27. November 2012 - Keine Kommentare!

Premierenfeier in Hamburg oder: Immer einfach machen!

"Ich möchte, dass ihr etwas beschreibt, erzählt, was euch besonders vorkommt, was nicht alltäglich ist. Verstanden?"
Ein paar, es sind immer dieselben, haben eine lange Leitung und möchten weitere Erläuterungen.
Frau Braumüller winkt ab. "Fangt an! Sonst verliert ihr Zeit. Denkt an das Besondere."
Philipp muss sie nicht mehr auffordern. Er hat ja gerade was Besonderes erfahren. Ganz frisch. Er zückt den Füller, will von dem Baby erzählen, ist in Gedanken toll in Schwung - doch wie soll er beginnen?
"Nun, Philipp?" Frau Braumüller steht neben ihm und blickt auf das leere Blatt. "Fällt dir überhaupt nichts Besonderes ein?"
"Doch, doch."
"Dann fang an."
"Das ist es ja. Ich brauche einen Satz für den Anfang."
"Schreib den doch einfach."
"Welchen?"
"Schreib einfach: Ich brauche einen Satz für den Anfang."
"Ach so." Verblüfft schaut er zu ihr hoch.
Sie zwinkert ihm aufmunternd zu. Dann geht sie zur nächsten Reihe weiter.

Und dann schreibt Philipp: über seine Eltern und über Clara, das Baby, das die Familie in den kommenden Wochen auf Trab bringen wird. Er schreibt einen Aufsatz, für den ihm Frau Braumüller schließlich die Bestnote gibt.

Wann immer mir kein Anfang einfallen will, denke ich an diese Szene aus Peter Härtlings Jugendbuch "Mit Clara sind wir sechs", und normalerweise komme ich dann auch so "toll in Schwung" wie Philipp. In diesem Fall will es mir allerdings nicht gelingen, obwohl das, was ich erzählen möchte, etwas Besonderes ist. Oder vielleicht fällt es mir auch deshalb so schwer. Also steige ich heute einfach mal ohne strukturierende Idee irgendwo ein.

Jonas ist der Bruder meiner Freundin. Er arbeitet als Materialassistent beim Film. Und wenn Jonas zwischen den Produktionen Zeit hat, übernimmt er bei eigenen Filmen die Kamera. Wir kennen uns nun schon seit vergangenem Jahr, aber ich hatte nie einen seiner Filme gesehen. Bis Jonas am Samstagabend bei einer großen Premierenfeier mit 150 Gästen vier Filme hintereinander gezeigt hat. Sie heißen "5. Geburtstag""Irgendwas mit Medien""Hinterbänkler" und "Nebenan" und sind zwischen fünf und fünfzehn Minuten lang. Alle haben sie ein anderes Thema, aber gemeinsam ist ihnen, dass sie klasse sind: gut geschrieben, gut gespielt, gut gefilmt. Ich bin begeistert. Und ich bin begeistert von den Leuten, die am Ende des Abends auf der Bühne standen und zu Recht viel Applaus bekamen: Leute, die Stunden in der Kälte auf dem Land oder in stickigen Büroräumen rumhingen, um einfach zu machen, um auszuprobieren, um zu filmen, weil Filmen ihnen Spaß macht.

Manchmal wünsche ich mir, es würde noch mehr solcher Leute geben. Und dann wieder denke ich: Besser nicht. Denn sonst wären Geschichten wie diese kurze von Jonas und seiner Premierenfeier ja keine besonderen mehr.

PS: Wer auch mal einen von Jonas' Filmen sehen will, kann die Komödie "Scheißkalt" am kommenden Donnerstag beim Kurzfilmfestival im Metropolis in Hamburg anschauen.

Veröffentlicht von: Mark in Leben & Reisen

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