8. Juni 2012 - Keine Kommentare!

Vogel im Topf oder: Der Feuchtigkeitsmesser zwitschert um vier Uhr, und er zwitschert laut

Zu Studienzeiten forderte uns ein Dozent einmal dazu auf, richtig schön selbstkritisch zu sein. Wir sollten uns eine Sache suchen, die wir an uns verändern wollten, um anschließend in einer Präsentation zu erklären, wie diese Veränderung managementtechnisch am effektivsten herbeizuführen sei. Ich referierte über meine Unordnung und stellte einen präzisen Plan vor, wie ich innerhalb eines Monats vom Chaostier zum Ordnungsmenschen reifen würde. Für den Vortrag bekam ich eine Eins. Doch der Plan, ich habe ihn nie umgesetzt.

Es gibt nur einen Ort in meinem Leben, an dem penible Ordnung herrscht: mein von A bis Z sortiertes digitales Adressbuch. Außerhalb dieser kleinen Sphäre herrscht Chaos. Chaos auf meinem Laptop, Chaos in meinem Kleiderschrank, ein kleines Chaos in meinem Kopf. Ich mag das so. Es ist nur entsetzlich, wenn ich Dinge vergesse. Deshalb bin ich froh über jedes Utensil, das mir beim Erinnern hilft.

Ans Pflanzengießen erinnert mich seit ein paar Wochen ein Vogel. Unromantische Menschen mögen den Vogel als Feuchtigkeitsmesser bezeichnen, der er ja auch ist, nur wird dieser Name seinem putzigen Äußeren nun wirklich nicht gerecht. Sobald die Erde um ihn herum zu trocken ist, beginnt der Vogel zu zwitschern. Seit mein Lieblingsmädchen ihn geschenkt bekommen hat, ist keine unserer Pflanzen eingegangen. Der Vogel, ich mochte ihn. Mochte, weil wir ihn inzwischen ertränkt haben. Denn der Vogel zwitschert auch um vier Uhr morgens, und er zwitschert laut.

Es gibt dieses hilflose Gefühl, wenn man nach etwas in seiner Erinnerung sucht, es im Chaos jedoch nicht findet. Das ist doof. Und dann gibt es das erleichternde Gefühl, wenn die Erinnerung wiederkehrt. Das ist schön. Um vier Uhr früh ihm Bett will ich dieses Gefühl nicht haben. Um vier Uhr früh sehne ich mich nach Vergessen und Chaos.

Veröffentlicht von: Mark in Leben & Reisen

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