4. Januar 2013 - Keine Kommentare!

Vorwort eines Buches über Mitfahrgelegenheiten, das nie erscheinen wird oder: Ausspannen mit Club Mate und Fantasy-Soaps

Früher war die Weihnachtszeit su-per-toll. Keine Schule, keine Uni, keine Arbeit, nur: ausspannen. Jetzt ist das anders. Ich bin zwar ein paar Tage weg gewesen. Aber auch im Urlaub habe ich ein Interview geführt, Mails gecheckt, gefacebookt, zwischen den Jahren dann Leute getroffen, Themen gesucht, Termine vereinbart, Artikel getippt ... Es war Weihnachtszeit, aber ich habe gearbeitet. Es ist, wie Arbeitsbuddy Steffen (der neben Uni und Suhrkamp auch noch als Booker für Voland & Quist unterwegs ist) vor zwei Tagen sagte: über Weihnachten keine Zeit mehr zum Ausspannen da. Und ich spüre, wie mein Körper mit abendlichem Schüttelfrost und Müdigkeit jetzt die fehlende Pause einfordert.

Was tut man dagegen? 1. Club Mate trinken. 2. Ruhige Abende verbringen. 3. Endlich ein paar Folgen einer Serie gucken, die man immer schon mal sehen wollte. Und 4.: Sich von Projekt-Altlasten trennen.

So habe ich vergangene Woche nach langem Hadern einer Lektorin mitten in der Nacht eine Mail geschickt und ihr mitgeteilt, dass ich das Probekapitel für ein Buchprojekt nicht rechtzeitig würde abliefern können. Mehr noch: Ich würde das Buch gar nicht schreiben. Zu dieser Entscheidung führten, zugegeben, mehrere Gründe. Ich bin mir unsicher mit dem Thema, ich bin mir unsicher mit dem Verlag. Vor allem aber fühle ich mich derzeit einfach nicht im Stande, noch ein Ding anzupacken. Meine Auslastung ist auf dem Peak, es gehen, wenn überhaupt, nur noch kleine Sachen.

So aber entsteht aus diesem hiermit beerdigten Projekt aber immerhin noch ein neuer Blogbeitrag. Und der endet nun mit dem, womit das Buch, das nie erscheinen wird, hätte anfangen sollen, mit dem:

Vorwort

Spät abends klingelt das Telefon. Meine Eltern schrecken auf. Sie wissen: Etwas ist passiert. Nichts Gutes. Ein Arzt aus der Berliner Charité erklärt, es habe einen Unfall gegeben. Ihr Sohn läge an Maschinen, die seinen havarierten Körper noch eben so am Leben erhalten -

Solch ein Horrorszenario muss meinen sonst so coolen Eltern durch den Kopf gegangen sein, als ich ihnen beiläufig mitteilte, in Zukunft nur noch per Mitfahrgelegenheit durch Deutschland zu tingeln. Jedenfalls reagierten sie auf diese Nachricht ziemlich unentspannt, und dass ich ihnen ausführlich das Konzept der Mitfahrgelegenheiten erklärte, machte es auch nicht besser. "Das ist doch bestimmt nicht sicher, Sohn!", sagten sie panisch.

Und zugegeben, wer noch nie von dieser Reisemethode gehört, geschweige denn selbst einmal in einer Gruppe mitgefahren ist, der kann an diesem Konzept leicht etwas Gefährliches erkennen. Immerhin verabredet man sich für die Fahrt von A nach B freimütig übers Internet mit wildfremden Menschen und steigt zu ihnen ins Auto; man macht also gleich zwei Dinge, die einem von früh an eingebleut werden, doch bitte zu unterlassen. Dass ich mich darüber hinaus vorab weder über die Fahrtauglichkeit noch den vollständigen Namen der Kontaktperson informierte - all das war meinen Eltern nicht geheuer. "Fahr mit der Bahn", rieten sie mir. "Das ist zwar teurer, aber auch sicherer."

Trotzdem blieb ich bei den Mitfahrgelegenheiten. Mehrere Monate pendelte ich mit Unbekannten von Hamburg nach Osnabrück, wo meine Freundin zeitweise studierte. Ich fuhr nach Bielefeld, wo meine Eltern wohnen. In den Urlaub an die Ostsee. In meine jetzige Heimat Berlin. Zur Messe nach Köln. Zum Interview nach Hamburg. Ich saß mit Studenten für Forstwirtschaft in Kombis, mit Backpackern in Zweitürern, mit Bänkern in schnittigen Geschäftswagen und ab und an habe ich mich auch von "professionellen" Schleppern in Vans ans Ziel karren lassen. Und ich bereue keine Fahrt. Ich bin inzwischen so etwas wie ein Mitfahrgelegenheitsfan. Damit haben sich auch meine Eltern abgefunden. Sie bleiben nun nicht mehr bis spät nachts auf, um meinen erlösenden "Mir geht es gut"-Anruf abzuwarten. Stattdessen erkundigen sie sich auch schon mal, wie die Leute im Auto drauf waren und worüber wir während der Fahrt gesprochen haben.

Jetzt gilt es nur noch einen Schritt zu machen: Mama und Papa davon zu überzeugen, sich selbst per Mitfahrgelegenheit auf den Weg zu machen oder Fremde mitzunehmen. Bislang sind meine Versuche jedes Mal gescheitert. "Das ist uns viel zu unbeqem", ist das Hauptargument meiner Eltern gegen die Idee. "Nachher sitzt man mit fünf Personen dicht an dicht gequetscht in einem Auto und kann sich nicht bewegen. Für solche Scherze sind wir zu alt." Dem kann ich nur wenig entgegensetzen. Denn in den meisten Fällen sehen Mitfahrgelegenheiten nun mal genau so aus: Man sitzt dicht an dicht gequetscht stundenlang in einem Auto, das tendenziell eher zu klein als zu groß ist.

Doch genau das macht den Reiz der ganzen Sache auch erst aus. Ohne diese Unbequemlichkeit und Ungewissheit wären Mitfahrgelegenheiten nur halb so spannend. Meine Begeisterung für diese spontane, Umwelt und Geldbeutel schonende Reisemethode verteidige ich auch gerne mit einer dicken Portion Pathos: Wenn dieses Leben einen Sinn hat, dann den, unsere kurze Zeit auf dieser Welt mit möglichst vielen Eindrücken zu füllen. Mit Momenten, die unseren Horizont erweitern. Mit Begegnungen, durch die wir fremde Kulturen und Sichtweisen kennenlernen. Bei denen wir auch mal Risiken eingehen müssen und bei denen uns Überraschendes widerfährt. Mitfahrgelegenheiten sind all das: Sie sind unbequem, ungewiss und überraschend. Sie sind kleine Alltagsabenteuer.

Jeder, der regelmäßig als Fahrer oder Mitfahrer unterwegs ist, weiß das und wird sicher schon eine Menge spannender Geschichten gesammelt haben. In diesem Buch möchte ich von ein paar meiner eigenen Erlebnisse berichten. Als Plädoyer dafür, etwas Unbequemes zu tun. Die Welt zu entdecken. Mitzufahren, egal wohin.

Veröffentlicht von: Mark in Arbeit & Projekte

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