einmal täten. Und spätestens gegen 20 Uhr landen wir dann – bei Facebook. Wir lästern über Nervensägen, die wir aus unserem Newsfeed gekickt haben, wir lachen über Videos, die wir uns auf die Profile gepinnt haben, und wir fragen uns, ob es wirklich eine gute Idee war, unsere Eltern als Freunde zu adden.

Ich mag das. Manchmal nervt es. Aber die meiste Zeit macht der Digital-Lifestyle-Smalltalk Spaß, genauso viel wie den Digital Lifestyle mit Smartphone, Apps und Social-Media-Bla zu leben. Und wenn ich mich in der Bar umsehe, sind da bestimmt ein Dutzend Displays, die sich aus dem Halbdunkel lösen. Darauf: blaue Facebook-Logos, Twitter-Vögel, von Instagram aufgestyle Fotos. Es ist Sonntag, 20 Uhr, und nicht nur wir – alle in der Hamburger Szenebar scheinen bei Facebook und Co. angekommen zu sein. Ich finde mich wieder als Digital Inhabitant in einer Welt von Digital Inhabitants. Und ich fühle mich wohl damit. Sehr.

Doch dann fällt mir ein: Ich müsste mal wieder mit J. & U. sprechen. J. & U. sind die letzten meiner Freunde, die ich nicht über Facebook, WhatsApp und Co. erreichen kann, sondern ausschließlich telefonisch. Wenn ich sie googele, finde ich: falsche Anschriften bei Yasni. Sonst nichts. J. & U. existieren in der digitalen Welt so gut wie gar nicht, weil sie sich ihr in weiten Teilen verweigern. Wenn J. & U. jetzt in der Bar säßen, würden sie sich unglaublich über unseren Digital-Lifestyle-Smalltalk ärgern. Vielleicht würden sie die Hamburger Szenebar sogar um 20 Uhr genervt verlassen. Und ich: hätte ein schlechtes Gewissen.

Aber wieso eigentlich? Ich sitze in einer Bar umgeben von Internetmenschen in einer Stadt von Internetmenschen in einer Welt, die Schritt für Schritt digitalisiert wird – und trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den Digital Lifestyle mag. Ich bin bei der Arbeit und im Privatleben daueronline – und halte trotzdem das Telefon noch immer für das “richtige” Kommunikationsmittel und Facebook und Co. für die verwerflichen falschen. Sollten sich nicht viel eher J. & U. allmählich darüber Gedanken machen, sich einen Facebook-, Skype- oder WhatsApp-Account zuzulegen, um mich jederzeit online zu kontaktieren? Könnten nicht genauso gut J. & U. ein schlechtes Gewissen haben?

Wenn J. & U. aus meiner sozialen Wirklichkeit verschwinden würden, weil es im Digitalen keine Anknüpfungspunkte mehr zu ihnen gibt, dann wäre das schade. Sehr schade. Deshalb werde ich sie auch weiterhin anrufen. Aber das schlechte Gewissen, das ich habe, weil Facebook und Co. meine Hauptkommunikationsmittel sind, das trainiere ich mir jetzt ab.

Als ich “Call of Duty: Modern Warfare 3″ (seit 8. November erhältlich) starte, ploppt ein verheißungsvoller Warnhinweis auf meinem Fernseher auf: “Es kann sein, dass manche Spieler einige Spielinhalte in einer der Missionen als anstößig empfinden”, steht da reichlich verschwurbelt. “Hätten Sie gerne die Möglichkeit, diese Inhalte zu überspringen?” Darauf kann es für mich nur eine Antwort geben: “Ich möchte die Mission spielen”. Ich möchte alle Missionen spielen. In voller Länge. In all ihrer Rohheit. Nachdem die vielen anderen Teile der “meistverkauften Spielreihe in der Geschichte der Xbox 360″ einfach an mir vorbeigegangen sind, will ich jetzt endlich die brachiale Gewalt von “Modern Warfare” kennenlernen – und mir auch eine Meinung über die zuweilen umstrittene Kriegsspielserie bilden.

Ich starte das Spiel, und in der folgenden Dreiviertelstunde passiert viel. Unglaublich viel: Zuerst ballere ich mich als US-Soldat durch ein zertrümmertes New York. Blase mit einer Gatling Helikopter vom Himmel. Tauche zu einem U-Boot hinab, um es mit Sprengstoff in die Luft zu jagen. Liefere mir zwischen zig brennenden Kreuzern und Flugzeugträgern eine Schlauchbootverfolgungsjagd. Dann erlebe ich als Leibwache des russischen Präsidenten dessen Entführung aus seinem Privatflugzeug mit. Stürze mit besagter Maschine über der osteuropäischen Pampa ab. Werde in der schneeüberzogenen Landschaft in weitere Scharmützel verwickelt … Ja, in der ersten Dreiviertelstunde passiert bereits eine ganze Menge.

Nur bei mir, da tut sich nichts. Überhaupt nichts. Während auf dem Bildschirm ein atemloses Gefecht dem nächsten folgt, bleibt es in mir erstaunlich ruhig. Weder empfinde ich das Dauergeballer im Vergleich zu anderen Shootern als übermäßig schrecklich – noch kickt mich die filmische Inszenierung von “Modern Warfare 3″ sonderlich. Meine innere Meinungswaage ist perfekt austariert. Der Grund: Ich habe einfach keine Zeit, um nachzudenken oder die Pros und Cons des Spiels ernsthaft gegeneinander aufzuwiegen. Nicht einmal in den Videosequenzen zwischen den Missionen komme ich dazu, weil ich mich angestrengt auf die Story zu konzentrieren versuche. Und bekomme doch nur die Hälfte mit: Es ist Krieg. Aber ob meine militaristischen Alter Egos zum Frieden beitragen oder nicht, keine Ahnung, ist auch irgendwie egal, eine Sekunde später geht’s schon wieder nur noch darum, mich durch einen schlauchartigen Level zu kämpfen. Hier laufen neue Armeen auf. Da rollen weitere Panzer an. Und bäm! bäm! bäm!, wird wieder irgendwo irgendwas spektakulär gesprengt. “Modern Warfare 3″ ist eine einzige, prachtvolle Aneinanderreihung permanenter Sinnesbelästigungen – die einen völlig aushöhlen, den Geist entleeren. Es ist krass.

Andere Spiele haben mich schon nach fünf Minuten unheimlich begeistert oder gnadenlos angekotzt. “Modern Warfare 3″ hat, so eigenartig das auch ist, völlige Gleichgültigkeit provoziert. Aber irgendwie ist keine Meinung zu haben ja auch schon wieder ein Positionsbezug, oder?

Unrealistisch; über weite Strecken uninspiriert; am Ende fürchterlich pathetisch … Ihr könnt “Lost” so viel kritisieren, wie ihr wollt. Zwischen der ersten Seriensekunde, in der Jack Shepard seine Augen öffnet, und der letzten, – Achtung, Spoiler! – in der er sie wieder schließt, liegen für mich sechs großartige Jahre erstklassiger Fernsehunterhaltung, Punkt. Und als J.J. Abrams’ Drama/Mystery-Serie vergangenes Jahr ihr Ende fand, gab es danach im TV nichts mehr, für das ich mich derart begeistern konnte.

Klar habe ich in die umschwärmten AMC-Werke “Mad Men”, “Breaking Bad” und “The Walking Dead” (von deren Comicvorlage ich ein großer Fan bin) interessiert hineingeschaut. Und natürlich bin ich auch bei den Mainstreamsitcoms “The Big Bang Theory” und “How I met your Mother” auf dem neuesten Stand. Die sind auch alle gut gemacht. Aber dafür gesorgt, dass ich früh morgens aufstehe, um mir vor der Uni oder Arbeit die aktuelle Folge zu streamen, hat keine dieser Serien. Weder die bereits genannten noch die freieren Settings von “Heroes” oder “FlashForward” konnten jene immense Projektionsfläche für alle möglichen Theorien und Gedankenspiele liefern, wie “Lost” es vermochte. Und aus meinem Bekanntenkreis weiß ich: Seit dem Ende von J.J. Abrams’ Hit ist auch bei vielen anderen die alltagsbestimmende Begeisterung für Serien verschwunden.

War’s das also? Wird es nach “Lost” zwar noch gute Fernsehunterhaltung, aber keine Überserien mehr geben, die unsere Fantasie herausfordern? Die uns dazu treiben, nächtelang durch Fan-Wikis und -Foren zu surfen, um Antworten auf unsere Fragen zu finden oder zumindest zufrieden festzustellen, dass wir mit ihnen nicht alleine sind?

“Terra Nova”, im Herbst auf Fox in den USA angelaufen, macht Hoffnung, dass es ein Überserienleben nach “Lost” gibt. Immerhin zwängt uns die Serie weder ins historisch-authentische Korsett der 60er-/70er-Jahre wie “Mad Men”, “Playboy Club” oder “Pan Am” noch in die begrenzte Vorstadtwelt des Walter White aus “Breaking Bad”. “Terra Nova” bietet als Sci-Fi-/Mystery-/Drama-/Dino-Mix wieder Platz für Fantasie, für Theorien, für Rumgespinne.

Die Story in Kürze: Im Mittelpunkt von “Terra Nova” steht eine Familie. Die reist aus dem Jahr 2149, in dem die Erde überbevölkert und heruntergewirtschaftet ist, gemeinsam mit anderen Pilgern 85 Millionen Jahre in die Vergangenheit, um im Urzeitdschungel noch einmal von vorne anzufangen. Mit diesem Setting ist “Terra Nova” eine Mischung aus “Earth 2″, “Star Trek” und “Jurassic Park” und bietet genug Raum für fantastische Abgedrehtheiten, wie sie das Inselszenario bei “Lost” zugelassen hat. Und wie bei “Lost” ploppen bereits beim “Terra Nova”-Piloten andauernd neue Fragen auf, die auf eine epische Hintergrundstory verweisen und das Potential haben, in Internetforen oder nächtelangen Gesprächen mit Freunden diskutiert werden zu können: Was hat es mit dem geheimnisvollen Lucas Taylor auf sich, der alleine durch den Urwald streift und merkwürdige Formeln auf Felswände zeichnet? Und weshalb betrachten “die Sixers” – eine Gruppe von “Anderen” – um die eiskalte Mira die Kolonie Terra Nova als Gefahr für die Zukunft der Menschheit? Man sieht dabei zu, wie die Familie in braunen Landrovern durch die Urzeit heizt, gegen Dinos kämpft, auf sich allein gestellt ist in einer geheimnisvollen Welt – und man fühlt sich so wie damals auf der Insel, man will die Geheimnisse dieser Welt kennenlernen, besser jetzt als gleich, noch eine Folge und noch eine Folge sieht man sich am Stück an. Ja, “Terra Nova” fühlt sich nach Überserie an …

Aber um J.J. Abrams’ Hit einigermaßen vergessen zu machen, muss die von Steven Spielberg mitproduzierte Serie noch ein großes Manko überwinden: Sie muss das biedere Flair der Familiensaga abschütteln (einige IMDB-User bezweifeln bereits jetzt, dass das geschehen wird). Zu sehr geht es – zwar am Rande, aber doch – um Liebeleien zwischen Teenagern und Eifersüchteleien zwischen Erwachsenen, die zwar die Charaktere schärfen, aber letztendlich zu nichts führen.

Wenn “Terra Nova” die Kitschecke nicht verlässt, dann stehen wir bald wieder bei Null mit der Suche nach der neuen Überserie. Aber halt, nicht ganz, immerhin gibt es ja noch “Awake”. Wann die NBC-Serie, zu der es bislang lediglich einen grandiosen Trailer gibt, anläuft? Hoffentlich bald. Es wird Zeit, endlich über “Lost” hinwegzukommen.

In eigener Sache: Spielplatz

18. September 2011

In den vergangenen Monaten ist nicht viel passiert auf Mediatopia. Das hat mit einem neuen Projekt zu tun, an dem ich derzeit mit meinem Kumpel Henning Ohlsen sowie weiteren jungen Journalisten und Grafikern arbeite: Spielplatz. Was genau Spielplatz ist, erfahrt ihr in unserem Entwicklungsblog. Für Mediatopia bedeutet das nicht das Ende, der Blogoutput wird aber auch in den kommenden Monaten eher gering sein. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit – und bis hoffentlich bald!

Buch: Social Web

11. Juni 2011

- ein Gastbeitrag von Meike Nießen

Wir stecken längst mittendrin im Social Web. Revolutionen werden im  Internet gestartet, Bilder und Videos erreichen uns von überall her und zu jedem Zeitpunkt – schnell und unkompliziert. Die Möglichkeiten und Funktionen sozialer Netz-Applikationen sind mittlerweile nicht nur annähernd grenzenlos, sondern auch extrem unübersichtlich.

„Social Web“ bringt Ordnung in dieses virtuelle Chaos und bietet einen breiten Einstieg in alle wichtigen Themen rund um das soziale Leben im Netz. Die Autoren setzen dabei nicht auf komplexe Programmiersprachen und allzu technischen Erklärungen. Vielmehr ist das Buch ein gelungenes Einführungswerk und eine medienwissenschaftlich-soziale Annäherung an das Phänomen „virtuelle Vernetzung“.

Die 311 Seiten sind in vier Kapitel gegliedert. In der Einleitung werden Begriffserklärung und Entstehungsgeschichte des Social Web behandelt. Das zweite Kapitel („Praxis des Social Web“) besteht aus vielen nützlichen Unterpunkten wie Wikis, Blogs oder Social Sharing, die ausführlich und anhand von Beispielen erläutert werden. Der dritte und theoretische Teil („Theorie des Social Web“) befasst sich mit Geschäftsmodellen, rechtlichen Aspekten und allem, was man wissen muss, um das Social Web privat wie beruflich zu nutzen. Wie das soziale Netz der Zukunft aussehen könnte und von welchen Einflüssen seine Entwicklung abhängt, wird im letzten Kapitel („Ausblick) untersucht.

Hilfreich sind auch die Übungsfragen nach jedem Unterpunkt, mit denen man sein neu erlerntes Wissen selbst testen kann.

Wer sich täglich im Netz bewegt wird einige dieser Fragen durch den regelmäßigen Umgang mit Facebook und Co. auch ohne das Buch beantworten können. Als Nachschlagewerk und Einstiegslektüre für diejenigen, die sich genauer für das soziale Netz interessieren oder es beruflich nutzen möchten, ist „Social Web“  dagegen sehr empfehlenswert.

Die zweite Auflage von „Social Web“ ist 2011 in der UVK Verlagsgesellschaft erschienen.

Expedition ins Ungewisse

21. April 2011

In Hamburg kamen gestern Abend Giovanni di Lorenzo, Katharina Borchert, Sascha Lobo und Thomas Osterkorn für eine Podiumsdiskussion zusammen. Um die Veränderung von Verlagen im Umfeld von Internet und Social Media sollte es dem Titel der Veranstaltung nach gehen. Tatsächlich prägten Sticheleien den Abend – und das Publikum war zu recht empört. Eine Eventkritik

„Expedition ins Ungewisse: Welche neue Medienwelt entdecken Verlage, Web und Social Media?“ – das Thema der Podiumsdiskussion: Superspannend. Die Teilnehmerliste: Vielversprechend. Kein Wunder also, dass rasch alle 450 Plätze für den von news aktuell organisierten Media Coffee in Hamburg vergeben waren. Doch was Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit, Katharina Borchert, Geschäftsführerin von SPON, Werbemann und Internetguru Sascha Lobo sowie Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn am Mittwochabend zustande brachten, war den Wirbel um das Event nicht wert. Immer mal wieder ging ein genervtes Raunen durchs Publikum. Bereits nach einer halben Stunde verließen die ersten Zuschauer das Audimax der Bucerius Law School. Und Thomas Osterkorn beendete den Abend resigniert mit den Worten: “Entschuldigen Sie, dass wir hier eineinhalb Stunden lang Ihre Zeit verschwendet haben.”

Was war geschehen? Den ersten Fehler des Abends beging Moderator Thomas Knüwer. Anstatt ein Gruppengespräch zu beginnen, ging der Unternehmensberater und Blogger lieber jeden Diskussionsteilnehmer einzeln an: Katharina Borchert musste sich dem Vorwurf stellen, SPON werde immer boulevardesker; Giovanni di Lorenzo sollte sich für ein viel zu seichtes Zeit-Interview mit Thomas Middelhoff rechtfertigen; und Thomas Osterkorn sollte erklären, wieso stern.de den Erwartungen seiner Leser nicht gerecht werde. Ein bisschen Sticheleien in Ehren – doch wie Knüwer versuchte, sich vor den Medienmachern als Platzhirsch aufzuspielen, stieß sowohl der Diskussionsrunde als auch dem Publikum zu recht übel auf. Und um Social-Media-Dienste und Apps in der Verlagswelt? Ging es lange Zeit gar nicht. Mehrfach forderten Zuschauer, Knüwer solle endlich zum Punkt kommen. Doch das kam er nicht. Schließlich war es Sascha Lobo, der – sich mehrfach dafür entschuldigend – effektiv in Knüwers Moderation grätschte und das Ruder übernahm.

Doch auch danach wurde es nicht wirklich besser. “Lokale Unternehmen werden ihre schmalen Werbebudgets in Zukunft in Foursquare investieren”, vermutete Borchert einmal; Osterkorn prophezeite den Aufstieg des hyperlokalen Journalismus im Netz. Doch diese Thesen wurden nie ausdiskutiert. Auch nach Knüwers Verstummen lieferte die Runde keine neuen Erkenntnisse zum Thema oder etwa praktische Beispiele zum Umgang mit Social-Media-Diensten in ihren Redaktionen.

Anstatt beispielsweise einmal ganz konkret abzuwägen, mithilfe welcher Internettechnologien neue, spannende Darstellungsformen entstehen könnten, beackerten die vier Redner lediglich den Status quo und stellten die immergleichen (und dem anwesenden Fachpublikum inzwischen altbekannten) Fragen: Sollen wir Paywalls um unsere Angebote ziehen? Alle Print-Artikel auch ins Netz bringen? Sofort in Innovationen investieren oder erst einmal den Markt beobachten? Endgültige Antworten fand die Runde natürlich auch an diesem Abend nicht. “Expedition ins Ungewisse ist ein hervorragender Titel für diese Veranstaltung”, spottete Osterkorn. “Damit ist alles gesagt. Wir können jetzt ein Bier trinken gehen.”

Zum Schluss fand Knüwer seine Stimme wieder und ließ das Gespräch mit einem kurzen Exkurs zum Leistungsschutzgesetz ein letztes Mal an Fahrt verlieren. Froh war man, als sich die Runde auflöste. Immerhin: Es gab einen Livestream. Und auch die Twitterwall (via @crieger) über der Bühne, auf der alle Tweets zur Veranstaltung gesammelt wurden, war ein Hingucker. Und schließlich: Das Buffet war gut. Es gab Frikadellen. Und Mozzarella-Tomate-Spießchen. Der nächste Media Coffee selben Themas in Frankfurt a. M. am 21.6. wird hoffentlich fruchtbarer. Es bleibt aber zu befürchten, dass auch die Diskutanten um ZDF-Mann Peter Frey und WiWo-Chefredakteur Roland Tichy nicht wissen, wohin die Expedition ins Unbekannte geht.

Weitere Kritiken:
Eine Zusammenfassung des Abends im news-aktuell-Blog

(c) Mark Heywinkel 2010-heute.
Dieses Blog wird angetrieben von Wordpress und einer angepassten Version des wunderbaren Thesis Themes. ❤


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