20. Juni 2012 - Keine Kommentare!

Blattkritik: Päng! Nr. 1 oder: Eine gut riechende Micky Maus

Päng! steht in großen schwarzen Lettern auf dem Cover einer neuen Stuttgarter Zeitschrift. Das ist ein Titel wie ein Überfall, ein Titel, der ins Auge springt und neugierig macht. Also lasse ich sechs Euro am Berliner Bahnhof, um einen intensiveren Blick in die Erstausgabe von Päng! (Untertitel: "Für die Wirklichkeit gibt es keinen Ersatz") werfen zu können. Und ich werde von einem optisch wie haptisch umwerfenden Print-Produkt überrascht - dessen Inneres allerdings nicht ganz so stark ist wie sein Titel.

Artdirektorin Cathrin Gehle ist dabei kein Vorwurf zu machen. Obwohl (oder gerade weil) Päng! nicht auf Hochglanzpapier, sondern uMag-ähnlich auf festeres Ökopapier gedruckt ist, strahlt jede Seite. Die Layouts sind liebevoll und verspielt, sämtliche Teaser beginnen mit einem Herzen. Das Heft heimelt sehr, ich fühle mich wohl mit Päng!. Allein die konsequente Kursivierung des Fließtextes stört. Aber schon dieses Magazin in der Hand zu halten, entschädigt für vieles. "Unser Heft riecht gut", schwärmt Chefredakteurin und Herausgeberin Josephine Götz im schweizer Tageblatt. "Nach Papier und Handarbeit, wie ich mir das immer vorgestellt habe."  Müsste ich ein Print-Produkt produzieren, ich würde es ganz genauso machen. Wenn schon Print, dann auch mit rustikaler Haptik.

Auch beim Päng!-Konzept gehe ich voll mit. Das Team will uns wieder mehr an die frische Luft locken und erzählt uns Geschichten von Abenteurern. Von Menschen, die auf dem Einrad die Alpen überqueren. Von einer Bürofrau, die Erntehelferin wurde. Von Künstlern, die in der Welt da draußen Inspiration finden. Besser noch: Päng! berichtet nicht aus zweiter Hand von diesen Abenteurern - die Redaktion lässt die Menschen selbst erzählen. Doch so sympathisch dieses Konzept ist, so problematisch ist es auch. Denn zwar sind die Abenteurer Menschen voller Leidenschaft, sie können sie in vielen Fällen aber nicht in Worte fassen. So schreibt eine Louise Kant über ihr Leben in der SM-Szene protokollhaft unerotisch. Am schwersten aber liegt der Text von Steffen Weber im Magen: Päng! will zwar sagen "Geht raus an die frische Luft!", möchte dabei aber nicht mit dem uncoolen Zeigefinger kommen. Weber unterläuft diese Grundidee jedoch gerade mit einem solchen uncoolen Zeigefingertext. "Verhängt heute doch einmal über ein Kind Stubenarrest", schreibt er. "Es ist keine Strafe mehr." Ach Gott, ja, früher war alles besser - ächz. Und auch die beiden Interviews im Heft sind dann ein bisschen zu fragebogenhaft, als dass sie dem liebevollen Layout gerecht werden könnten.

Mit viel Witz lässt die Redaktion ihr Heft dann aber wieder ausklingen. In Bildern wird erklärt, wie man sich ein Baumhaus baut. Es gibt eine Ode an das Klapprad. Sogar ein Bastelbogen ist mit dabei. Zu Recht bezeichnet Josephine Götz ihr Heft im DaWanda-Blog als "eine Art Micky Maus für Erwachsene". Das Selbermachen, es ist toll!

Päng! erscheint nach Angabe des Tagesspiegel in eine Auflage von 12.000 Heften. Wer vor dem Geldausgeben erst einmal gucken möchte, kann das auf Issuu tun. Dann aber auch hin zum Kiosk und das unterstützenswerte Stück kaufen! (Und mich auch gerne für meine Kritik Lügen strafen.)

Veröffentlicht von: Mark in Leben & Reisen

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