18. August 2014 - 1 Kommentar.

Weg mit dem „Vollkasko-Denken“

Er moderiert, schreibt, filmt und will mit Laterpay digitale Inhalte finanzierbar machen. Warum der Journalist und Blogger Richard Gutjahr zum Vorbild taugt.

Wenn der Journalismus Stars hat, dann ist Richard Gutjahr, 41, einer von ihnen. Bescheiden wie er ist, würde er selbst das niemals unterschreiben. Doch nach seinem Auftritt auf der re:publica in der vergangenen Woche in Berlin wird er belagert wie ein Sänger nach einem Konzert. Einige Nachwuchsjournalisten scharwenzeln in der Hoffnung umher, ihm die Hand schütteln zu können. Ein Marketing-Mann versucht, ihm eine Kooperation aufzuschwatzen. Einige Radiokollegen drängen auf ein vermeintlich schnelles Interview. Und einer Dame mit Prada-Tasche soll er persönlich vorführen, wie sie auf seinem Blog Artikel kaufen kann. Am Ende wird Gutjahr sie alle zufriedengestellt haben: Freundlich schüttelt er Hände, hört sich geduldig Werbebotschaften an, beantwortet Fragen und führt sogar mit konstantem Lächeln auf den Lippen durch den Bezahlprozess auf seinem Blog.

Eine Dreiviertelstunde später sitzt Gutjahr etwas abseits des Trubels auf einer Bank. Sein Blick geht in die Ferne. Sein Lächeln ist beinahe ganz aus dem blassen Gesicht verschwunden. In seiner Hand hält er ein Törtchen, von dem er noch keinen Bissen genommen hat. „Ich bin jetzt seit 32 Stunden auf den Beinen“, erklärt Gutjahr mit bedächtigen Pausen zwischen den einzelnen Worten. „Das ist aber ein Ausnahmezustand“, beteuert er. Eine gegenteilige Behauptung hätte man ihm allerdings ebenfalls abgenommen. Immerhin ist der Journalist ungewöhnlich umtriebig: Beim Bayerischen und beim Westdeutschen Rundfunk moderiert er als freier Mitarbeiter Sendungen. Für den „Tagesspiegel“ und die Münchner „Abendzeitung“ schreibt der gebürtige Bonner regelmäßig Texte. Bei Pressekonferenzen oder Veranstaltungen wie dem Webvideopreis steht er als Moderator auf der Bühne. Und dann hat der zweifache Vater auch noch seinen Blog. Seine im vergangenen Jahr für den Grimme Online Award nominierte Website „gutjahr.biz“ wird nicht nur für Reportagen und Video-Beiträge geschätzt. Vor allem die Medienbranche verfolgt seine journalistischen Experimente rege.

In jüngster Zeit steht nur ein einziges Experiment im Zentrum von Gutjahrs brancheninternen Ambitionen: Laterpay. Mit dem Bezahlsystem möchte ein Münchner Start-up dafür sorgen, dass im Netz mit journalistischen Inhalten endlich Geld verdient werden kann (siehe kressreport 02.13). Und Gutjahr hilft dabei – als Mitentwickler wie leidenschaftlicher Botschafter. Um für das Paid-Content-Modell nach dem Bierdeckelprinzip – erst anschreiben lassen, ab einem Betrag von fünf Euro zahlen – zu werben, stellt sich Gutjahr auf der re:publica kritischen Nachfragen und macht online seine bislang marginalen Einnahmen transparent. Salopp gesagt: Er macht sich nackig für die Idee. „Ich finde, dass wir in Deutschland noch zu sehr dem Vollkasko-Denken verfallen sind“, erwidert der Journalist den Laterpay- Skeptikern. „Wir engagieren uns erst dann für etwas, wenn wir uns mit einer 100 %-igen Erfolgsgarantie in alle Richtungen abgesichert haben, dass unser Einsatz auch erfolgreich sein wird. Startups im Silicon Valley, aber auch in Israel und demnächst wahrscheinlich auch in Asien legen ein ganz anderes Tempo vor, weil sie sich nicht davor fürchten, an die Wand zu fahren.“ Mut zum Scheitern propagieren viele. Gutjahrs „Fail faster“-Predigten nimmt man sich jedoch am ehesten zu Herzen, weil er sie selbst lebt. Während sich die Branche in den vergangenen Jahren in selbstmitleidigen und langatmigen Metadiskussionen über ihre Zukunft verloren hat, ist Gutjahr losgezogen und hat Neues ausprobiert.

Aufsehen erregte er vor allem 2011, als er auf eigene Kosten nach Kairo flog, um über die Revolution gegen den ehemaligen ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak zu berichten. Aufgrund seiner gelungenen, auch multimedialen Berichterstattung gelang es Gutjahr anschließend, seine Ausgaben durch Leserspenden wieder auszugleichen. Sein Fazit lautet seitdem, dass Leser auch im Netz bereit sind, für Qualität zu bezahlen. Man müsse ihnen diesen Vorgang lediglich erleichtern. Sich für Laterpay mit vollem Einsatz stark zu machen, habe deshalb keiner langen Entscheidungszeit bedurft, so Gutjahr. „Ich bin ein Bauchmensch und denke häufig gar nicht lange nach, sondern vertraue auf meine Instinkte“, stellt er, ganz Macher, fest. „Ich bin ja nicht erst seit gestern journalistisch unterwegs, habe bei Zeitungen, beim Radio und beim Fernsehen einiges an Erfahrungen gesammelt. Seit etwa zehn Jahren bin ich auch im Silicon Valley und im Netz unterwegs. Da habe ich schon vieles kommen und gehen sehen. Doch wenn mein Gefühl mir sagt, etwas könnte funktionieren, dann gehe ich ,all in‘.“

Für sein Einfach-Machen-Prinzip wird Gutjahr von vielen Kollegen bewundert. Thomas Knüwer erklärte Ende April in seinem Blog Indiskretion Ehrensache, dass jeder Verlag so einen wie Gutjahr brauche. Auch Medienjournalistin Ulrike Langer hofft, dass sich in der Branche mehr Menschen eine Scheibe von Gutjahr abschneiden. Langer und Gutjahr begegneten sich erstmals 2009, bei einem Pizza-Essen ihrer gemeinsamen Twitter-Bekannten in München. „Ich halte Richard für einen der innovativsten Journalisten“, sagt Langer – eben weil er nicht nur „über die Zukunft des Journalismus nachdenkt, sondern Neues am eigenen Leib ausprobiert“. Diese Freude am Experiment ist es, die Langer ihrem Kollegen und Freund als wichtigste berufliche Eigenschaft attestiert. „Die Erfahrungen, die er dabei in seiner bisherigen Karriere gesammelt hat, sind meinen sehr ähnlich: Wenn man etwas wagt und die gewohnten Bahnen verlässt, dann entsteht Gutes daraus“, sagt Langer.

„Ich habe Angst, dass ich von der digitalen Revolution nicht mehr profitieren kann.“ - Richard Gutjahr

Gutjahrs Prozessoren laufen ständig auf Hochtouren, mit seinem mobilen Equipment auf dem Rücken ist er stets bereit, spontan multimedial zu berichten. Wer ihm nacheifern möchte, stellt sich erst einmal die Frage, woher Gutjahr seine Kraft schöpft. Auch während des Gesprächs auf der re:publica regeneriert er nach und nach wie ein Akku. Mit der Zeit kommen seine Antworten wieder flüssiger. Sein trüber Blick klart auf. Schließlich kehrt auch sein höfliches Lächeln zurück, als er seine eigentliche Motivationsquelle offenbart: „Ich habe das Gefühl, dass mir die Zeit wegläuft. Ich habe tatsächlich Angst, dass ich von den Früchten dieser ganzen digitalen Revolution nicht mehr profitieren kann.“ Deshalb versuche er womöglich mehr als andere, Dinge zu beschleunigen. „Manchmal gehe ich damit auch mal einen Schritt zu weit und fahre mit voller Wucht an Wände, die es in großen Sendern oder Verlagshäusern zuweilen gibt. Aber ich bin hartnäckig.“

Allein was seine TV-Ambitionen anbelangt, scheint Gutjahrs Durchhaltevermögen nachzulassen. In den vergangenen Jahren hat er seine Auftritte auf dem Bildschirm zurückgefahren, seinen Platz in der Chefredaktion des BR freiwillig geräumt. „Vor drei oder vier Jahren habe ich noch zu fast 90 % vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelebt, und ich könnte das auch sicherlich noch weiter tun“, stellt er fest. „Aber irgendetwas sagt mir, dass ich die Zeit außerhalb dieses doch sehr sicheren Hafens nutzen muss, um mir Erfahrungen und Fähigkeiten anzutrainieren, die in der Zukunft wesentlich mehr gefragt sein werden als das, mit dem ich in den letzten zwanzig Jahren mein Geld verdient habe.“ Sein Augenmerk liegt derzeit darauf, neue Allianzen zu schmieden. Immer weniger arbeite er mit Journalisten zusammen, dafür aber mit Programmierern und Unternehmern, sagt Gutjahr. „Das heißt, ich erweitere meinen eigenen Horizont, probiere Dinge aus und schaue, ob sie gut gehen. Und wenn dabei etwas rumkommt, und wenn es lediglich ein besseres Verständnis für meine eigene Arbeit ist, dann wird mir das dabei helfen, eines Tages echtes Geld zu verdienen oder meinen Traumjob zu finden.“

In der Zwischenzeit hat sich wieder eine Menschentraube um Richard Gutjahr versammelt. Er verabschiedet sich mit festem Händedruck und stellt das Törtchen neben sich auf die Bank. Er wird ohnehin nicht dazu kommen, es zu essen.


Richard Gutjahr habe ich auf der re:publica 2014 in Berlin getroffen. Dieser Artikel ist in kressreport 09/14 erschienen.

Veröffentlicht von: Mark in Arbeit & Projekte

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