24. Mai 2018Keine Kommentare

So setzen sieben deutsche Publisher Facebook-Gruppen ein

Facebook modelt seinen Newsfeed um, und Publisher müssen darauf reagieren, damit ihre Inhalte weiterhin beim Publikum ankommen. Eine häufig empfohlene Strategie – unter anderem von Martin Giesler in einem seiner Social-Media-Briefings im Januar – lautet: Baut Facebook-Gruppen auf und aus!

Aber welcher Nutzen lässt sich aus dem Auf- und Ausbau von Gruppen tatsächlich ziehen? Können starke Gruppen mögliche Traffic-Einbrüche von Seiten ausgleichen? Oder taugen die Communitys nicht viel eher dazu, Protagonist*innen und Themen zu identifizieren?

Ich habe bei ein paar Kolleg*innen nachgefragt, die sich schon länger mit dem Thema beschäftigen, wie sie Gruppen nutzen und was sie bisher gelernt haben. Folgende sechs, alphabetisch nach Medium sortierten Erfahrungsberichte sind bei mir eingetrudelt – ein siebtes Statement hänge ich selbst für ze.tt an, wo ich als Head of Development und stellv. Redaktionsleiter tätig bin.

BILD – Andreas Rickmann

Wir testen Gruppen auf Facebook bereits seit längerer Zeit mit jeweils unterschiedlichen Zielen: Unter anderem wollen wir Input von unseren Nutzern erhalten, engere Verbindungen zu ihnen knüpfen und Feedback abholen. Wir schauen uns auch an, welche Reichweiten unsere Inhalte dort im Vergleich zu Pages erzielen, wie wir Leute auf unser Portal holen und dort zu zahlenden Abonnenten machen können.

Generell sehen wir in Gruppen gute Wachstums- und Interaktionsraten. Thematisch sind wir vor allem in spitzen Zielgruppen unterwegs (Beispiele: Formel 1, WM), haben aber auch ergänzend zu Podcasts Gruppen eingerichtet (Beispiel: Unser Tech Freak Podcast). Nach unseren ersten Erfahrungen sind Gruppen auch eine gute Möglichkeit für Reporter, sich thematische Communities aufzubauen.

CORRECTIV – Jonathan Sachse

Bei CORRECTIV experimentieren wir seit einiger Zeit mit Gruppen auf Facebook. Wir sehen darin eine große Chance, innerhalb des Facebook-Universums die Qualität von Diskussionen zu erhöhen. Es gibt bei uns zwei unterschiedliche Arten von Gruppen.

Zum einen die Gruppen, bei denen wir zu einer Recherche ins Gespräch kommen. Damit haben wir schon vor zwei Jahren mit einer Pflege-Gruppe begonnen, der sich mehr als 1.500 Leute angeschlossen haben. In der Gruppe „Alte Apotheke“ kommen wir zum Apotheker-Pansch-Skandal mit mittlerweile fast 1.000 Leuten ins Gespräch. Bei unserer Bürgerrecherche zum Wohnungsmarkt in Hamburg tauschen sich mehr als 600 Leute in einer FB-Gruppe aus. Das Gute bei solchen Gruppen, die einen Bezug zur Recherche haben: Wir lernen uns gegenseitig kennen und schaffen Vertrauen. Interessierte lernen uns als Reporter kennen. Wir begegnet uns auf Augenhöhe. In manchen Fällen ist die Gruppe somit eine Basis für einen weiteren Austausch, der im besten Fall offline fortgesetzt wird.

Ganz neu ist die Gruppe „CORRECTIV Kaffee Club“. Wir haben vor kurzem einen Buch, Café- und Eventladen in Essen eröffnet und bauen drumherum eine Community auf. Wer dort Mitglied wird, verpasst nichts und erhält immer wieder besondere Angebote. Wir sammeln dort Ideen für Themen, die wir im „Kaffe-Club“ diskutieren wollen.

Huffington Post Deutschland – Jan David Sutthoff

Wir haben aktuell vier Facebook-Gruppen, manche davon schon etwas älter, manche noch sehr jung. Zwei widmen sich Eltern – einer Community, die bei uns sehr stark ist. In der dritten geht es um Europa. Und die vierte stellt „gute“ Nachrichten in den Mittelpunkt.

Einige Gruppenmitglieder diskutieren gerne – und das dann auch auf einem wirklich angemessenen Niveau. Andere treten einfach bei, weil sie sich mit dem Gruppennamen identifizieren, etwa: „I would change my passport into a European one“. Ein bisschen wie bei studiVZ früher.

Ohne Engagement von unserer Seite wachsen die Gruppen nur wenig. Das wollen wir ändern, indem wir die Gruppen in dazu passenden Artikeln oder Newslettern bewerben. Idealerweise finden wir auch unter den Mitgliedern Leute, die Lust haben, Moderator für eine Gruppe zu sein und Unterhaltungen anzustoßen.

Grundsätzlich sind wir überzeugt vom Konzept der Facebook-Gruppen. Wir finden den Gedanken super, Menschen zusammenzubringen, die ein gemeinsames Interesse an einem bestimmten Thema haben. Damit helfen wir ihnen und stärken gleichzeitig unsere Marke.

Krautreporter – Rico Grimm

Die ersten thematisch eingegrenzten Facebook-Gruppen haben wir schon vor vier Jahren gegründet, um Orte zu schaffen, an denen wir mit unseren Mitgliedern gemeinsam an Texten arbeiten zu können. So hatten wir beispielsweise mit einer Gruppe von 15 Mitgliedern dokumentiert, wie viele Menschen Erdogan nach dem Putschversuch verhaften oder entlassen ließ.

Nun, auch nach den Änderungen im Facebook-Newsfeed, haben wir diese Gruppen ergänzt durch eine große offenere Variante mit mehr als 5000 Mitgliedern. In dieser Gruppe weisen wir auf neue Texte hin – aber Reichweite lässt sich mit ihr kaum erzeugen. Dafür ist sie umso besser geeignet für den schnellen Austausch über Themenideen und neue KR-Features. Grob über den Daumen gepeilt, stammt jede vierte oder fünfte Artikelidee aus Diskussionen in dieser Gruppe.

Mit Vergnügen – Matze Hielscher

Wir von Mit Vergnügen schauen immer, wie wir mit unseren Leser und Leserinnen enger zusammen rücken können. Neben einem WhatsApp Club, vielen kleinen Events (GNTM Schauen, Super Mario im Büro zocken) haben wir auch ein paar Facebook-Gruppen.

Interessant ist, dass die interaktivste Gruppe die von unserem Podcast "Klatsch & Tratsch" ist. Dort tratschen jeden Tag die "Klatsch & Tratsch Ultras" über den neusten Gossip und es macht wahnsinnig Spaß, dies zu verfolgen. Man muss sich nicht schlecht fühlen, wenn man sich für den aktuellen Beziehungsstatus von Bonnie Strange interessiert. Die Hosts Max und Elena bekommen hier viele Tipps, hin und wieder auch mal exklusivsten Material, da sich auch ein paar Prominente in der Gruppe befinden. Das landet natürlich im Podcast. So baut sich eine lustige unbd lebendige Community auf, die sich auch untereinander gut versteht. Next step: eine Kreuzfahrt.

piqd – Frederik Fischer

Wir haben mit "piqd: mind the gap" überwiegend gute Erfahrungen gemacht. In kurzer Zeit wuchs die Gruppe auf über 1.300 Mitglieder. Die Diskussionen sind beeindruckend konstruktiv. Es hat sich schnell ein "harter Kern" an heavy Usern gefunden. Insbesondere ein User, hat von selbst den Hut des "Community Managers" aufgesetzt. Wir haben ihn nun als piqer übernommen und überführen so besonders relevante Diskussionen aus der Gruppe zu piqd.

Die Gruppe wächst ohne Zutun kaum. Unsere Wachstumsstrategie: Wir bewerben die Gruppe einmal in der Woche im Newsletter. Das führt jeweils zu ca. 80 neuen Nutzern. Der Traffic spielt für uns keine Rolle. Zum Glück – da kommt kaum etwas bei rum.

Und zum Schluss: ze.tt

Zurzeit betreiben wir bei ze.tt drei Facebook-Gruppen: eine mit schöner Unterhaltung für zwischendurch, eine zu Beziehungsfragen – und die Gruppe "Feminismus – mit ze.tt". Die möchte ich herausstellen, weil sie am besten funktioniert.

Circa 500 Mitglieder diskutieren hier täglich über Inhalte, die sie bei uns oder im Netz gefunden haben. Unser Moderationsaufwand hält sich in Grenzen, da sich die Gruppe weitestgehend um sich selbst kümmert: Nachdem männliche Nutzer antifeministische Kommentare gepostet hatten und klar war, dass sie nicht an einer vernünftigen Diskussion interessiert waren, stieg die Gruppe mit uns in eine Diskussion über die Gruppenregeln ein. Im Dialog klärten wir ab, die Netiquette konsequenter durchzusetzen.

Seitdem wird der Zutritt zur Gruppe von uns genehmigt, die User*innen machen uns auf Verstöße gegen die Netiquette aufmerksam, Kommentare löschen wir unter Bezugnahme auf die Regeln und mit dem Einverständnis der Mitglieder. Eine Kreuzfahrt wird's wie bei Mit Vergnügen erst mal nicht geben; aber wir wollen uns künftig wie etwa Krautreporter verstärkt darum bemühen, Themeninput aus der Community zu gewinnen.

28. Februar 2018Keine Kommentare

So kreativ lassen sich Karussell-Posts auf Instagram nutzen

Wenn Journalist*innen über Instagram sprechen, dann geht es dabei zurzeit meist um Stories. Wie viele Slides sollte eine Storie maximal umfassen, damit die User*innen dabei bleiben? Sollten Stories eine Geschichte auserzählen oder an einem bestimmten Punkt auf einen Artikel verweisen? Welche Erzählformen eignen sich am besten für das Format? Und so weiter.

Alles wichtige Fragen, wenn man sich mit dem Thema Instagram beschäftigt, klar. Aber lasst uns kurz einen Schritt zurück machen. Zurück zum Feed. Ich finde: Wir haben das kreative Potenzial des Feeds journalistisch noch nicht ausgereizt, den Karussell-Post haben wir geradezu sträflich vernachlässigt. Dabei ist er ziemlich toll.

Was ist ein Karussell-Post?

Karussell-Posts (oder Slideshows) umfassen bis zu zehn Bilder. Die Posts können an beliebiger Stelle auch Videos von maximal 60 Sekunden Länge beinhalten. Mobil navigiert man per Wisch durch das Format hindurch. Das Schöne daran: Es entsteht der Eindruck, dass alle Bilder miteinander verbunden sind. Am Desktop verliert das Format ein wenig seinen Reiz: Dort klickt man sich wie durch eine klassische Fotostrecke von Bild zu Bild.

Wo sind Karussell-Posts im Einsatz?

Im Marketing-Kontext taucht das Format verhältnismäßig häufig auf. Modelabels nutzen Karussell-Posts, um Kollektionen gebündelt vorzustellen; Autohersteller präsentieren auf diese Weise neue Modelle; Tourismus-Unternehmen machen Destinationen schmackhaft, die sie ansteuern. Beispiele von H&M und Mercedes:

Ein Beitrag geteilt von H&M (@hm) am

Warum ist das Format für Journalist*innen interessant?

Karussell-Posts eignen sich meiner Meinung nach perfekt, um Geschichten zu erzählen. Der Vorteil gegenüber Stories besteht darin, dass Karussell-Posts über 24 Stunden hinaus verfügbar sind und auch in Artikel eingebettet werden können. Wir könnten Listicles, Tutorials, Erklärer, Mini-Magazine oder clevere Artikelteaser in Karussell-Posts aufbereiten. Wie das aussehen könnte, haben bereits ein paar kluge Menschen vorgemacht. Ein paar Beispiele:

Statt seinen Feed mit drölftausend Urlaubsfotos zu befüllen, gestaltete Johannes Klingebiel ein kleines Fotoalbum samt Annotationen aus dem Material eines New-York-Trips.

Christoph Rauscher experimentiert schon länger mit dem Format. Er erzählte damit bereits kleine Geschichten ...

... und teaserte Arbeiten an.

Für den monothematischen Dossier-Account zur Landshut-Entführung nutzten wir bei Springer den Karussell-Post, um einzelne Protagonist*innen der Geschichte multimedial vorzustellen.

Bei Bild gaben wir auf diese Weise Infografiken ein neues Antlitz:

Ein Beitrag geteilt von bild (@bild) am

Was nervt an dem Format?

Problematisch ist, dass wir den Erfolg eines Karussell-Posts nur oberflächlich analysieren können. Anders als bei Stories spucken die Instagram-Statistiken keine Info darüber aus, bis zu welchem Slide die Zielgruppe gewischt hat. Auch beim Embed des Formats gibt es immer wieder Darstellungsfehler, vor allem bei mehreren Posts hintereinander (was mich auch hier in WordPress dazu bewogen hat, auf Embeds zu verzichten und die Posts als Bilder einzubauen).

Hier gibt's ein Gratis-Template

Wenn ihr gleich loslegen wollt, euch mit Karussell-Posts auszutoben, könnt ihr hier kostenlos und lizenzfrei ein sehr simples Photoshop-Template (circa 9,2 MB) herunterladen, das ich für diesen Versuchspost gebastelt habe. Ich freue mich, wenn ihr mich im fertigen Post vertaggt oder mir einen Link schickt.

Zeigt euren Nutzer*innen mit Karussell-Posts, dass ihr Instagram verstanden habt und auch im Feed zu kreativen Höchstleistungen fähig seid! Leute wie ich werden euch dafür mögen.

Ihr kennt weitere kreative Beispiele für tolle Karussell-Posts? Schreibt sie in die Kommentare!

22. Dezember 2016Keine Kommentare

5 gute Serien auf Netflix für Weihnachten 2016

Endlich frei. Was tun? Serien gucken! Am besten diese fünf.

Easy

Wer das düstere 2016 mit etwas Optimistischem ausklingen lassen will, bekommt bei "Easy" die nötige Wohlfühldosis verabreicht. In der achtteiligen Anthologie-Serie (das heißt, jede Folge ist unabhängig von den anderen) geht's um verschiedene Menschen in Chicago, die mit einem Beziehungsproblem kämpfen. Mal ist es schlechter Sex, mal sind es vermeintlich unüberwindbare Unterschiede zwischen Frischverliebten, mal ist es das Klarkommen als Single. Das Schöne an "Easy": Am Ende finden die Charaktere zu einer versöhnlichen Lösung und entlassen das Publikum mit der Botschaft "Egal, was kommt – es ist alles ganz easy".

Black Mirror

Wie könnte Technologie in Zukunft unsere Gesellschaft verändern? Zum Beispiel: Was für Auswirkungen könnte es für Paare haben, wenn Kontaktlinsen jede Sekunde des Lebens aufzeichnen – würde man als eifersüchtige*r Partner*in in den Video-Erinnerungen des*der Anderen stöbern? Oder: Wenn ein unendliches Leben in einer virtuellen Welt möglich wäre – würde wir es führen wollen auf die Gefahr hin, dass die Erinnerung an das reale Leben und die Menschen, die man geliebt hat, verblasst? Die britische Serie "Black Mirror" stellt in jeder Folge eine Zukunftsvision vor, in der sich die Menschen solchen Fragen stellen müssen. Her-vor-ragend!

Lovesick

Dylan hat Chlamydien und klappert in jeder Folge von "Lovesick" (hieß früher auf Channel 4 "Scrotal Recall") eine andere Ex-Freundin ab, um sie über eine mögliche Infektion zu informieren. In Flashbacks erzählt die Comedyserie, wie Dylan seine Partnerinnen kennenlernte und wie er sich durch die vielen Fehlschläge immer mehr in seine beste Freundin Evie verguckt. Die Hipster-Serie made in Britain ist in hohem Tempo erzählt (jede Folge hat 30 Minuten), die Figuren sind charmant und witzig, und den Soundtrack kann man auch ohne Dylan und Co. in Dauerschleife hören.

Rick & Morty

Vergesst "Futurama"! Die bessere Sci-Fi-Zeichentrick-Comedy-Serie ist "Rick & Morty". Darin folgt Enkel Morty seinem ständig betrunkenen, aber superintelligenten Opa Rick auf wilde Trips durchs All. Was die Serie so großartig macht: 1. Die moralischen Dilemmas, denen sich das Duo in jeder Folge stellen muss, 2. die vielen Anspielungen auf Sci-Fi-Klassiker, 3. der Nihilismus, mit dem einen die Autor*innen der Serie in den Wahnsinn treiben. "Rick & Morty" erinnert einen immer wieder daran, wie unbedeutend unsere Leben für das Universum sind. Das ist zermürbend, traurig, klug, aber auch sehr lustig.

3%

Wir gucken deutsche, US-amerikanische und britische Serien – mit "3%" könnt ihr auch mal eine brasilianische Serie auf eure Noch-zu-sehen-Liste kritzeln. Das Setting: eine undefinierte Zukunft, in der die Reichen auf einer luxuriösen Insel chillen, während die Armen am Festland in Gettos ums Überleben kämpfen. Jedes Jahr dürfen Teenies an einem Auswahlverfahren teilnehmen und mit Glück aufs paradiesische Eiland umziehen. Das gelingt nur – der Titel verrät es – drei Prozent. Die Serie, ein Mix aus "The Hunger Games" und "Lost", folgt einer Gruppe Jugendlicher durch ihre Prüfungen. Schauspielerisch ist das alles eher mäh, die Spannung bleibt in allen acht Folgen aber hoch, hoch, hoch.

Welche Serien bingewatched ihr an den freien Tagen? Her mit euren Tipps in den Kommentaren!

17. Juli 2016Keine Kommentare

„Stranger Things“ ist die beste Horror-Mystery-Serie, die je auf Netflix lief

Wir befinden uns in den 80ern, in einem Kaff in Indiana. Das Schlimmste, das hier jemals passiert ist? "It was when an owl attacked Eleanor Gillespie's head, because it thought that her hair was a nest", erzählt Sheriff Jim Hopper. Und mit diesem Spruch ist das Unglück programmiert: Eines Nachts verschwindet der 12-jährige Will Byers spurlos, bald wird er für tot erklärt. Aber ist er's wirklich? Seine Mutter behauptet, Will bringe aus dem Jenseits Lampen zum Flackern, um mit ihr zu kommunizieren. Wills beste Freunde stolpern in ein Mädchen mit Superkräften, das sie ebenfalls daran zweifeln lässt, dass ihr Kumpel verloren ist. Kompasse spielen verrückt. Ein Monster wird in den Wäldern gesichtet. Und in einer Forschungseinrichtung gehen merkwürdige Dinge vor sich.

Nachdem er vier von acht Folgen der neuen Netflix-Serie "Stranger Things" gesehen hat, schreibt mir ein Freund aus Hamburg: "Ich finde es super spannend, aber irgendwie bisher noch ein bisschen eindimensional von der Erzählung." Ich finde: Das Beste an der Serie ist gerade diese Schlichtheit der Geschichte. "Stranger Things" rollt nicht wie "Lost" oder "Akte-X" ein endloses Rätselraten aus, sondern kommt rasch auf den Punkt. Statt sich in langwierigen Flashbacks zu verlieren, wirft die Gruselserie nur auf sehr ausgewählte Ereignisse im Leben weniger Charaktere einen Blick zurück, um ihre Motivation zu untermalen. Besonders kurzweilig gelingt den Buffer-Brüdern ihre Steven-Spielberg-Hommage, indem sie ihre Charaktere keinen gängigen Filmklischees aus Horror-Streifen aufsitzen lassen. Statt sich über ihre Monstersichtungen auszuschweigen, vertrauen sich die Figuren einander an, brechen das in Filmen und Serien viel zu oft strapazierte Hierarchiegefälle Eltern-Kinder auf und lösen die Rätsel der Geschichte auf diese Weise gemeinsam sehr zügig.

Dazu ein tristes US-Kleinstadt-Setting à la "Twin Peaks". Ein retroesker Soundtrack. Und eine durchweg gute Besetzung. Fertig ist die erste Horror-Netflix-Serie, die ich uneingeschränkt zum sofortigen Bingen empfehlen kann.

11. Juni 2016Keine Kommentare

Drei Lektionen vom dritten Mediensalon

Im August und September 2015 habe ich die ersten beiden Mediensalons veranstaltet. Dabei handelt es sich um eine einstündige Abendveranstaltung, bei der Journalist*innen aktuelle Arbeiten zeigen und sie mit dem Publikum diskutieren. Bei den ersten Salons ging's um Multimedia-Reportagen und Snapchat, diesmal ging's um alle Arten von Videos fürs Netz: um für Facebook optimierte Clips, 360-Grad-Videos und Mobile Reporting. Isa von Heyl (stern), Björn Staschen (NDR), Christian Biernath-Wüpping (RealTV Group) und Jan Kuchenbecker waren zu Gast, um ihre Arbeiten zu zeigen.

Die wunderbare Caro hat den Abend erneut mit tollen Bildern dokumentiert. Mehr davon gibt's auf der frisch überarbeiteten Mediensalon-Seite.

Schnappschuss vom dritten #Mediensalon am 9. Juni 2016 in #Hamburg. Thema war: Videos fürs Netz. #ponybar #journalismus #theta360 #theta360de - Spherical Image - RICOH THETA

IMG_4095

IMG_4101

IMG_4118

IMG_4140

Ich fange in den kommenden Tagen an, das vierte Event zu planen. Wer Ideen, Wünsche und Anregungen für den Abend hat, schicke mir gerne eine Mail.

5. Mai 20162 Kommentare

Wie ich Snapchat nutze. Und ihr so?

Vor einem Jahr habe ich auf der Berliner Digitalkonferenz re:publica Snapchat für mich entdeckt. Zuvor hatte ich mir den Messenger zwar schon mehrfach heruntergeladen und ausprobiert, aber das elende Ding nie richtig verstanden. Erst die coolen Innenhof-Kids der #rp15 haben mir die App mit kunterbunten Selfies schmackhaft gemacht.

Auch andere JournalistInnen müssen diesem #rp15-Gruppenzwang erlegen sein, jedenfalls ploppten ab Mai 2015 immer mehr "Folgt mir auf Snapchat"-Aufforderungen in meinen Feeds auf. Eine Zeit lang brannte ich für die App, veranstaltete einen Mediensalon in Hamburg zum Thema Snapchat und legte auf Vocer die "Journalisten auf Snapchat"-Liste an, die übrigens bis heute aktualisiert wird.

Doch der Flow ebbte irgendwann ab und nun, ein Jahr nach meinem Snapchat-Einstieg, fühlt es sich so an, als hätte sich meine Nutzung irgendwo zwischen "Yay" und "Nay" soweit eingespielt, als dass ich sie zusammenfassen könnte. Fünf Nutzungserfahrungen möchte ich hier mit euch teilen - als Anstoß, um mit euch ins Gespräch über euer Nutzungsverhalten zu kommen. Im Gegensatz zu Facebook, Twitter und Instagram weiß ich darüber noch zu wenig. Vielleicht verirren sich ja sogar ein paar Nicht-Medienmenschen hierher und teilen ihre Erfahrungen, das wäre famos und spannend.

1. Ich habe noch nie gesextet (außer dieses eine Mal aus Spaß)

Auch wenn das Titelbild des Artikels, das ich hier in größtmöglicher Prüderie zensiere, den Anschein macht: Nichts liegt mir ferner als Sexting. Ohnehin benutze ich Snapchat kaum als Messenger, ich verschicke selten Nachrichten und finde die App als Kommunikationskanal ganz furchtbar. Der gute Leander brachte das treffend auf den Punkt:

2. Snapchat gehört zum Einschlafprogramm dazu

Stattdessen fügt sich Snapchat zwischen abendlicher TV-Berieselung und Einschlaf-Podcast als weitere Möglichkeit zum Runterkommen in mein Leben ein. Vor 22 Uhr bin ich so gut wie nie auf Snapchat, vorher habe ich entweder im Job zu viel um die Ohren, kein schnelles Netz oder bin irgendwo, wo ich nicht mal eben ohne Kopfhörer Snaps durchswipen kann. Das Bett ist meine Snapchat-Komfortzone.

3. Ich schaue mir vor allem Snaps von Leuten an, die ich kenne

Die neue Binge-Watching-Funktion, bei der nahtlos in die Snapstory des nächsten Users übergeleitet wird, finde ich ziemlich doof. Wenn ich abends im Bett rumlümmele, fühlt es sich irgendwie merkwürdig und creepy an, in die Leben fremder Menschen zu stieren. Lieber schaue ich erst mal bei denen vorbei, die ich auch im Real Life kenne und getrost beobachten kann; das ist ein bisschen so, als würden sie mir von ihrem Tag erzählen. Erst wenn ich die Snapstorys von Freunden und Bekannten durch habe und immer noch nicht müde bin, schaue ich bei anderen vorbei.

4. Wenn jemand kreativ ist, bleibe ich dabei

Wenn ich nicht ich wäre, würde ich mir meine Snaps niemals ansehen. In den meisten stehe ich einfach nur doof vor der Kamera, erzähle Stuss oder schieße nicht allzu gute Fotos von irgendetwas, das mir im Alltag begegnet. Öde hoch drölf. Was ich abseits von Freundes-Snaps gerne sehe sind Fotos, in die jemand reingezeichnet hat (wie Marie Meimberg), Videos, die mit passender Musik unterleget sind (wie ab und an bei Duygu Gezen) oder Snaps von Menschen, die gerade in der Welt rumtingeln und mich an fremde Orte mitnehmen. Diese Snaps müssen nicht durch einen roten Faden verbunden sein (siehe nächster Punkt), sondern müssen kurzweilig sein und knallen. Snapchat ist für mich ein Eskapismus-Tool, deshalb interessieren mich journalistische Inhalte auch nicht besonders. Ich gucke Bild, bento, Verge und Co. aus beruflichem Interesse, privat will ich über Snapchat aber nicht informiert werden. Ganz nach rechts und damit zu Discover swipe ich in der App selten, höchstens am Wochenende mal, um mich vor der Hausarbeit zu drücken.

5. Aber: Geschichten nerven mich

Auf der #rpTEN und Philipp Steuers #happysnapping-Event predigten ein paar ReferentInnen: Erzählt Geschichten! Mit Anfang und Ende, am besten noch mit Heldenreise, sowas würden die Leute mögen. Offenbar bin ich nicht die Leute. Eine Weile habe ich mit Begeisterung verfolgt, was Richard Gutjahr so erlebt oder was Eva treibt - aber im vergangenen Jahr bin ich auf Snapchat zum Eichhörnchen mutiert: Ich skippe und swipe und springe durch die Snaps in Sekundenschnelle. Inzwischen stelle ich auf stur, wenn mir jemand was erklären will. Evas Snaps gucke ich gerne, aber in Ruhe auf Youtube.

tl;dr: Was mich auf Snapchat interessiert, ist der schnelle Einblick in die Leben von Freunden, ohne roten Faden und fancy Konzept, aber schön bunt und wild. Und euch so?

31. März 20169 Kommentare

A Beginners Guide To Podcasts

Seit ein paar Monaten begleiten mich Podcasts zur Arbeit und zurück, manchmal wiegen sie mich in den Schlaf. Und ich finde immer mehr tolle Serien und Folgen, an denen ich hängen bleibe. Um meine Erkundungsreise durch die schöne neue Podcast-Welt zu ordnen und euch womöglich anzufixen, folgt hier eine kleine Sammlung von Casts und Texten, die ich als besonders hörens- und lesenswert erachte.

Wer weitere Empfehlungen in petto hat, kann sie muss sie mir unbedingt an diese Mail-Adresse oder diesen Twitter-Account senden. Herzlichsten Dank im Voraus.

1. Kuratoren

+ Wer nicht nur Podcasts entdecken, sondern auch Details über die Branche erfahren möchte, landet unweigerlich bei Nicholas Quah. Früher hat der US-Journalist für Business Insider und Buzzfeed geschrieben, jetzt widmet er sich fast ausschließlich den Audio-Formaten. Sein wöchentlichter Newsletter Hot Pod ist ein Essential, wie die coolen Kids heute wohl sagen würden. Wer sein Mail-Postfach am liebsten klinisch rein mag, findet den Newsletter auch als Kolumne beim Nieman Lab.

+ Keinen Bock auf das Branchen-Blabla des Quah? Dann rasch ein Newsletter-Abo von Adolescence is a marketing tool zulegen! Darin rattert die Journalistin Sara Weber in angenehmem Plauderton Hörempfehlungen runter. Auch wöchentlich, auch auf Englisch.

+ Seit die Kriminalstory Serial Podcasts näher an den Mainstream gerückt hat, beschäftigen sich Medien zunehmend mit dem Thema: Redakteure bei Spiegel Online haben unter anderem feine Empfehlungen zusammengetragen, ebenso Mit VergnügenKleinerdrei und Buzzfeed USA.

2. Plattformen

+ Man kann Kuratoren vertrauen – oder geht selbst auf Entdeckungstour. An iTunes kommt man dabei nicht vorbei, hier gibt's immer noch die meisten Podcasts und aktuellen Folgen.

+ Aber auch Spotify füllt die recht junge "Shows"-Sektion eifrig mit Video- und Audio-Beiträgen. Weil ich mein kostenpflichtiges Abo bei dem Streaming-Dienst ordentlich schröpfen möchte, höre ich hier am meisten.

+ Schick gemacht ist auch Acast, quasi das Spotify für Podcasts, und kostenlos ist es auch noch. Vornehmlich gibt's hier die gängigen englischsprachigen Stücke zu hören. Da Acast aus Schweden kommt, finden sich in den Archiven auch viele schwedische Folgen. Bestimmt spannend für die, die's verstehen können.

+ Ja, Soundcloud ist auch eine Fundgrube für Podcast-User. Checke ich aber nur selten, passt nicht in mein Mediennutzungsverhalten. Aber immerhin lassen sich die Casts über Soundcloud am besten einbetten.

+ Noch mit überschaubarer, aber spannender Auswahl kommt Viertausendhertz daher. Die Macher bezeichnen das Angebot als "Label für AutorInnenpodcasts" (bei Vocer findet ihr mein Interview mit Christian Grasse, einem der Gründer). Besonders hörenswert: In "Nur ein Versuch" zeichnet Hendrik Efert nach dem Aufstehen seine Erinnerung an Träume auf und verpackt sie in experimentelle Klangtagebücher (hier geht's zu Folge eins). Und damit wären wir auch schon konkret bei ...

3. Podcast-Empfehlungen

+ Reddit ist eine Fundgrube voller wunderbarer Netzgeschichten. Das weiß die Reddit-Crew am besten und widmet den beachtenswertesten Geschichten den Podcast Upvoted – beziehungsweise ist hier das Präteritum angebracht, seit einem halben Jahr gibt's keine neuen Folgen mehr, schnüff. Die alten sind aber sehr hörenswert.

+ Sampler kuratiert Podcasts, zeigt Ausschnitte, kommentiert, ist megagut. Gerade für den Einstieg. Herrlich vor allem diese Folge über einen Typen, der einen Disneyland-Podcast aufzog:

+ Lore ist besonders eindrucksvoll, wenn man den Podcast nachts hört. Immerhin analysiert Aaron Mahnke darin unsere Ängste und steigt urbanen Horrorlegenden nach. Das Credo: "Sometimes the truth is more frightening than fiction." Uaahhh.

+ Ich habe früher schon Hörspiele geliebt und ich liebe sie jetzt auch noch (bei ze.tt habe ich ein paar spannende Erwachsenen-Hörspiele zusammengestellt). Eher verkopfte, sperrige, zum Grübeln anregende Stücke sammelt der Podcast SWR2 Hörspiel.

+ Ich bin vor vier Jahren nach Berlin gezogen, um ein eigenes Ding aufzubauen – seit ich an diesem Ding nicht mehr baue, bin ich weitestgehend aus der Startup-Szene raus; Startup von Alex Blumberg und Lisa Chow höre ich trotzdem gerne. Womöglich kann ich das dort Gelernte ja noch mal anwenden.

+ Der BBC-Podcast The English We Speak klärt über Slang-Formulierungen und Floskeln auf. Kann man zwar nie anwenden, ist aber trotzdem unterhaltsam.

+ Um mich am Ende mit einer elenden deutschen Floskel unbeliebt zu machen: An Lena Dunham scheiden sich die Geister. Zwar regt mich ihr Charakter Hanna in der fünften Staffel von "Girls" immens auf, von der Schauspielerin, Autorin und seit einer Weile auch Newsletter-Initiatorin (spannende Insights zum Lennyletter gibt's hier) habe ich aber noch nicht genug. Deshalb höre ich ihr sehr gerne zu, wenn sie in der abgeschlossenen Miniserie Women Of The Hour mit unterschiedlichen Frauen spricht.

Und nun: Vergnügliches Hören!

© Mark Heywinkel 2018. Mit Liebe, WordPress und Semplice in Berlin gebaut. Impressum & Datenschutz