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[Der nachfolgende Artikel ist ursprünglich als Gameskolumne in uMag 12/2011 erschienen.]

“Ha, ha!”, machen die Jungs unisono. “Ha, ha!”, weil ich in “Battlefield 3″ den Typen mit der Bazooka übersehe und er mich mit einem sauberen Schuss ins digitale Nirvana sprengt. “Ha, ha!”, weil mir kurze Zeit später in “Batman: Arkham City” der muskelprotzige Fledermausmann zu Boden geht. Und als ich in “Uncharted 3″ den richtigen Moment verpasse, und Protagonist Nathan Drake aus einem Flugzeug in den Tod stürzt, grölen sie: “Ha, ha, Alter! Zernichtet!” Es ist zum Mäusemelken! Da schleppe ich die Videospielhighlights des Jahres zum Gamesabend an – um mich von meinen Kumpels mit Gelächter für schlechtes Zocken strafen zu lassen. Wer aber meint, so fies ginge es nur in nerdiger Runde zu, der hat noch nicht den Hades gesehen: mit Leuten spielen, die mit Games nix am Hut haben. Dabei landen nämlich immer Titel in der Konsole, die zwar keine Tigerreflexe verlangen, dafür aber mächtig am Stolz kratzen, wenn man versagt. Wissensspiele wie “Buzz!” sind da sehr beliebt. Besonders bei den Mädchen, die wir lieben, weil sie sehr kluge Mädchen sind. Die jedoch gerade deshalb jeden Jungsdiss zur harmlosen Bagatelle verkommen lassen: “Wie, du hast nicht gewusst, dass Liverpool zum Verwaltungsbezirk Merseyside gehört?”, tönen sie weniger ruppig, dafür ungemein vorwurfs- und schmerzvoller. “Und dass Johann Carl Friedrich Gauß den ersten Telegrafen erfunden hat, hast du auch nicht gewusst? Was weißt du denn?” Ein sensibles Ehrgefühl ist in den seltensten Fällen von Vorteil. Beim Gamesabend sollte man es ganz ausblenden. Vor allem im Beisein kluger Mädchen.

In Bielefeld habe ich kürzlich Jo. wiedergesehen. Er studiere jetzt in Aachen, berichtete Jo., die Stadt sei okay, nach dem Studium wolle er trotzdem da weg. So kamen wir darauf zu sprechen, welche deutsche Stadt denn wohl die schönste sei. Wir sprachen über Berlin, über München, über Köln. Doch als ich in diesem Zug von Hamburg erzählen wollte, blockte Jo. plötzlich ab. “Deine Facebook-Posts tauchen immer ganz oben in meiner Timeline auf”, erklärte er. “Ich weiß schon, was du in Hamburg so treibst.”

An jenem Abend meißelte Jo. in Stein, was mir mein Hamburger Freundeskreis schon lange nachsagt: Ich bin einer dieser Hardcore-Nutzer mit Smartphone und Flatrate, die ihre Kontakte mit konstantem Geposte schon mal zur Weißglut treiben. Ich bin eine Social-Media-Nervensäge, zuweilen sogar ein furchtbarer Social-Media-Poser.

Leugnen? Kann ich das nicht. Die Beweislast ist schier vernichtend. In meiner Facebook-Timeline finden sich: Fotos von leckeren Gerichten, die uns Kumpel M. einst kredenzte; überschwängliche “Hach, wie schön das ist ❤”-Posts, die ich von Konzerten absetzte; ein Video, in dem ich “Mr. Brightside” von den Killers auf dem Keyboard covere; Updates, in denen ich auf meine neueste Artikelveröffentlichung verweise … So ziemlich alles, was man im Social Web tun kann und/oder nicht tun sollte – sei es auf Facebook, Twitter, Foursquare etc. – you name it, I did it!

Ein Einzelfall bin ich damit aber nicht. Wer im Social Web aktiv ist, muss sich zwangsläufig mit diesen Vorwürfen beschäftigen – und einen Weg finden, damit umzugehen.

1. Der Nervensägen-Vorwurf

Den Nervensägen-Vorwurf nehme ich mir nicht so zu Herzen. Schließlich habe ich die Sichtbarkeit meiner Nachrichten bereits arg eingeschränkt. Viele Updates sind nur für einen ausgewählten Kontaktkreis, einige sogar nur für mich selbst einsehbar. Und wer sich dennoch von meinen Nachrichten gestört fühlt, kann mich einfach aus seinem Newsfeed bannen. Eine Nervensäge bin ich nur für die, die mich zu einer machen wollen, Punkt.

2. Der Poser-Vorwurf

Der Poser-Vorwurf trifft mich hingegen härter. Vor allem, weil ich bei jedem Update geradezu penibel darauf achte, nicht nach Poser zu klingen. Gerade wenn ich auf jüngste journalistische Arbeiten oder mediatopia-Artikel hinweisen möchte, bemühe ich mich, diese Posts nicht als Egoshow zu inszenieren. Das ist tough. Und ich bin sehr unsicher, ob ich das jedes Mal schaffe.

Grundsätzlich halte ich Social-Media-Posing aber nicht für verwerflich – sofern es aus vernünftigen Gründen geschieht. Wenn L. auf Fuck Yeah Internet einen neuen Rant gegen Dienst xy raushaut und ihn auf Facebook verlinkt, kann man das als Wichtigtuerei hoch zehn begreifen. Man kann L.s erfrischend wütende Texte aber auch als tolle Unterhaltung verstehen. Wenn D. darauf hinweist, dass bald ihr zweites Album kommt, dann mag auch das für manche Angeberei sein. Ich hingegen freue mich über die Info. Ich finde es sogar legitim, wenn T. Fotos von seinem neuen Auto zur Schau stellt. Wie T. auf einem Bild lässig an der Kühlerhaube des BMW lehnt, ist Angeberei der ekligsten Sorte. Aber man muss T. ebenso wie L. und D. zugute halten: Sie erzählen Geschichten aus ihrem Leben, die für sie relevant sind. T. hat sein Wahnsinnsgehalt für eine Wahnsinnskarre rausgehauen – und dass er das kann und getan hat, freut ihn so sehr, dass er das der ganzen Welt (oder zumindest seinem Freundeskreis) zeigen möchte. Man kann das prollig finden, finde ich selbst auch. Aber sein Social-Media-Posing kommt von Herzen. Und alles, was von Herzen kommt (und niemandem schadet), sollte auch ruhig kommen dürfen.

Social-Media-Posing wird erst widerlich, wenn es der Langeweile entspringt. Den Striptease auf DailyBooth zum Beispiel finde auch ich nervtötend. Ist ja grundsätzlich nicht schlimm, wenn Mädchen und Muskeltypen täglich andere Teile ihres Körpers in die Kamera halten. Aber weil die Begründung für diese Fotos häufig “Lol, I’m sooooo bored“ oder “Just chillaxing …” lautet, schwenke auch ich die Poser-Fahne. Langweilige Posts von gelangweilten Leuten sind wirklich nur eines: langweilig. Aber auch hier gilt: Wer mein, T.s, L.s oder D.s Gepose dennoch abartig findet, der soll aufhören rumzunölen und uns aus seinem Newsfeed bannen, Punkt.

So, gleich werde ich einen neuen Link auf Facebook posten: Ich habe das Design für ein inhaltlich großartiges Blog von zwei wundertollen Mitstreitern meines Abenteuers Leben gemacht. Der Post mag euch nerven. Aber immerhin kommt er von Herzen.

“Zelda: Skyward Sword” – erscheint: morgen! – bekommt viel Lob und traumhafte Wertungen. IGN bezeichnet den neuesten Teil der Reihe sogar als besten “Zelda”-Titel überhaupt (siehe Video). Als jahrelanger Fanboy komme ich da natürlich nicht drumrum, mir das Spiel zuzulegen. Doch anders als noch vor ein paar Jahren werde ich diesmal nicht dafür anstehen … [Der nachfolgende Artikel ist ursprünglich als Gameskolumne in uMag 11/2011 erschienen.]

Für ein Videospiel angestanden habe ich ein einziges Mal. Im Dezember 2006 für “Zelda: Twilight Princess”. Schlimm war das. Nicht wegen des plötzlich einsetzenden Schneeregens über Bielefeld. Und auch nicht, weil ich mangels Taschentücher meine triefende Nase am Jackenärmel abwischen musste. Schlimm war die Erkenntnis, dass selbst etwas so Banales wie ein gehyptes Spiel aus friedfertigen Nerds brutale Berserker machen kann. Auch mir drängten sich, während ich so nichtsahnend von einem Fuß auf den anderen tänzelte, plötzlich düstere Gedanken auf: Sollte ich dem Typen neben mir die angeklebten Elbenohren wegnehmen, um ihn im bevorstehenden Run auf die Elektroabteilung auszuschalten? Würde ich, sobald diese erste Gemeinheit begangen wäre, die Frau mit den Fäustlingen wegschubsen, um es vor ihr auf die Rolltreppe zu schaffen? Als ein verschüchterter Elektrofachverkäufer uns die Ladentüren aufzog, brach das Chaos aus. Ich sah dicke Nerds zum Flash werden. Ich sah Teenager um das aluverpackte Spiel kämpfen und den Elbentypen (warum auch immer) heulen. Dass ich moralisch unbefleckt und samt Spiel da rausgekommen bin, ist ein Wunder. Und so sehr ich mich jetzt auf “Zelda: Skyward Sword” freue – am 18. November dafür anstehen? Danke, nein.

Es ist Sonntag, 19 Uhr. Wir sitzen in einer Bar im Hamburger Schanzenviertel, kauen Kaffeebohnen, trinken Bier, plaudern. Über die Beziehungen, die wir führen, über Dinge, die wir gerne einmal täten. Und spätestens gegen 20 Uhr landen wir dann – bei Facebook. Wir lästern über Nervensägen, die wir aus unserem Newsfeed gekickt haben, wir lachen über Videos, die wir uns auf die Profile gepinnt haben, und wir fragen uns, ob es wirklich eine gute Idee war, unsere Eltern als Freunde zu adden.

Ich mag das. Manchmal nervt es. Aber die meiste Zeit macht der Digital-Lifestyle-Smalltalk Spaß, genauso viel wie den Digital Lifestyle mit Smartphone, Apps und Social-Media-Bla zu leben. Und wenn ich mich in der Bar umsehe, sind da bestimmt ein Dutzend Displays, die sich aus dem Halbdunkel lösen. Darauf: blaue Facebook-Logos, Twitter-Vögel, von Instagram aufgestyle Fotos. Es ist Sonntag, 20 Uhr, und nicht nur wir – alle in der Hamburger Szenebar scheinen bei Facebook und Co. angekommen zu sein. Ich finde mich wieder als Digital Inhabitant in einer Welt von Digital Inhabitants. Und ich fühle mich wohl damit. Sehr.

Doch dann fällt mir ein: Ich müsste mal wieder mit J. & U. sprechen. J. & U. sind die letzten meiner Freunde, die ich nicht über Facebook, WhatsApp und Co. erreichen kann, sondern ausschließlich telefonisch. Wenn ich sie googele, finde ich: falsche Anschriften bei Yasni. Sonst nichts. J. & U. existieren in der digitalen Welt so gut wie gar nicht, weil sie sich ihr in weiten Teilen verweigern. Wenn J. & U. jetzt in der Bar säßen, würden sie sich unglaublich über unseren Digital-Lifestyle-Smalltalk ärgern. Vielleicht würden sie die Hamburger Szenebar sogar um 20 Uhr genervt verlassen. Und ich: hätte ein schlechtes Gewissen.

Aber wieso eigentlich? Ich sitze in einer Bar umgeben von Internetmenschen in einer Stadt von Internetmenschen in einer Welt, die Schritt für Schritt digitalisiert wird – und trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den Digital Lifestyle mag. Ich bin bei der Arbeit und im Privatleben daueronline – und halte trotzdem das Telefon noch immer für das “richtige” Kommunikationsmittel und Facebook und Co. für die verwerflichen falschen. Sollten sich nicht viel eher J. & U. allmählich darüber Gedanken machen, sich einen Facebook-, Skype- oder WhatsApp-Account zuzulegen, um mich jederzeit online zu kontaktieren? Könnten nicht genauso gut J. & U. ein schlechtes Gewissen haben?

Wenn J. & U. aus meiner sozialen Wirklichkeit verschwinden würden, weil es im Digitalen keine Anknüpfungspunkte mehr zu ihnen gibt, dann wäre das schade. Sehr schade. Deshalb werde ich sie auch weiterhin anrufen. Aber das schlechte Gewissen, das ich habe, weil Facebook und Co. meine Hauptkommunikationsmittel sind, das trainiere ich mir jetzt ab.

Als ich “Call of Duty: Modern Warfare 3″ (seit 8. November erhältlich) starte, ploppt ein verheißungsvoller Warnhinweis auf meinem Fernseher auf: “Es kann sein, dass manche Spieler einige Spielinhalte in einer der Missionen als anstößig empfinden”, steht da reichlich verschwurbelt. “Hätten Sie gerne die Möglichkeit, diese Inhalte zu überspringen?” Darauf kann es für mich nur eine Antwort geben: “Ich möchte die Mission spielen”. Ich möchte alle Missionen spielen. In voller Länge. In all ihrer Rohheit. Nachdem die vielen anderen Teile der “meistverkauften Spielreihe in der Geschichte der Xbox 360″ einfach an mir vorbeigegangen sind, will ich jetzt endlich die brachiale Gewalt von “Modern Warfare” kennenlernen – und mir auch eine Meinung über die zuweilen umstrittene Kriegsspielserie bilden.

Ich starte das Spiel, und in der folgenden Dreiviertelstunde passiert viel. Unglaublich viel: Zuerst ballere ich mich als US-Soldat durch ein zertrümmertes New York. Blase mit einer Gatling Helikopter vom Himmel. Tauche zu einem U-Boot hinab, um es mit Sprengstoff in die Luft zu jagen. Liefere mir zwischen zig brennenden Kreuzern und Flugzeugträgern eine Schlauchbootverfolgungsjagd. Dann erlebe ich als Leibwache des russischen Präsidenten dessen Entführung aus seinem Privatflugzeug mit. Stürze mit besagter Maschine über der osteuropäischen Pampa ab. Werde in der schneeüberzogenen Landschaft in weitere Scharmützel verwickelt … Ja, in der ersten Dreiviertelstunde passiert bereits eine ganze Menge.

Nur bei mir, da tut sich nichts. Überhaupt nichts. Während auf dem Bildschirm ein atemloses Gefecht dem nächsten folgt, bleibt es in mir erstaunlich ruhig. Weder empfinde ich das Dauergeballer im Vergleich zu anderen Shootern als übermäßig schrecklich – noch kickt mich die filmische Inszenierung von “Modern Warfare 3″ sonderlich. Meine innere Meinungswaage ist perfekt austariert. Der Grund: Ich habe einfach keine Zeit, um nachzudenken oder die Pros und Cons des Spiels ernsthaft gegeneinander aufzuwiegen. Nicht einmal in den Videosequenzen zwischen den Missionen komme ich dazu, weil ich mich angestrengt auf die Story zu konzentrieren versuche. Und bekomme doch nur die Hälfte mit: Es ist Krieg. Aber ob meine militaristischen Alter Egos zum Frieden beitragen oder nicht, keine Ahnung, ist auch irgendwie egal, eine Sekunde später geht’s schon wieder nur noch darum, mich durch einen schlauchartigen Level zu kämpfen. Hier laufen neue Armeen auf. Da rollen weitere Panzer an. Und bäm! bäm! bäm!, wird wieder irgendwo irgendwas spektakulär gesprengt. “Modern Warfare 3″ ist eine einzige, prachtvolle Aneinanderreihung permanenter Sinnesbelästigungen – die einen völlig aushöhlen, den Geist entleeren. Es ist krass.

Andere Spiele haben mich schon nach fünf Minuten unheimlich begeistert oder gnadenlos angekotzt. “Modern Warfare 3″ hat, so eigenartig das auch ist, völlige Gleichgültigkeit provoziert. Aber irgendwie ist keine Meinung zu haben ja auch schon wieder ein Positionsbezug, oder?

Unrealistisch; über weite Strecken uninspiriert; am Ende fürchterlich pathetisch … Ihr könnt “Lost” so viel kritisieren, wie ihr wollt. Zwischen der ersten Seriensekunde, in der Jack Shepard seine Augen öffnet, und der letzten, – Achtung, Spoiler! – in der er sie wieder schließt, liegen für mich sechs großartige Jahre erstklassiger Fernsehunterhaltung, Punkt. Und als J.J. Abrams’ Drama/Mystery-Serie vergangenes Jahr ihr Ende fand, gab es danach im TV nichts mehr, für das ich mich derart begeistern konnte.

Klar habe ich in die umschwärmten AMC-Werke “Mad Men”, “Breaking Bad” und “The Walking Dead” (von deren Comicvorlage ich ein großer Fan bin) interessiert hineingeschaut. Und natürlich bin ich auch bei den Mainstreamsitcoms “The Big Bang Theory” und “How I met your Mother” auf dem neuesten Stand. Die sind auch alle gut gemacht. Aber dafür gesorgt, dass ich früh morgens aufstehe, um mir vor der Uni oder Arbeit die aktuelle Folge zu streamen, hat keine dieser Serien. Weder die bereits genannten noch die freieren Settings von “Heroes” oder “FlashForward” konnten jene immense Projektionsfläche für alle möglichen Theorien und Gedankenspiele liefern, wie “Lost” es vermochte. Und aus meinem Bekanntenkreis weiß ich: Seit dem Ende von J.J. Abrams’ Hit ist auch bei vielen anderen die alltagsbestimmende Begeisterung für Serien verschwunden.

War’s das also? Wird es nach “Lost” zwar noch gute Fernsehunterhaltung, aber keine Überserien mehr geben, die unsere Fantasie herausfordern? Die uns dazu treiben, nächtelang durch Fan-Wikis und -Foren zu surfen, um Antworten auf unsere Fragen zu finden oder zumindest zufrieden festzustellen, dass wir mit ihnen nicht alleine sind?

“Terra Nova”, im Herbst auf Fox in den USA angelaufen, macht Hoffnung, dass es ein Überserienleben nach “Lost” gibt. Immerhin zwängt uns die Serie weder ins historisch-authentische Korsett der 60er-/70er-Jahre wie “Mad Men”, “Playboy Club” oder “Pan Am” noch in die begrenzte Vorstadtwelt des Walter White aus “Breaking Bad”. “Terra Nova” bietet als Sci-Fi-/Mystery-/Drama-/Dino-Mix wieder Platz für Fantasie, für Theorien, für Rumgespinne.

Die Story in Kürze: Im Mittelpunkt von “Terra Nova” steht eine Familie. Die reist aus dem Jahr 2149, in dem die Erde überbevölkert und heruntergewirtschaftet ist, gemeinsam mit anderen Pilgern 85 Millionen Jahre in die Vergangenheit, um im Urzeitdschungel noch einmal von vorne anzufangen. Mit diesem Setting ist “Terra Nova” eine Mischung aus “Earth 2″, “Star Trek” und “Jurassic Park” und bietet genug Raum für fantastische Abgedrehtheiten, wie sie das Inselszenario bei “Lost” zugelassen hat. Und wie bei “Lost” ploppen bereits beim “Terra Nova”-Piloten andauernd neue Fragen auf, die auf eine epische Hintergrundstory verweisen und das Potential haben, in Internetforen oder nächtelangen Gesprächen mit Freunden diskutiert werden zu können: Was hat es mit dem geheimnisvollen Lucas Taylor auf sich, der alleine durch den Urwald streift und merkwürdige Formeln auf Felswände zeichnet? Und weshalb betrachten “die Sixers” – eine Gruppe von “Anderen” – um die eiskalte Mira die Kolonie Terra Nova als Gefahr für die Zukunft der Menschheit? Man sieht dabei zu, wie die Familie in braunen Landrovern durch die Urzeit heizt, gegen Dinos kämpft, auf sich allein gestellt ist in einer geheimnisvollen Welt – und man fühlt sich so wie damals auf der Insel, man will die Geheimnisse dieser Welt kennenlernen, besser jetzt als gleich, noch eine Folge und noch eine Folge sieht man sich am Stück an. Ja, “Terra Nova” fühlt sich nach Überserie an …

Aber um J.J. Abrams’ Hit einigermaßen vergessen zu machen, muss die von Steven Spielberg mitproduzierte Serie noch ein großes Manko überwinden: Sie muss das biedere Flair der Familiensaga abschütteln (einige IMDB-User bezweifeln bereits jetzt, dass das geschehen wird). Zu sehr geht es – zwar am Rande, aber doch – um Liebeleien zwischen Teenagern und Eifersüchteleien zwischen Erwachsenen, die zwar die Charaktere schärfen, aber letztendlich zu nichts führen.

Wenn “Terra Nova” die Kitschecke nicht verlässt, dann stehen wir bald wieder bei Null mit der Suche nach der neuen Überserie. Aber halt, nicht ganz, immerhin gibt es ja noch “Awake”. Wann die NBC-Serie, zu der es bislang lediglich einen grandiosen Trailer gibt, anläuft? Hoffentlich bald. Es wird Zeit, endlich über “Lost” hinwegzukommen.

Nach und nach kommen Games in der Mitte der Gesellschaft an und werden als Kulturgut akzeptiert. Der Dank dafür gilt auch den Musikern, Labelmachern und Konzertveranstaltern, die Nicht-Gamer immer wieder mit Soundtracks für Videospiele begeistern. Einer dieser Missionare ist der kalifornische Komponist Christopher Tin, der mit seinem Grammy-ausgezeichneten Stück “Baba Yetu” (vom “Civilization IV”-Score) dafür sorgte, dass Game-Soundtracks nun regelmäßig die Chance auf den Musikpreis bekommen sollen.

Ein anderer ist der 22-jährige Pianist Benyamin Nuss, den ich im August vergangenen Jahres für die kulturnews interviewt habe. Er konnte mit seinen Konzerten sogar eingefleischte Klassikfans von der Qualität von Game-Scores überzeugen: “Die haben alle anfänglich gerätselt, ob das Stück eine wiederentdeckte Komposition sei. Auf Videospielmusik ist keiner gekommen! Die konnten es gar nicht fassen, als ich das Rätsel gelöst habe. Das zeigt, wie hochwertig die Kompositionen sind.”

Wer trotz alledem immer noch Beweise für die Hochwertigkeit von Spielsoundtracks verlangt oder noch Argumentationsfutter braucht, der sollte sich “The Greatest Video Game Music” (gibt’s zum Beispiel bei Amazon) zulegen. Darauf interpretiert das London Philharmonic Orchestra 21 Videospiel-Themen im mächtigen Klanggewand. Und nicht nur Songs, die man erwarten würde, wie etwa die “Super Mario Bros.”- oder “Final Fantasy”-Themen. Auch aus “Uncharted” und “Elder Scrolls – Oblivion” finden sich Stücke auf der Platte. Und selbst die putzigen Titelmelodien von “Angry Birds” und “Tetris” verwandelt das Orchester in kräftige Songs.

Allein das Albumcover ist grausig. Anstatt die Platte auch für Nicht-Gamer ansprechend zu gestalten und jede nervige Killerspielassoziation im Keim zu ersticken, prangt darauf: ein Soldat. Mit einem brennenden Cello zwischen den Beinen. Dahinter: trist-graue Ruinen. Darüber: ein mit schwerem Geschütz beladener Helikopter. Gewollt cool ist dieses Artwork – und erweckt dazu noch einen vollkommen falschen Eindruck von dieser ansonsten wunderbaren Soundtrack-Platte, die man auch hören kann, wenn man die zur Musik passenden Spiele nicht kennt.