19. Juni 2012 - 1 Kommentar.

Die neue Welt(un)ordnung oder: Wir sind gelegentlich zu höflich

In Deutschland gönnen wir uns eine viel zu vornehme Diskurskultur. Dass wir unsere Gesprächspartner stets ausreden lassen wollen, ist zwar löblich. Die geduldige Rücksichtnahme auf diejenigen aber, die einfach nicht zur Sache sprechen oder trotz vermeintlichem Bemühen nicht zu ihr finden wollen, ist unglaublich ätzend.

So gerät am Dienstagabend auch die Podiumsdiskussion "Die neue Welt(un)ordnung. Wie Indien & Co. die internationale Zusammenarbeit aufmischen" in der Berliner Kalkscheune zur Geduldsprobe. Es ist weniger der stellvertretende Botschafter Indiens, Ajit Gupte, der mit seinen diplomatischen Antworten jede Kritik am Kastensystem oder dem Frauenbild in Indien von sich weist. Auch seine hervorragende, aber weitestgehend überflüssige Dolmetscherin strapaziert die Nerven beim Zuhören nur bedingt.

Es sind die Fragensteller aus dem Publikum, die nerven. Eine Potsdamer Dozentin referiert minutenlang, wer sie ist und was sie befähigt, eine Frage zu stellen - bevor sie eine gefühlte Ewigkeit über die Bedeutung der BRICS-Staaten (also Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) doziert. Ja, sie hat Ahnung. Und ja, sie hat mit allem, was sie sagt, Recht. Aber dieses minutenlange Profilieren, es nervt.

Es nervt, dass sich die Fragesteller selbst und ihre Frage mit großen Worten einleiten müssen, als ginge es um ichweißnichtwas. Es nervt, dass sie dann nicht einfach eine Frage, sondern drei Fragen mit mehreren Unterfragen stellen müssen. Und es nervt mich, dass ich als Zuschauer im Nachhinein eher gewillt bin, über die Diskussionskultur zu schreiben, anstatt auf den Inhalt der Runde einzugehen. Thematisch war der Abend nämlich höchst spannend. Welche Rolle die BRICS-Staaten zukünftig einnehmen werden - die Experten Dr. Christian Wagner und Ronald Meyer hätten gerne länger darüber sprechen können. Ohne Unterbrechungen.

Veröffentlicht von: Mark in Leben & Reisen

Kommentare

Sebastian
20. Juni 2012 um 00:36

Ich finde ja dass das vor allem ein Moderatoren-Problem ist. Ich habe großartige Moderatoren erlebt die jeden, der nicht nach 10Sekunden auf den Punkt kam, freundlich abgewürgt haben. Diese Art von Leuten gibts überall. Die guten, mutigen Moderatoren sind deutlich schwieriger.

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