Mark Heywinkel

Silvester. Silvester bin ich zuletzt im Hellen nach Hause gekommen. Und nun gestern beziehungsweise heute beziehungsweise vorhin. Weil wir mit Spielplatz diese Party im Magnet Club co-ausgerichtet haben. Eine Party, von der ich nur die Hälfte mitbekommen habe, weil ich im Spielplatz-Raum dafür sorgen musste, dass die Leute an der Wii zurecht kommen. Ja, richtig gelesen, an der Wii, denn: “RockBar Spezial: Crysis” ist ein neues Party-Format des Magnets, bei dem nicht nur zu Indie und Rock abgezappelt, sondern auch gezockt werden soll. Das CK-99 veranstaltet solche Events schon länger in Berlin, keine Ahnung, wie erfolgreich. Bei uns jedenfalls hat das Konzept fürs erste Mal recht gut funktioniert: Schätzungsweise 100 Leute haben sich über den Abend an den Konsolen ausprobiert und hatten Spaß. Ich auch. Viel mehr Spaß habe ich allerdings jetzt, denn der Abend endet, wie alle guten Abende, im Hellen und mit Pizza im Bett. Einen schönen Sonntag!

Eigentlich sollte es die Kategorie “Plattendrehen im [Monat] [Jahr]“ wie auch die kürzlich ins Leben gerufene Kategorie “Der [Monat] in Texten” schon seit zwei Monaten geben. Aber ich habe es während der Umzugsphase von Hamburg über Bielefeld nach Berlin einfach nicht geschafft, Musik zu hören. Awww, schnüff, jaja, ich weiß, es gibt bedeutend schlimmere Dinge. Trotzdem präsentiere ich nun voller Stolz darüber, dass ich diese Kategorie endlich eröffne, und für mein zukünftiges Ich als Erinnerung an schöne, aufregende Zeiten in der Hauptstadt meine Favoriten der Mai-Playliste! Alle Links führen direkt zu den ungesperrten Youtube-Clips:

In einem Bankgebäude hocken junge Wichser hinter Flatscreens und spekulieren mit Geld. Mit dem Geld der Deutschen. Und weil sie noch mehr Geld verdienen könnten, wenn der Kanzler nur endlich sterben würde, befehlen sie dessen Tod. Da Attentäterin Valerie (Corinna Harfouch) allerdings auch kurz davor ist, das Zeitliche zu segnen, entführt sie die Freundin von Undercover-Bulle Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) und zwingt ihm den Job auf. Hamburgs “Tatort”-Ermittler versucht es erst auf die sanfte Tour und bittet den Kanzler, das Attentat zu inszenieren. Aber auch in dem steckt genug Arschloch, um diese Bitte auszuschlagen. Also probiert Batu es eine halbe Filmstunde später mit roher Gewalt und viel Krachwumm erneut – und stirbt bei dem erzwungenen Mordversuch.

Schnüff. Und uff. Krasses Ende für Cenk Batu.

Das Ganze: eher Verschwörungsstory und Psychothriller als klassischer “Tatort”-Krimi. Mit Charakteren, deren Antrieb man nicht versteht und die vom Kanzler bis zu den offensichtlich durchgeknallten Spekulanten alle unsympathisch sind. Dafür gab’s schöne Bilder, viel Handkamera, Zeitlupe, Flashbacks, Modernität also, der sich die “Tatort”-Reihen üblicherweise störrisch versperren. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt. Dafür zu danken ist Regisseur und Autor Matthias Glasner.

Bei Spiegel Online ist in der “Tatort”-Kritik über ihn zu lesen: “Glasner ist einer der risikofreudigsten Filmemacher des Landes, er dreht ohne Netz, Meisterwerke (‘Der freie Wille’) und Fehl-Kompositionen (‘Gnade’) wechseln sich in seinem Werk ab. Sein erster ‘Tatort’ mit dem schönen Titel ‘Die Ballade von Cenk und Valerie’ sprengt nun die Fesseln des Fernsehkrimis, das Realitätsgebot ignoriert er geflissentlich.”

Ich bin kein Michael-Bay- oder Luc-Besson-Jünger, aber wenn ich mir an dieser Stelle etwas für die zukünftigen “Tatort”-Filme wünschen darf, dann mehr Action, mehr Pathos, mehr Bumbumbum, mehr von Matthias Glasner. Und Til Schweiger – mit dieser Meinung bin ich auch schon wieder konventionell-langweilig – Til Schweiger braucht die Krimireihe nicht.

Da dieses Blog nicht nur als Tagebuch und Gedankenspielplatz, sondern auch als Ergänzung zu meinem Online-Portfolio gedacht ist, werde ich in Zukunft auch stärker auf meine Veröffentlichungen eingehen und am Ende eines Monats resümieren, was wo zu lesen war.

Im April ging Antonias und meine “Germany’s Next Topmodel”-Kritisiererei in Chatform auf yaez.de weiter (zu Folge 78, 9 und 10); fürs uMag habe ich wie jeden Monat eine Technik-Seite mit der Gameskolumne und App-Empfehlungen gestaltet; zur gedruckten Yaez habe ich einen Text über Games für MINT-Studenten beigetragen; auf taz.de ist ein Bericht zum Deutschen Computerspielpreis erschienen. Desweiteren habe ich für die Missy einen Kurztext über Körperbehaarung (ja, richtig gelesen!) geschrieben, der vielleicht im nächsten Heft zu lesen sein wird. Und für die kommende Ausgabe der Bravo Girl habe ich über das Singledasein als Junge geschrieben – allerdings unter Pseudonym.

[Der nachfolgende Artikel ist ursprünglich als Gameskolumne in uMag 05/2012 erschienen.]

“Hit!”, rufe ich und komme aus meiner Deckung hervor. Da werde ich zwei weitere Male getroffen. Ein Gelantinekügelchen zerplatzt an meiner Schulter, eins bohrt sich mir in die Hüfte. Der Schmerz ist stechend. “,Hit!’ habe ich gesagt, verdammt! Ihr habt mich doch schon getroffen!”, brülle ich nun lauter, reiße mein Gewehr nachdrücklich in die Höhe, als Zeichen, dass ich aus dieser Runde ausgeschieden bin, und humpele zum Eingang der Paintballhalle zurück.

Während ich meine blauen Flecken untersuche, die mich noch ein paar Wochen begleiten werden, beginne ich an diesem Freizeitspaß zu zweifeln. Als Kriegsdienstverweigerer habe ich die Bundeswehr vor ein paar Jahren seitenlang von meinem pazifistischen Gemüt überzeugt – jetzt spiele ich Krieg. Auch wenn die Gewehre hier Markierer heißen und die Geschosse Paints: Ich stecke in einer Kampfmontur, ich pirsche von Deckung zu Deckung, ich taktiere, ich drücke ab. Mit 240 Sachen sausen die Kugeln übers Spielfeld. Vor allem an den Händen tut es weh, wenn man getroffen wird. Oft platzt die dünne Haut auf, blutet. Paintball noch als Spiel zu verstehen, fällt mir schwer.

“Das war heftig”, kommen auch meine Freunde überein, als wir mit Lebensmittelfarbe besprenkelt im Bus nach Hause fahren. “Machen wir nicht noch mal, oder?” Niemand hat auf die Schnelle eine eindeutige Antwort parat, denn Spaß hat es ja irgendwie doch gemacht. Erst am Folgetag, als ich wieder an der Spielkonsole sitze und mir Zeit mit dem Action-Spiel “Prototype 2″ vertreibe, lege ich fest: Einmal Paintball ist genug. Wenn ich in Zukunft wieder zur Waffe greife, dann nur zu einer, mit der niemand aus Fleisch und Blut verletzt wird. Und die armen Pixelmonster? Tja, die müssen weiterhin unter meiner schizophrenen Moral leiden.

Mit “Game of Thrones”, “Entourage” und “Boardwalk Empire” ist HBO in letzter Zeit ein Hit nach dem anderen gelungen. Aber die Erfolgssträhne des amerikanischen TV-Senders ist noch nicht vorbei: Am vergangenen Sonntag feierte “Girls” Premiere, und schon der Pilot war großartig. Vor allem Lena Dunham haut einen um, weil sie die Hauptrolle der Hannah Horvath nicht nur ungemein ehrlich spielt, sondern weil die 25-Jährige die Coming-of-Age-Geschichte auch geschrieben und mitproduziert hat. Wie sie die Story dreier New Yorker Mädchen mit Anspielungen auf “Sex and the City” und “Clueless” spickt und sich mit Sprüchen wie “Ich glaube, dass ich die Stimme meiner Generation sein könnte. Oder zumindest eine Stimme einer Generation.” selbstironisch unter den Schemel stellt, ist ziemlich clever und witzig. Angucken!

An einem Donnerstagabend feiern unsere Büronachbarn ihre Einweihungsparty. Über beide gäbe es bestimmt spannende Geschichten zu erzählen. Immerhin trainierte K. die DDR-Boxnationalmannschaft anstatt zu “Eye of the Tiger” zu “Musik, die Spaß macht”. Er trainierte seine Muskelmänner zu Nena und Udo Lindenberg. Heute therapiert er in unserem Nachbarbüro die Körperleiden geschundener Büroarbeiter mithilfe einer selbstentwickelten Heilungsmethode. Seine Kollegin S. macht in Ohrakupunktur und Massagen. Auf einer Kommode in ihrem Büro, das seinem Look und Feel zufolge eher eine Praxis ist, liegt merkwürdiges Instrument, bei dessen Anblick sich mir auf Anhieb zig Fragen aufdrängen.

Bevor ich allerdings dazu komme, K. und S. nach ihrer Praxis und ihrem Leben auszufragen, fällt mein Blick auf ein weiteres von S.’ Behandlungsinstrumenten. Mein Blick fällt auf ihre Blutegel.

Alles, was ich über Blutegel weiß, weiß ich aus Filmen. Nämlich: Wenn man im Dschungel in einen Sumpf stürzt, dann kommt man stets von Hunderten dieser kleinen Würmchen überzogen wieder daraus hervor. Also: Alles, was ich über Blutegel weiß, ist vermutlich Quatsch.

Dementsprechend staunend beobachte ich die braunen Dinger, die direkt an der Wand zu unserem Büro in einem Einmachglas hausen. Zu einem Drittel ist das gläserne Gefängnis mit Wasser gefüllt. Erstaunlich agil schwimmen und krabbeln die Egel darin umher. S. sagt, die Blutegel seien gar nicht so leblos, wie man immer denken würde. Ein Egel habe sie mal gebissen, als sie ihn auspackte, und seitdem trage sie nur noch Handschuhe dabei. “Woraus packst du die denn aus?”, frage ich, und S. drückt mir eine Broschüre der Biebertaler Blutegelzucht in die Hand. Die Egel kämen in Styropor und einem leicht benässten Stoffbeutel per Post. Am besten würden sie beißen, wenn man sich nicht gewaschen habe. Und morgens. Richtige Urzeittiere seien das, sagt S.

Ich starre in das Einmachglas und staune. Nebenan wohnen also medizinische Blutegel (Hirudo medicinalis) aus Hessen. Ich weiß nicht, warum mich die winzigen Gürtelwürmer so sehr faszinieren, aber eines Tages, das nehme ich mir bei der Einweihungsparty unserer Büronachbarn vor, mache ich Urlaub in Biebertal und gucke mir ihre Heimat an.

(c) Mark Heywinkel 2010-heute.
Dieses Blog wird angetrieben von Wordpress und einer angepassten Version des wunderbaren Thesis Themes. ❤


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