4. Oktober 2013 - Keine Kommentare!

Die Geschichte von Kalifornien an der Ostsee

Kalifornien an der Ostsee

An einem Samstag erzähle ich C. von Kalifornien. Von Kalifornien an der Ostsee. Ich erzähle ihr von dem kleinen Ferienhaus, das meine Großeltern dort seit Jahrzehnten besitzen. Ich erzähle vom weitläufigen Deich und den Sandstränden, die im Sommer mit nackten Füßen unbegehbar sind. Ich erzähle von dem Elfenbeinturm-artigen Gebilde, dem Holm, den meine Schwester und ich als Kinder schon bei der Anreise staunend und vorfreudig aus der Ferne beobachteten. Und während ich all das erzähle, beginnt C. immer breiter zu grinsen und ungläubig den Kopf zu schütteln. "Papperlapapp, Mark", unterbricht sie mich schließlich. "Dieses Kalifornien klingt viel zu schön, um wahr zu sein. Das hast du dir doch nur ausgedacht." Und natürlich hat C. recht: Kalifornien an der Ostsee existiert nicht. Wie Alices Wunderland hinter den Spiegeln oder Endes Phantasien ist auch Kalifornien an der Ostsee lediglich eine Erfindung des Geistes; ein Schauplatz, den jeder wie ein Bastian Balthasar Bux mit Gedanken und Worten aufbauen, umformen und einreißen kann. Ebenso ist die nun folgende Entstehungsgeschichte Kaliforniens eine Lügengeschichte. Ich habe sie nicht recherchiert, sondern sie in einer schlaflosen Nacht erdacht. Keine der darin auftauchenden Figuren hat je gelebt, und jede namentliche Übereinstimmung mit historischen Personen ist ungewollt und zufällig.

Teil 1: Der glücklose Glücksritter

Die Geschichte von Kalifornien an der Ostsee beginnt circa 8.800 Kilometer von Schleswig-Holstein entfernt - an der Westküste der Vereinigten Staaten und mit einem Mann, der den jungen Staatenbund entscheidend prägen sollte: Im Frühjahr 1847 kehrte James Wilson Marshall aus dem mexikanisch-amerikanischen Krieg auf seine Farm am Butte Creek zurück und musste voll Schrecken feststellen, dass man ihn seines gesamten Hab und Gutes beraubt hatte. Die Holzmöbel, das Porzellangeschirr und selbst das ausgeblichene Schachspiel seiner Urgroßmutter, dessen schwarze Steine von den weißen kaum mehr zu unterscheiden waren, hatten Unbekannte sich zu Eigen gemacht. Die eigentliche Katastrophe aber war, dass sich die Diebe auch allen Werkzeugs bemächtigt hatten: Ohne die Spitzhacken, ohne Rechen, ohne Schaufeln und Saatgut konnte Marshall sein Land nicht länger bestellen, und ohne früchtetragende Äcker besaß er schon bald keinen Cent mehr. Das Leben, das er sich vor dem Krieg mühsam aufgebaut hatte, war unwiederbringlich verloren.

Wie Marshall es selbst in einem Tagebuch festhielt, das heute in seinem Geburtshaus in Lambertville ausgestellt ist, stand er damals am wichtigsten Scheidepunkt seines Lebens: "I, immediately, have to decide wether to stay or to leave or I will starve pondering." Sicher wäre es ihm leicht gefallen, sein Bündel zu schnüren und weiterzuziehen - darin hatte er immerhin Erfahrung. Er war bereits von New Jersey nach Indiana und weiter nach Illinois und Oregon gezogen, rastlos und abenteuerlustig. Und er war auch jetzt noch immer jung genug, um sein Leben ein weiteres Mal umzukrempeln. Doch schließlich drängte ihn der Zufall zu einer anderen, folgenschweren Entscheidung: Als ihm der Schweizer Grundbesitzer Johann August Sutter anbot, gegen guten Lohn eine neue Mühle zu errichten, blieb Marshall am Butte Creek. Mit Zimmerleuten und Tagelöhnern, die er von der Straße auflies, begann er den Bau - und machte dabei einen geschichtsträchtigen Fund: am 24. Januar 1848 entdeckte er ein Goldnugget. 23 Karat. Zu 96 Prozent rein. Man muss sich das Gesicht Marshalls vorstellen, des Mannes, der noch vor kurzem geglaubt hatte, all sein Glück auf dem Schlachtfeld verloren zu haben: Unverhofft hielt er diesen Klumpen in Händen. Glänzend. Kostbar. Plötzlich war alles wieder möglich. Doch die Euphorie sollte nicht lange halten: So sehr sich Marshall und seine Anhänger auch bemühten, den Fund geheim zu halten, verbreitete sich die Nachricht vom Gold wie ein Leuchtfeuer. Schnell erfasste zahlreiche Schatzsucher das, was wir heute als kalifornischen Goldrausch bezeichnen. In Scharen pilgerten sie aus aller Welt an die Westküste. Stießen ihre Spitzhacken in den Boden. Schürften in den Flüssen. Und vertrieben den bei seiner weiteren Goldsuche erfolglosen Marshall schließlich aus der Gegend um Butte Creek. Ende 1848 notierte er: "I relinquish my home land to the lucky ones."

Teil 2: Die preußischen Sansculottes

Was aus ihm wurde, ist eine andere Geschichte und für die Entstehung Kaliforniens an der Ostsee nicht mehr wichtig - entscheidend ist, dass Marshall einige Arbeiter am Butte Creek zurückließ, die ohne ihn und die Arbeit an der Mühle nichts mehr mit sich anzufangen wussten. Unter diesen armen Kerlen befanden sich auch drei Geschwister aus Preußen: Die Gruner-Brüder waren wie viele andere junge Männer Anfang der 1840er in der Hoffnung nach San Francisco übergesetzt, in der Neuen Welt ihr Glück zu finden. Doch wie vielen Arbeitern, die des Englischen nur ausreichend mächtig waren, ging auch ihnen recht zügig das Ersparte aus. Als nun auch Marshall als Auftraggeber wegfiel, fassten die Gruner-Brüder im Winter 1849 den Entschluss, in ihre Heimat zurückzukehren. Immerhin besaß ihre Familie in Demmin einen Hof, auf dem sie zwar nicht reich würden, aber zumindest ohne Angst vor dem Hungertod leben konnten.

Ein Schiff für die Überfahrt zu finden, fiel ihnen leicht: Weil sie so schnell wie möglich nach Gold graben wollten, überließen zahlreiche Schatzsucher ihre Schiffe kurz nach der Ankunft im Hafen von San Francisco einfach dem Meer. Mit einiger Anstrengung gelang es den Brüdern, einen Schoner des Namens "California" an Land zu ziehen und binnen weniger Wochen seetauglich zu machen. Allein in Dingen der Navigation mangelte es den dreien an Kenntnis, sodass sie sich in den hafennahen Bars auf die Suche nach Mitfahrern begaben. Dem erst 2007 entdeckten Tagebuch des französischen Abenteurers Henri Daumet (Bruder des Architekten Honoré Daumet) verdanken wir es nun zu wissen, dass die Gruner-Brüder am 14. Januar 1850 in See stachen - mit Daumet als Navigator. Über die Dauer und den genauen Verlauf der Überfahrt hat der Franzose wenig festgehalten, ein lustiges Detail sei hier allerdings erwähnt: Daumet pflegte seine preußischen Begleiter "Sansculottes" zu nennen, wohl aus zweierlei Gründen - zum einen legten die Brüder ein recht fortschrittlich-revolutionäres Denken an den Tag, und bald ging Daumet ihre ständige Parolenschwingerei reichlich auf die Nerven; zum anderen hatten sie aus Ermangelung an Stoff ihre Hosen zerschnitten, um die Takelage zu flicken. Nun, viel mehr lässt sich über die Reise nicht rekonstruieren. Daumet setzte seine Notizen erst nach der Überfahrt im Jahr 1863 fort, als seine Ehefrau Claire in Lyon ihren ersten Sohn gebar; Felix, der viele Jahre später die Brüder Lumière als Protege bei der Entwicklung ihres Cinématographe unterstützen sollte.

Teil 3: Die Fischer

Aber auch all das sind andere Geschichten und für die Entstehung Kaliforniens nicht von Belang. Es sei lediglich betont, dass Daumet es heile nach Hause schaffte - die Gruner-Brüder allerdings hatten weniger Glück. Zumindest muss das angenommen werden, denn die "California" kenterte Anfang der 1850er Jahre vor der schleswig-holsteinischen Küste. In der Nähe von Schönberg nämlich - und damit kommen wir auch zum Ende dieser Geschichte - stießen schließlich die Fischer Claus Meier und Hans Steffen auf Teile der "California" und erbauten 1852 aus ihrem Holz ein Doppelhaus. Groß genug, sodass sie mit ihren kleinen Familien darin wohnen, ihren Fang lagern und verkaufen konnten. Und um dieses Haus, erbaut aus dem nordamerikanischem Holz der "California", bildete sich über die Jahrzehnte eine kleine Siedlung, die fortan Kalifornien genannt wurde - lange Zeit ohne genaue Kenntnis über die eigentliche Herkunft dieses Namens.

Wer sich nun für die jüngere Geschichte Kaliforniens interessiert, kann sie zahlreichen Schwarz-weiß-Fotografien im Restaurant Seestern entnehmen, das heute von den Nachfahren Claus Meiers geführt wird und hervorragende Dorsch- und Schollenspezialitäten auf der Karte führt. Beziehungsweise ist das selbstverständlich nicht möglich. Denn sowohl die Fotografien als auch das Restaurant sind wie Kalifornien an der Ostsee selbst und die Geschichten von James W. Marshall, den Gruner-Brüdern und sogar Henri Daumet bloß dies: Hirngespinste. Das wirre Ergebnis einer schlaflosen Nacht. Schöne Fantasie.

Veröffentlicht von: Mark in Leben & Reisen

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