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Mark Heywinkel

Schon traurig. Aber das Gros meiner Online-Zeit bewege ich mich in einer selbst geschaffenen Comfort Zone, in der ich fast ausschließlich mit Freunden und Bekannten in Kontakt trete. Die vielen Möglichkeiten, die das Internet anbietet, um Fremde kennen zu lernen und multikulturellen Austausch zu betreiben, die nutze ich gar nicht.

Als ich eines Nachts durch 9gag auf Omegle.com aufmerksam werde, starte ich jedoch ein Experiment.

Ich nehme mir vor, über die Chatseite, die jeweils zwei anonyme Gesprächspartner zusammen bringt, so viel kulturellen Austausch zu betreiben, wie es eben geht. In einer halben Stunde will ich möglichst viel erfahren über die mir zugewürfelte Person, die von überall auf der Welt stammen kann. Ich will wissen, in welchem Land sie lebt, wie sie lebt, was sie tut und was sie bewegt.

So kommt es, dass ich eine halbe Stunde lang mit Sandy aus Rumänien chatte.

Sandy ist 20 Jahre alt und studiert im dritten Semester Computer Science in Timisoara. Sie lerne gerade für die nächsten Klausuren, schreibt sie mir, am schwierigsten werde wohl die Arbeit in Computer Architecture. “Da geht es meist um Hardware, und ich will mich lieber darauf fixieren, Programme zu schreiben”, schreibt Sandy. Ob Programmiererin zu sein schon immer ihr Traum gewesen ist, frage ich. “Als Kind wollte ich Musikerin werden”, antwortet Sandy. “Klavier spielen, dann Gitarre, jetzt ist das mein Hobby.” Am liebsten höre sie The Hives und The Horrors, zuletzt sei sie auf dem Konzert einer befreundeten Band gewesen, den Officially Grasshoppers. Ich frage, ob sie schon mal darüber nachgedacht hat, ihre eigene Musik auf Youtube hochzuladen? “Nein, dafür bin ich zu schüchtern”, schreibt Sandy, lädt dann aber doch ein Foto von sich hoch: Sandy ist schlank, hat dunkle, lange Haare, auf dem Bild sitzt sie in Rock und mit Gitarre auf einer Bank, guckt arty vom Fotografen weg. Dass ich das Bild auf mediatopia veröffentliche, möchte sie nicht, mit dem Gespräch könne ich allerdings machen, was ich wolle, schreibt sie. “Hat Spaß gemacht” – dann ist unser Aufeinandertreffen nach einer halben Stunde zu Ende.

Von diesem Gespräch bleibt, bis auf diesen Blogbeitrag, nichts.

Sandy weiß meinen vollständigen Namen, vielleicht wird sie ja auch diesen Beitrag lesen. Ich weiß von ihr nicht mehr als das, was dort oben steht. Vermutlich werden wir uns nie wieder schreiben, geschweige denn sehen. Und dennoch: Schön war das, eine halbe Stunde lang einen Blick in ein anderes Leben zu werfen, die Möglichkeiten des Internets ein Stück mehr auszuschöpfen. Wir sollten das viel öfter tun.

Sehr geehrter Netznutzer, ich heiße dich herzlich im Jahr 2012 und auf mediatopia Willkommen! Nein, so geht das nicht. Zweiter Versuch: Hej, Leser! Schön, dass Sie mediatopia auch im neuen Jahr wieder auschecken! Ach, auch doof. Aber wie spricht man seine Leser im Netz denn nun am besten an? Eine eindeutige Antwort dürften Deutschlands Massenmedien geben können, immerhin kennen sie sich am allerbesten aus mit, nunja, Medien. Doch wenn man sich die Posts von SPON, Zeit, Welt und Co. auf Facebook ansieht, merkt man: Den einen richtigen Weg gibt’s nicht.

Im Hause der Zeit ist man besonders unentschlossen. Zeit Online geht auf Nummer sicher:

Das Zeit Magazin geht der Ansprachenfrage lieber ganz aus dem Weg – und bespaßt seine Leser einfach ohne direkte Anrede mit zuweilen geistreichen Gags.

Mit Witzigkeit versucht auch das Magazin der Süddeutschen zu punkten, verzichtet dabei aber nicht auf das althergebrachte “Sie”.

Dass also auch das Muttermedium nicht ums Siezen herumkommt, dürfte niemanden wundern.

Mit einem spritzigen “Moin, moin” startet die Redaktion von stern.de auf Facebook in den Tag, bleibt nachfolgend jedoch ebenfalls dem “Sie” treu, das wir bereits aus dem gedruckten Stern sowie von der Website kennen.

Spiegel Online gibt sich progressiv und ihrzt und euchzt …

… wohingegen die Community Manager des gedruckten Spiegel der Ansprache ihres Hefts treu bleiben – und ihre Leser siezen.

Welt Online? Geht der direkten Anrede der Leser konsequent aus dem Weg. Die junge Welt Kompakt kommt mit einem großgeschriebenen “Ihr” daher.

Und die Redaktion der FAZ? Macht es sich leicht, schreibt überhaupt nix, sondern postet störrisch kahle Links.

Auch bei der Tagesschau wird nicht groß rumgeschwafelt – und ebenso auf eine Anrede verzichtet.

ZDF heute setzt aufs “Sie”.

“Du” gibt es bei Massenmedien gar nicht. Vielleicht kann ich das ja mit mediatopia besetzen? Also: Hallo, lieber Leser! Schön, dass du 2012 zu mir gefunden hast. Schau mal wieder rein!

Von Mottos halte ich in der Regel nichts. Mit einem herzlichen “Carpe diem” oder “Memento mori” durchs Leben zu stiefeln, halte ich für ebenso sinnvoll, wie seine Kinder taufen zu lassen oder Nachrichten, die privat sein sollten, öffentlich auf Facebook-Profile zu posten. Trotzdem scheint es mir so, als hätte ich 2011 unbewusst nach einem Rilke-Vers gelebt: Du musst dein Leben ändern. 2011 habe ich Bielefeld hinter mir gelassen und bin vollständig in Hamburg angekommen. Ich habe mich professionalisiert. Ich habe mit tollen Menschen eine neue Idee in die Welt gesetzt. Ich habe mich verliebt. Schließlich habe ich eine Ahnung davon bekommen, wer ich sein möchte, und einen konkreten Plan entwickelt, wohin ich mit mir will. Kurz: Ich habe mich grundlegend verändert, vermutlich so stark wie noch nie zuvor in meinem Leben. Und weil 2011 so wichtig war, passiert als letzte Amtshandlung für dieses Jahr auf mediatopia das, was wohl spätestens am 31.12. auf einem persönlichen Blog passieren muss: Das Jahr wird zusammengefasst – in diesem Fall nach dem Vorbild von Kollege Falk.

Schönste Momente: Der eine Abend am Elbstrand. Alle Abende, an denen Worte wie zernichtet entstanden. Jeder Tag, den ich 2011 in Italien verbrachte. Und jeder Morgen eines Arbeitstages, weil ich wusste: Wo du gleich hingehst, da sind nette Menschen, und dein Beruf ist der richtige für dich.

Größtes Versäumnis: Trotz gutem Einstieg mit gesunder Ernährung und regelmäßigem Schwimmengehen habe ich das geplante Fitnessjahr nicht durchgezogen.

Die schönste Zeit verbracht mit: dem in jeder Hinsicht wunderbarsten Mädchen von hier bis Toronto und darüber hinaus.

Am meisten Zeit verbracht mit: dem besten Bürokollegen, den man sich im Leben vorstellen kann.

Eindrücklichstes berufliches Erlebnis: Eine Flucht aufs Land (PDF).

Wichtigster Song: Schwierig. Ich schwanke zwischen Dan Mangans “Post-War Blues”, Ja, Paniks “Nevermind”, “Holy Holy” von Wye Oak, “Glory” von Radical Face und “Santa Fe” von Beirut. 2011 hatte einfach zu viele gute Songs.

Wichtigstes Gadget: Mein im Mai gekauftes Samsung Galaxy S. Es hat dafür gesorgt, dass ich durch die Welt tingeln konnte, ohne aus der Welt zu sein.

Zeitraubendste App: Foursquare, eindeutig. Irgendwann fängt man an, nicht mehr aus Lust durch Bars und Cafés zu ziehen, sondern weil man möglichst viele Check-ins und Punkte sammeln möchte. Diese App wird auf meinem Smartphone kein 2012 erleben.

Eindrücklichste Filme: Lars von Triers “Melancholia”, “Blue Valentine” und “Ides of March” mit Ryan Gosling sowie “Les amours imaginaires” von und mit Xavier Dolan.

Wichtigste Erkenntnisse: 1. Ich werde zwar immer als freundlich und nett charakterisiert – ich kann aber auch unglaublich unfreundlich und furchtbar verletzend sein. 2. Ich komme inzwischen damit klar, dass ich es nicht jedem recht machen kann.

Unwichtige Erkenntnis: Die unsympathische Verabschiedungsfloskel “Hau rein!” kann noch überboten werden durch “Sieh zu!”.

Wichtigste Bücher: Ich würde an dieser Stelle gerne “Ulysses” schreiben können, allerdings habe ich James Joyces Mammutwerk auch dieses Jahr nicht geknackt. Dafür landen in dieser Aufzählung Molières “Der eingebildete Kranke”, J. D. Salingers “Der Fänger im Roggen” und “Grau” von Jasper Fforde, weil ich mit ihnen den meisten Spaß und über sie am meisten nachgedacht habe.

Schönste Konzerte: Boy im Knust. Wye Oak im Molotow. Und The Head And The Heart im Uebel & Gefährlich.

Der hirnrissigste Plan: Viele fanden es bekloppt, dass ich einem Plüschtier eine Facbeook-Seite angelegt habe. Am Ende hatten aber an Schorsch, das hoffe ich, auch andere Spaß.

Die wichtigsten Spiele: “Portal 2″ und “L.A. Noire” für Xbox 360. “Zelda: Skyward Sword” für Wii.

Spannendste Ausstellungsbesuche: In diesem Jahr gab es gleich mehrere sehr interessante Ausstellungen: “Phantasie an die Macht – Politik im Künstlerplakat” im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Die Sammlung im Felix Nussbaum Haus in Osnabrück. Und vor ein paar Tagen erst gesehen: “Picasso 1905 in Paris” in der Bielefelder Kunsthalle.

Spannendster Theaterbesuch: Da ich 2011 nur einmal ins Theater gekommen bin, fällt die Wahl leicht: “Hiob” im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Das Stück war aber tatsächlich gut.

Schönster im Web gefundener Spruch: “Everything will be okay in the end. If it’s not okay, it’s not the end.”

Bestes Webvideo: Das Mash-up “The Greatest Speech Ever Made”.

2011 in einem Wort: Prägend.

Gute Vorsätze für 2012: Von denen halte ich genauso viel wie von Mottos. Aber wer weiß schon, was morgen ist.

[Der nachfolgende Artikel ist ursprünglich als Gameskolumne in uMag 01+02/2012 erschienen.]

Eben schlurft Kollege Falk ins Büro, wendet sich Carsten zu und sagt: “Carsten, ich möchte mit dir über Sex sprechen.” Und dann mit anzüglichem Blick in meine Richtung: “Mark kommt in diesem Gespräch auch vor.” Kurz darauf setzt er sich hin und schreibt eine Kolumne über Sexismus. Die steht auf Seite 6 … Nicht nur Kulturredakteure wie Falk müssen sich regelmäßig dem Sexismusvorwurf stellen, viel häufiger wird er Game-Entwicklern und Spielern angedichtet. Und in der Vergangenheit war das ja auch richtig. Männer in Videospielen waren durch die Bank muskelbepackte Einzelgänger. Und Frauen? Kamen in Games entweder gar nicht vor oder traten als Opferfiguren oder überzeichnete Lustobjekte in Erscheinung. Paradebeispiel: Lara Croft. “Tomb Raider” ist nicht etwa so beliebt geworden, weil darin eine smarte Archäologin die Hauptrolle spielt, sondern weil in dem Adventure eine virtuell optimierte Männerfantasie ihre Monstermöpse schwingt. Heute aber ist die Gamergesellschaft weitaus progressiver. Einige moderne Spiele überwinden sogar als einzige Medien aktiv Gendergrenzen. Während in Filmen und Büchern die Geschlechterrollen der Akteure noch fast immer klar definiert sind, muss Mark Heywinkel im Spiel nicht länger als kerniger Macho die Mafia unterwandern. Viele Games geben mir die Möglichkeit, auch als androgyner Tilda-Swinton-Verschnitt umher zu streifen. Und, das ist das Wichtige, ohne dass das irgendjemanden in den Onlinewelten scheren würde. Im Virtuellen lösen sich sexuelle und soziale Unterschiede auf. Games, das sind die ersten Welten, in denen wir völlig frei sind.

Weitere Stimmen zum Thema “Sexismus in Videospielen”:

Nach drei Minuten will ich es wieder deaktivieren, das neue Facebook-Profil. Krampfhaft suche ich nach der Disable-Option, schlage im Hilfearchirv nach, frage U. und H. – doch es ist nichts zu machen. Mein Profil heißt ab jetzt Chronik und bildet mein gesamtes Leben ab. Vom Tag meiner Geburt bis heute und darüber hinaus.

Wenn ich jetzt Fotos hochlade, fragt Facebook mich nicht mehr nur, wer darauf zu sehen ist. Facebook will auch genau wissen, wann das Bild entstanden ist und wo. Auf einer Karte soll ich eintragen, zu welchem Zeitpunkt ich an welchem Ort gewesen bin. Ich soll dem Netzwerk „Lebensereignisse“ anvertrauen, ihm verraten, wann ich mit wem in einer Beziehung war, zu welchem Zeitpunkt ich mir ein Haustier zugelegt oder einen Knochenbruch erlitten habe. Dass Facebook alles über seine Nutzer erfahren will, ist nichts Neues. Mit der Chronik ist nun aber die Infrastruktur dafür geschaffen, dass all unsere Erlebnisse genau kategorisiert und kartografiert werden können.

Schön ist das nicht.

Und trotzdem: Nachdem ich die Chronik ein paar Stunden genutzt habe, gefällt sie mir immer besser. Ich kann nun wichtige Ereignisse hervorheben, Posts umdatieren, mein Profil durch ein großes Titelbild individualisieren (was einige Kreative schon ziemlich gelungen genutzt haben). Vor allem aber kann nicht nur Facebook mein ganzes Leben durchscrollen – ich kann das auch. Ganz einfach. Durch einen Klick in die Timeline rechts springe ich zu dem Tag zurück, an dem ich mich bei Facebook angemeldet habe (11. Dezember 2008). Dann wiederhole ich die letzten drei Jahre im Zeitraffer. Ich wollte schon immer konsequent Tagebuch führen und fand es schade, nie das nötige Durchhaltevermögen aufgebracht zu haben. Und nun wird mir bewusst: Ich habe in den letzten drei Jahren Tagebuch geführt, sogar ziemlich penibel. Mit Fotos, mit Videos, mit – zugegeben: wenigen – Ortsmarkierungen.

Auf Facebook kann ich jetzt sehr benutzerfreunldich mein Leben nachverfolgen, mir Momente in Erinnerung rufen, die ich beinahe vergessen hatte. Und wenn man alle Datenschutzbedenken mal ausblendet, dann ist das nach einer kurzen Gewöhnungsphase schön. Sogar sehr.

Meine Mutter ist bei einem Facebook-Vortrag gewesen.

Ein Mann sei da nach vorne gekommen, vermutlich ITler, und habe technisches Bla über Virenschutz von sich gegeben. Eine öde halbe Stunde lang. Alle hätten sich gelangweilt. Dann sei der ITler endlich verschwunden, und ein anderer Mann habe losgelegt. Jung und schnittig sei er gewesen, Mitarbeiter einer Bielefelder Werbeagentur. Ein Kreativer, ein Vertreter der ostwestfälischen Avantgarde. Dementsprechend witziger sei der Vortrag dann auch gewesen – der Nutzwert allerdings ebenfalls gering. „Es ging darum, wie Facebook und Twitter in Handwerksunternehmen genutzt werden können“, fasste meine Mutter zusammen, „aber wie man das nun wirklich in der Praxis macht, hat er nicht gezeigt.“ Meine Mutter nahm nicht viel mit von jenem Abend.

Vor ein paar Monaten habe auch ich mehrere Facebook-Vorträge besucht.

Bei einem sollte ein Hamburger Soziologiestudent, der sich in einer Arbeit mit dem Netzwerk beschäftigt hatte, die Auswirkungen von Facebook auf unser gesellschaftliches Miteinander zusammenfassen. Doch so weit kam er gar nicht, denn im Publikum saßen hauptsächlich Menschen über 50, die erst mal wissen wollten, wie Facebook überhaupt funktioniert. Das Problem an der Sache: Der Student wusste das selbst nicht so genau. „Ich habe das bisher auch noch nicht gemacht“, sagte er häufig oder: „Ich bin ja kein regelmäßiger Nutzer.“ Es war furchtbar. Da saß einer, der über Facebook erzählen sollte, Facebook aber offenkundig doof fand. Was der über die gesellschaftlichen Auswirkungen erzählt hätte, will ich im Nachhinein auch gar nicht wissen.

Ein weiterer Vortrag richtete sich an Journalisten. Für den hatten sogar zwei der sonst so öffentlichkeitsscheuen Mitarbeiter von Facebook Deutschland ihr Hamburger Büro verlassen, um Empfehlungen auszusprechen, wie Medienleute ihr Netzwerk nutzen könnten. Ich erwartete: einen Facebook-Vortrag aus erster Hand, reichhaltige Insidertipps, so etwas wie Social-Media-Erleuchtung. Es gab: Fragen von irgendwelchen Radiojournalisten, die wissen wollten, wie man eine Seite anlegt. Und von Seiten der Facebook-Mitarbeiter Tipps wie „Posten Sie nicht zu viel am Tag“ oder „Fotos und Videos haben in unserem System einen höheren Wert als Links oder Textposts“.

Ich bin enttäuscht.

Facebook ist der Place to be. Für dich und mich als Privatleute sowieso, aber auch für Unternehmen, für NGOs, für Künstler. Alle posten sie Texte, Fotos, Videos, Links. Meine Timeline fließt manchmal wie der „Matrix“-Code an mir vorbei, viel zu schnell, als dass ich alles lesen könnte. Und wenn ich mal nicht im Netz bin, lese ich in der Zeitung von Demos, die über Facebook organisiert werden oder von Partys, die besser nicht über Facebook hätten organisiert werden sollen. Auf dem und durch das größte soziale Netzwerk unserer Zeit passiert so viel – wie kann es sein, dass Vorträge darüber dermaßen öde und nichtssagend sind? Ich bin mir sicher, dass da mehr drin ist. Warum stellt sich nicht mal einer der Community-Manager von der Bahn, einem Modeunternehmen oder aus einem Gruner + Jahr-Medium hin und erzählt aus seinem Arbeitsalltag? Und gibt es da draußen nicht auch einen Soziologiestudenten, der Facebook tatsächlich nutzt, um adäquat gesellschaftliche Trends zu beobachten?

Vorhin erfuhr ich via Facebook: Mit der Konjunktur sieht’s 2012 nicht so pralle aus. Aber vielleicht findet im kommenden Jahr mal ein Facebook-Vortrag mit Gehalt statt. Zur Not stell ich selbst einen auf die Beine.

Am Samstagabend geht im Kino das Licht wieder an. Groß ist die Enttäuschung: Dieser Film, er hätte so viel besser sein müssen.

Immerhin hat Andrew Niccol mit der “Truman Show” und “Gattaca” bereits mindestens zwei brillante Streifen abgeliefert. Für seinen neuesten Thriller hat er nun mit Cilian MurphyJohnny Galecki und Vincent Kartheiser nahezu sämtliche Nebenrollen optimal besetzt. Und vor allem wartet sein “In Time” mit dieser großartigen dystopischen Prämisse auf!

In der Zukunft ist die Menschheit unsterblich, ab 25 Jahren altert niemand mehr. Nur: Um die Population zu regulieren beginnt bei jedem mit 25 auch eine Digitaluhr auf dem Unterarm zu ticken. Wer sich keine neue Zeit dazuverdient, der stirbt. Als der Getto-Boy Will Salas (Justin Timberlake) 116 Jahre von einem lebensmüden Uptowner geschenkt bekommt, nutzt er diese neugewonnene Zeit, um zum Robin Hood der Postmoderne zu avancieren. Mehr noch: Will zieht los, um das fragwürdige Währungs- und Gesellschaftssystem – in dem viele sterben müssen, damit wenige unendlich lange leben können – zum Fall zu bringen.

Mit diesem Plot reiht sich “In Time” mühelos in die Liga von Klassikern wie “1984″ und “Schöne neue Welt” ein. Sehr sympathisch ist auch, dass Niccol seine Dystopie nicht in eine Welt voller fliegender Autos oder Raumschiffe verlagert, sondern das Setting mit Münztelefonen und Fabriken recht heutig aussehen lässt.

Und trotzdem will “In Time” nicht zünden.

Weder liegt das an Justin Timberlake, der gelegentlich wie der ausdrucksarme zukünftige “Tatort”-Kommissar Til Schweiger daherkommt. Noch liegt es an den inspirationslosen Verfolgungsjagden, die einen Großteil von “In Time” ausmachen. Schuld trägt der Schöpfer Niccol selbst: Der Regisseur und Autor traut der Stärke seiner Grundidee einfach nicht.

Dabei ist sie immens. Zwei Beispiele: Als Will in der Zone der Reichen ankommt, steigt er aus dem Taxi und beginnt aus Gewohnheit zu laufen. Die schwarzgekleideten Schnösel blicken ihn irritiert an. Warum rennt der Typ, wenn man hier doch alle Zeit der Welt hat? Oder: Als Will in einem Casino der bildschönen Tochter des Bankiers Philippe Weis begegnet, sagt dieser: “Sie fragen sich jetzt sicher, ob das meine Tochter, meine Frau oder meine Mutter ist …” Solche kleinen Details forcieren die spannenden Fragen, die man als Zuschauer an den Film hat: Wie verändert sich das Verhalten derer, die jeden Morgen mit einer Lebenserwartung von gerade mal einem Tag aufwachen? Wie wirkt sich völlige Zeitlosigkeit auf die Psyche der Reichen aus? Und wie funktioniert überhaupt das Zusammenleben in einer Welt, in der man ab 25 Jahren nicht mehr altert, in der nicht länger ersichtlich ist, wer Vater und Sohn, wer Mutter und Tochter ist?

Niccol spielt mit diesen Fragen. Er zwingt sie einem auf, indem er beispielsweise die makellose Olivia Wilde als Justin Timberlakes doppelt so alte Mutter besetzt. Aber anstatt diese Fragen weiter zu verfolgen und zu beantworten, degradiert Niccol sie zu müden Pointen und biedert sich mit Action dem Kommerz an. Anstatt ein glaubhaftes Bild von dieser Gesellschaft zu vermitteln, lässt er Amanda Seyfried lieber fünf Minuten länger in Highheels rumsprinten. Um dem Film dann wieder ein bisschen Substanz zurückzugeben, bemüht er ein paar Mal Darwin-Referenzen – jedoch vergebens. So bleibt “In Time” einer der schlechteren Sci-Fi-Thriller. Zu Poppig und knallig und in seiner politischen Message zu wenig nachdrücklich.

Dieser Film, er hätte groß sein können. Mit ein bisschen mehr von dem, was Protagonist Will Salas in rauen Mengen hat: Nicht Zeit, nein, sondern Mut zur eigenen Stärke.