28. März 2013 - Keine Kommentare!

Istanbul für Anfänger
oder: Charmant-einlullend ist anders

istanbul

„Everyone is looking for something else in Istanbul“, sagt Selim. Vor uns hätten zum Beispiel zwei Italiener bei ihm gewohnt, die ausschließlich zum Lesen in die Stadt gekommen seien. „They've stayed in their room for two days", erzählt unser Gastgeber und lacht. Und dann guckt er mein Lieblingsmädchen und mich prüfend an, als wolle er jetzt unsere Beweggründe für die Reise an den Bosporus erfahren.

Wir sind definitiv nicht von Tegel nach Atatürk geflogen, um dann eine Woche lang in Selims hübscher, aber unspektakulärer Wohnung zu hocken. Nein, wir sind als Forscher nach Istanbul gekommen. Wir sind gekommen, um die geschichtsträchtige Metropole zu entdecken, von der allgemeinhin geschwärmt wird. Wir wollen uns von ihrem Charme einlullen lassen.

Doch was wir finden, ist wenig charmant-einlullend. Chaotischer Verkehr selbst in den engsten Gassen und überwältigende Menschenmassen reiben an unseren Nerven. Unsere ersten Expeditionen von Selims Wohnung in Şişli Richtung Taksim-Platz in Beyoğlu, über die Galata-Brücke nach Eminönü zur Blauen Moschee und Hagia Sophia – sie sind kräftezehrend. Klar, wir haben damit gerechnet, dass es in der bevölkerungsmäßig viertgrößten Stadt der Welt hektischer zugehen würde als in unserem beschaulichen Berlin. Und klar, wir sind jung und sollten das Chaos locker wegstecken. Trotzdem: Wir lernen Istanbul nicht als hübsch kennen, die Stadt stresst uns.

Am dritten Tag wird das anders - zum Teil. Am dritten Tag nehmen uns Ali und seine Bekannte Sara unter ihre Fittiche. Die beiden Iraner sind Zugezogene, nur kurzfristig in Istanbul, aber lang genug, um sich heimisch zu fühlen. „Let's just talk and walk“, schlagen sie vor. Mit einem Walk-and-Talk lasse sich Istanbul unverkrampft kennenlernen. Und so ziehen wir mittags gemeinsam zum Fischmarkt und essen bei leichtem Regen frischen Seebarsch. Wir mampfen uns durch zig Sorten Baklavar. Wir erkunden den Großen Basar. Wir gehen gemeinsam in die Moschee. Wir entspannen vor der Hagia Sophia. Wir trinken Tee. Essen Eis. Diskutieren viel. Über Religion, Politik, Schmuck, Filme. Über Allah und die Welt. Der Tag des Walk-and-Talk wird zum wichtigsten unserer siebentägigen Istanbul-Reise. Weil er uns locker macht, weil wir nicht mehr mit Istanbul kämpfen, sondern uns zum ersten Mal durch die Stadt treiben lassen.

Danach sind wir offener für den Charme der Stadt. Wir erleben einen wunderschönen Abend am Ufer des Bosporus und ruhige Momente im asiatischen Viertel. Wir werden nicht warm mit Istanbul, es gelingt der Metropole nicht, uns einzulullen. Aber wir genießen sie. Dank Ali und Sara womöglich sogar mehr, als es die lesenden Italiener in Selims Gästezimmer konnten.

Veröffentlicht von: Mark in Leben & Reisen

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