Fünf Grundsätze für die Aufbereitung von Online-Artikeln

18. Juni 2010

Auf Basis der zuvor genannten Unterschiede von Print- und Online-Artikeln komme ich nun zu den Grundsätzen der Aufbereitung, an die sich Online-Redakteure halten sollten. Wer Ergänzungen hat – bitte kommentieren oder mir mailen!

1. Mit der Linearität des Textes muss gebrochen werden

Print-Texte 1:1 ins Netz zu übertragen funktioniert nicht oder schlecht, weil das Leseverhalten im Netz ein anderes ist. Das amerikanische Poynter Institute hat in seiner Eyetracking-Study herausgefunden, dass Texte im Netz sprunghafter gelesen werden als Texte in Zeitungen oder Zeitschriften. Daraus zieht Klaus Meier in “Internet-Journalismus” die Konsequenz: „Absätze sollten in sich geschlossen sein und für sich alleine stehen können.“

Abbildung 3: Struktur von Print- und Online-Artikel im Vergleich

Es ist also sinnvoll, einen Online-Artikel durch Zwischenüberschriften in in sich geschlossene Abschnitte zu gliedern. Die Zwischenüberschriften sollen dem Leser verraten, welche Informationen in dem nachfolgenden Abschnitt folgen werden. Die Abschnitte wiederum können durch Absätze und Leerzeilen aufgelockert werden, um das Lesen angenehmer zu machen. Mit dem Prinzip der Nachrichtenpyramide kann bei längeren Texten gebrochen werden. Nicht der inhaltliche Aufbau des Textes sorgt für Struktur – das können im Netz ruhig Links erledigen.

2. Hyperlinks müssen sinnvoll eingesetzt werden

Das nicht-lineare Erzählen wird erst durch die Verwendung von Hyperlinks möglich. Sie helfen dem Leser sich zu orientieren und selbst durch komplexe Sachverhalte leicht zu navigieren. Für die Verwendung von Links sollte gelten:

  • Links müssen möglichst exakt das ankündigen, was der Leser durch sie erhält.
  • Alte, zum Thema passende Meldungen sollten zum besseren Verständnisses des Gesamtkontextes verlinkt werden.
  • Auch Erklärungsbedürftige Begriffe sollten verlinkt werden – der Leser wird dafür dankbar sein.
  • Externe Links, also Verweise auf fremde Angebote, werden noch immer von Redaktionen gescheut. Diese Angst sollte abgebaut werden! Allerdings müssen Redakteure externe Links regelmäßig prüfen, denn es kann vorkommen, dass der fremde Betreiber die Inhalte löscht oder verschiebt.

3. Der Leser muss multimedial informiert werden

Zu den Multimediaelementen eines Online-Artikels können Fotostrecken, Videos, interaktive Grafiken, Audio-Slideshows und daraus entstehende Kombinationen gehören. Die Aufwertung von Artikeln durch diese Elemente – so hilfreich sie auch zur Untermalung eines Ereignisses sein mag – wird noch immer sehr kritisch betrachtet.

1996 befürchtete Journalist Peter Fuchs (in seinem Artikel “Journalismus online – Handwerk mit Zukunft” in: journalist, Nr. 12) noch, zu viele dieser Elemente mit hoher Datengröße, könnten den Datenstrom ausbremsen:

Layoutende Netz-Insider sehen im sparsamen Umgang mit Farbe, O-Ton und Video deshalb – gegen den Trend und den Wunsch ihrer Auftraggeber – ein Qualitätsmerkmal von Online-Seiten.

In Zeiten hoher Datenübertragungsgeschwindigkeit über Breitband lösen sich die Befürchtungen, eine mit Multimediaelementen versehene Website würde zu lange laden, allmählich auf. Heute ist eher umstritten, ob der häufige Einsatz von Fotostrecken oder kurzen Videoclips tatsächlich immer einen Mehrwert schafft und einen Text sinnvoll um Informationen ergänzt.

Für den Einsatz von Multimedia sollte gelten: Der Leser darf sich von Videos und Bildern nicht erschlagen fühlen. Das World Wide Web ist noch immer ein Textmedium, Multimedia hat nur unterstützende Funktion und soll nur verwendet werden sofern sie einen informativen oder emotionalen Zweck erfüllt – und nicht, wenn sie wie im Falle vieler endloser Fotostrecken, nur der Klicksteigerung dient.

4. Der Leser soll sich beteiligen können

Die Beteiligung der Leser zu fördern hat nicht nur den Vorteil, dass sich der Leser ernst genommen fühlt. Ausreichend Kontaktmöglichkeiten sorgen ebenfalls dafür, dass die Leser den Korrekturprozess von Artikeln unterstützen und die Redaktion auf Fehler hinweisen.

Die meisten Nachrichtenportale geben dem Leser die Möglichkeit, seine Meinung über Kommentarfelder direkt unter einen Artikel oder ein Video zu schreiben. Einige bieten Foren an, manche – wie die SZ – bieten gleich ganze Communities an.

Abbildung 4: Collage von Social-Media-Diensten

Gerade für kleine Verlage ist der Aufwand, eine eigene Community zu betreiben, allerdings viel zu groß. Einträge in Foren oder in Kommentarfeldern zu Artikeln müssen kontinuierlich kontrolliert und auf etwaige Gesetzes- oder Regelverstöße geprüft werden – und das kann sehr schnell zu einem zeitaufwändigen Prozess werden. Im Januar 2008 verzeichnete Focus Online 61.000 Artikel-Kommentare. Um diese Menge zu lesen und zu prüfen müssen Praktikanten und freie Mitarbeiter eingestellt werden. Und die Wartung des System verschlingt zusätzliche Ressourcen.

Sinnvoll ist es daher, auf bestehende Communities zurückzugreifen und Artikel über die Verbindung mit Social-Bookmarking-Diensten verbreitbar und kommentierbar zu machen.

5. Artikel müssen aktualisiert und archiviert werden

Wie Print-Redaktionen ein Archiv führen, müssen auch Online-Redaktionen dafür sorgen, dass ihre Artikel auch nach einem Monat oder Jahr noch leicht zu finden sind. Dies sollte nicht nur im Interesse der Redaktion für die interne Arbeit und Prüfung der Artikel erfolgen, sondern auch im Sinne des Lesers, der jederzeit die Zugriffsmöglichkeit auf den von ihm gewünschten Artikel haben sollte.

Viele Online-Magazine bieten daher eine Suchfunktion an, über die auch alte Artikel gefunden werden können. Sinnvoll ist es, jedem Artikel vor der Veröffentlichung Schlüsselbegriffe zuzuordnen, über die die Suche erleichtert wird.

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