24. Juli 2013 - Keine Kommentare!

Kritik im Dialog: „Only God Forgives“

Sag mal, wo stehst du eigentlich auf der Kinsey-Skala?

Wo stehe ich auf der was?

Na, auf der Skala des amerikanischen Forschers Alfred Charles Kinsey, mit deren Hilfe die sexuelle Orientierung eines Menschen bestimmt werden soll. Null bedeutet, dass du ausschließlich heterosexuell bist, bei sechs bist du ausschließlich homosexuell. Dazwischen zeichnen sich bisexuelle Tendenzen unterschiedlicher Ausprägung ab.

Verrätst du mir auch, wie das jetzt hier in Zusammenhang mit „Only God Forgives“ stehen soll?

Ryan Gosling auf der Leinwand zu sehen, provoziert es doch regelrecht, als so called eindeutig heterosexueller Mann diese vermeintlich sichere Einordnung einmal in Frage zu stellen, oder nicht? Der Typ ist su-per-scharf! Da kommt doch jeder auf Gedanken! Auch du!

Zugegeben, Ryan Gosling sieht auch in „Only God Forgives“ wieder hervorragend aus. Er stolziert zwar nicht mit „gephotoshoptem“ Oberkörper wie in „Crazy Stupid Love“ daher, aber immerhin dürfen wir zwischendurch seine Oberarmmuskeln begucken. Bloß egal, wie blendend er auch aussieht, du willst ihm den ganzen Film lang in die Fresse schlagen!

Aus Neid?

Ach, Quatsch! Seiner Rolle Julian willst du eins reinzimmern, weil der verkorkste Drogendealer mit Ödipus-Komplex einfach ein doofer mordender Vollpfosten ist – und Gosling selbst willst du prügeln, weil er schon wieder eine Ich-verziehe-keine-Miene-Rolle angenommen hat. „Drive“, „The Ides of Marche“, „The Place Beyond the Pines“, „Only God Forgives“ - jetzt steht fest: Gosling ist kein vielseitiger Charakterschauspieler. Gosling ist überschätzt.

Ehrlich, Mark? Vielen Dank für das Update. Als wäre uns allen das nicht längst bewusst - und obendrauf völlig schnuppe. „Only God Forgives“ wird sich bestimmt niemand in der Erwartung angucken, Ryan Gosling endlich mal in einer großen Charakterrolle zu sehen. Eher sieht man sich diesen Film an, weil man nach „Drive“ so begeistert von der Bildästhetik des Regisseurs Nicolas Winding Refn war. Und jetzt will man das gleiche Feeling ein zweites Mal erleben.

Mag sein.

Ist so. Und, gibt der Film das her?

Jap, was das angeht, ist der 90-Minüter sehr ergiebig. Die Aufnahmen einzelner Locations in Bangkoks Rotlichtvierteln sind allesamt hübsch. Die rote Beleuchtung sorgt für eine klasse bedrohlich-stylische Atmosphäre. Und der Soundtrack von Cliff Martinez ist ebenfalls ziemlich cool. Wer „Drive“ aus ästhetischen Gründen geguckt hat, wird bei „Only God Forgives“ auf seine – wie sagt man so schön? - Kosten kommen.

Na, also. Und warum klingt dieses ganze Gespräch dann schon wieder so, als würdest du den Film runterputzen wollen?

Sorry, insgesamt hat er's einfach verdient, runtergeputzt zu werden. „Only God Forgives“ ist kein besonders guter Film, Punkt.

Und das ist so, weil …?

Er erzählt eine hanebüchene Rachegeschichte. Julians Bruder vergewaltigt und ermordet eine minderjährige Prostituierte – der fiese Polizist Chang gibt daraufhin dem Vater des Opfers die Möglichkeit, Julians Bruder zu ermordern – dann sagen Julian und Co. dem Polizisten den Krieg an, und so weiter. Andauernd wird wer umgelegt, vorzugsweise brutal durch Changs Samurai-Klinge. Dazwischen gibt’s pseudo-symbolische Visionen von Gosling. Wieder Blut. Gosling guckt doof. Bizarre Karaokeszenen. Ein Faustkampf. Gosling guckt noch döfer. Noch mehr Blut. That's it. „Only God Forgives“ ist stylisch, aber ziemlich stumpf.

Oder vielleicht bist du bloß ein überkritischer Sack? Dieser Chang klingt doch interessant. Ein Polizist, der einen Mörder per Selbstjustiz aus dem Weg schafft, wow. Wer spielt den Kerl?

Vithaya Pansringarm. Hat man schon mal in einer Nebenrolle in „Hangover 2“ gesehen, glaube ich.

Und spielt er diese neue große Rolle gut?

Ja, sehr. Wortkarg wie Gosling, aber gut.

Und wer spielt noch mit? Kristin Scott Thomas, nech? Was macht sie da?

Sie ist Julians Mutter Crystal. Sie ist die einzige, die in diesem Film mal sechs Sätze am Stück sprechen darf. Aber ihre Szenen als pöbelnde, dauerrauchende Drogenbossmutti sind durchweg gut.

Aha! Also schon zwei Figuren, für die es sich lohnt, ins Kino zu gehen, richtig?

Ja, schon, aber …

... du kannst kein Blut sehen, das ist es. Du bist ein homophobes Weichei!

Jetzt bekomme ich Lust, dir eins reinzuhauen.

Lass mal. Wir sind doch hier nicht bei „Fight Club“.

[lightgrey_box]"Only God Forgives" (2013), Laufzeit: 90 Minuten, Regie und Buch: Nicolas Winding Refn, Darsteller: Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Vithaya Pansringarm u. a.[/lightgrey_box]

In Kooperation mit thegap.at

Veröffentlicht von: Mark in Film & Fernsehen

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