8. November 2012 - 1 Kommentar.

Ein Impuls für den Verband Deutscher Zeitschriftenverleger beim Publisher’s Summit 2012 oder: Die Arbeit mit dem Internet macht Spaß *Update

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Ich werde morgen beim Publisher's Summit des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger einen kurzen Vortrag halten. Getreu dem Prinzip "online first" stelle ich meine Notizen für den Impuls hier vorab online.

Nachtrag, Zeitsprung: Inzwischen ist der Publisher's Summit 2012 Geschichte, und ich habe meinen Vortrag gehalten. Und natürlich: nicht so, wie ich es mir aufgeschrieben habe; weil mich Notizen nur irritieren, bin ich dann doch ohne auf die Bühne gegangen und habe frei gesprochen. Im Äther des Summits ist der Vortrag allerdings nicht verschwunden: Journalist Jörg Wagner hat die Reden für radioeins beziehungsweise sein Medienmagazin aufgezeichnet - und so ist mein kurzer Impuls auch online verfügbar, ebenso ein Interview, das gestern in leicht gekürzter Fassung im Radio lief. Vielen Dank dafür und auch für das Foto, das dieses Update illustriert.

Wer meine Notizen lesen möchte, findet sie nach wie vor hier: 

Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Mark Heywinkel, und ich arbeite als freier Journalist in Berlin. - Wenn ich nicht, wie in diesem Fall, die Ehre habe, von Frau Thilo angekündigt zu werden, dann sind das die Worte, mit denen ich mich vorstelle - zum Beispiel, wenn ich Ihren Redaktionen zum ersten Mal ein Artikelangebot schicke.

Diese Begrüßungsformel schreibe ich im Schnitt vier Mal am Tag, und ich bin trotzdem noch jedes Mal stolz darauf, weil ich schon als Teenager als Journalist mein Geld verdienen wollte. Dieser Begriff „Journalist“ hat aber auch gleichzeitig etwas Irritierendes - denn dieses Journalist-Sein unterscheidet sich doch erheblich davon, wie ich es mir vor etwa zehn Jahren vorgestellt habe.

Damals dachte ich, das Ganze würde so ablaufen: Montags geht’s um 10 Uhr zur Redaktionssitzung und die Themen des Tages oder des Monats werden besprochen. Konkrete Aufträge werden verteilt. Danach geht’s raus: Leute treffen, Interviews führen, Recherche. Um 16 Uhr Rückkehr an den Schreibtisch. Ein bisschen Internet-Recherche. Drei, vier Texte werden getippt. Die bekommt dann der Grafiker, der den Artikel baut. Danach ist Feierabend. Ich habe mir das Journalist-Sein also so vorgestellt, dass man rauskommt und viele neue Dinge erlebt. Dass man aber auch viel für sich alleine arbeitet und am Schreibtisch sitzen muss.

Während meiner Praktika bei Tageszeitungen hat sich diese Vorstellung dann auch bewahrheitet. Den Kosmos der Redaktionen habe ich kaum verlassen; Auch die Diskussion über meine Arbeit und ihre Inhalte fand ausschließlich unter den Kollegen statt.

Dank des Internets und Social Media sieht mein tatsächlicher Arbeitsalltag heute zum Glück anders aus: Um 8 Uhr stehe ich auf, und der erste Handgriff gilt meinem Smartphone, das auf dem Nachttisch liegt. Darauf rufe ich erst mal bei Google E-Mails ab. Beim Frühstück schnappe ich mir dann das iPad und checke Facebook, Twitter und die Blogs, die ich regelmäßig lese: Das amerikanische Netzwerk Gawker, Mashable, das Bildblog, Nerdcore – um zu sehen, was gerade Kultur- und Tech-mäßig im Netz vor sich geht. Danach setze ich mich an meinen Rechner und lese Nachrichten bei den Großen: Spiegel Online, Zeit Online, manchmal gucke ich auch die Tagesschau in 100 Sekunden.

Bei all dem habe ich nicht nur die redaktionellen Inhalte im Blick, sondern ich achte auch viel darauf, was die Communitys der einzelnen Dienste und Websites zu sagen haben. Ich suche permanent nach Input von allen Seiten, und deshalb konsumiere ich auch fast nur noch Online-Medien, weil ich die Diskussionen innerhalb der Communitys mitbekommen will. Ich möchte Themen nicht mehr wie damals in der Redaktion entwickeln und am Ende des Tages auch nur von den Redaktionen Feedback dazu bekommen. Ich möchte viel lieber Themen der Leser aufgreifen und am Ende mit ihnen diskutieren.

Hierfür ein Beispiel: Vor ein paar Monaten kochten in meinen Newsfeeds immer wieder die gleichen Themen hoch: Gleichstellung von Hetero- und Homo-Ehe, Liquid Democracy, deutscher Patriotismus sowie die Frage, wie man am besten gegen die Politikverdrossenheit der Jugend angehen kann. Und immer wieder las ich in den begleitenden Diskussionen: „Sobald die nächste Generation das Sagen hat, wird das aber anders!“ oder „Dies und das wird sich niemals aus den Köpfen der Menschen löschen lassen!"

Diese Statements waren es letztendlich, die mich veranlasst haben, mehrere Vertreter von den Jugendorganisationen der Parteien, Kirchen und NGOs in Berlin zu versammeln. Um zu gucken, wie denn die nächste Generation diese Themen sieht und angehen möchte. Bei der Vorbereitung auf dieses Treffen hat mir Social Media auch geholfen: Ich habe mich mit Leuten ausgetauscht, die Experten auf einzelnen Themengebieten sind. Einige der Gesprächspartner habe ich auch über Social-Media-Kanäle gefunden. Am Ende ist bei der Arbeit eine vierteilige Reihe für jetzt.de herausgekommen, wo sich die Diskussion innerhalb der Community fortsetzte.

Die Idee für diesen Artikel kam aus der Community. Und schließlich habe ich auch Feedback für meine Arbeit von der Community bekommen. So geht es mir inzwischen bei ganz vielen Artikeln, die ich schreibe. Und ich finde das toll. Wenn ich könnte, würde ich nur noch für Online-Medien schreiben.

Natürlich hat das auch seine Nachteile. Zum Beispiel bestraft die Community sehr rigoros Fehler. Wir kennen alle den Begriff Shitstorm – wenn der über einem zusammenbricht, dann ist das alles andere als schön. Und im Gegensatz zu einer Zeitung oder Zeitschrift, wo die Leserbriefe nicht zwingend öffentlich sind, bleibt Kritik im Netz erhalten. Damit muss man umgehen können, und mir fällt das, zugegeben, ziemlich schwer: Wenn es von Leserseite Kritik hagelt, dann nimmt mich das schon mit.

An der Nutzung von Social Media und dem Internet im Allgemeinen überwiegen für mich aber die Vorteile: Ich erreiche online ein viel größeres Publikum. Ich bekomme viel mehr Feedback und stehe überhaupt in einem weitaus intensiveren Austausch mit den Lesern und auch mit den Protagonisten meiner Artikel. Und vor allem bin ich als Journalist nicht allein. Ich bin nicht gefangen im Kosmos einer Redaktion. Ich habe ständig Kontakt zur Außenwelt, und das macht unheimlich viel Spaß.

Diese Begeisterung für online ist es auch, die ich Ihnen heute als Impuls mitgeben möchte: Öffnen Sie sich dem Internet, nutzen Sie Social-Media-Dienste, horchen Sie auf Facebook, Twitter, Tumblr oder auch Pinterest in die Community hinein, entwickeln Sie gemeinsam mit ihr Themen und treten Sie mit ihr Diskussionen los. Nicht nur, weil es ökonomisch klug ist, sondern vor allem, weil das Arbeiten mit und im Netz unseren journalistischen Alltag bereichert. Weil es Spaß macht und weil es uns auch persönlich viel weiter bringt, als wenn wir aus dem Elfenbeinturm heraus schreiben.

Veröffentlicht von: Mark in Arbeit & Projekte

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