20. April 2012 - 5 Kommentare

Nebenan wohnen Blutegel oder: Eines Tages mache ich Urlaub in Biebertal

An einem Donnerstagabend feiern unsere Büronachbarn ihre Einweihungsparty. Über beide gäbe es bestimmt spannende Geschichten zu erzählen. Immerhin trainierte K. die DDR-Boxnationalmannschaft anstatt zu "Eye of the Tiger" zu "Musik, die Spaß macht". Er trainierte seine Muskelmänner zu Nena und Udo Lindenberg. Heute therapiert er in unserem Nachbarbüro die Körperleiden geschundener Büroarbeiter mithilfe einer selbstentwickelten Heilungsmethode. Seine Kollegin S. macht in Ohrakupunktur und Massagen. Auf einer Kommode in ihrem Büro, das seinem Look und Feel zufolge eher eine Praxis ist, liegt merkwürdiges Instrument, bei dessen Anblick sich mir auf Anhieb zig Fragen aufdrängen.

Bevor ich allerdings dazu komme, K. und S. nach ihrer Praxis und ihrem Leben auszufragen, fällt mein Blick auf ein weiteres von S.' Behandlungsinstrumenten. Mein Blick fällt auf ihre Blutegel.

Alles, was ich über Blutegel weiß, weiß ich aus Filmen. Nämlich: Wenn man im Dschungel in einen Sumpf stürzt, dann kommt man stets von Hunderten dieser kleinen Würmchen überzogen wieder daraus hervor. Also: Alles, was ich über Blutegel weiß, ist vermutlich Quatsch.

Dementsprechend staunend beobachte ich die braunen Dinger, die direkt an der Wand zu unserem Büro in einem Einmachglas hausen. Zu einem Drittel ist das gläserne Gefängnis mit Wasser gefüllt. Erstaunlich agil schwimmen und krabbeln die Egel darin umher. S. sagt, die Blutegel seien gar nicht so leblos, wie man immer denken würde. Ein Egel habe sie mal gebissen, als sie ihn auspackte, und seitdem trage sie nur noch Handschuhe dabei. "Woraus packst du die denn aus?", frage ich, und S. drückt mir eine Broschüre der Biebertaler Blutegelzucht in die Hand. Die Egel kämen in Styropor und einem leicht benässten Stoffbeutel per Post. Am besten würden sie beißen, wenn man sich nicht gewaschen habe. Und morgens. Richtige Urzeittiere seien das, sagt S.

Ich starre in das Einmachglas und staune. Nebenan wohnen also medizinische Blutegel (Hirudo medicinalis) aus Hessen. Ich weiß nicht, warum mich die winzigen Gürtelwürmer so sehr faszinieren, aber eines Tages, das nehme ich mir bei der Einweihungsparty unserer Büronachbarn vor, mache ich Urlaub in Biebertal und gucke mir ihre Heimat an.

Veröffentlicht von: Mark in Leben & Reisen

Kommentare

Zahnwart
20. April 2012 um 11:13

IN Biebertal, nicht IM Biebertal (http://www.biebertal.de/). Biebertal ist kein Tal, sondern eine Großgemeinde westlich von Gießen. Bernd wohnte eine Weile im Nachbarort Heuchelheim, ein Ort, aus dem im übrigen Til Schweiger gebürtig ist, und der in dem (ansonsten vollkommen ignorierenswerten) Film „Männerherzen“ kurz gezeigt wird, angeblich aber von einer nicht genannten Ostkommune gedoublet wird.
Heuchelheim ist ein eher reizloses Industriedorf. Biebertal hingegen ist tatsächlich hübsch, mit viel Altbaubestand zwischen Hügeln mit Burgruinen drauf gelegen.

Mark Heywinkel
20. April 2012 um 12:23

Danke, habe es ausgebessert. Und: Oh, das klingt ja, als würde sich der Besuch doppelt lohnen.

frawadi
24. April 2012 um 15:59

Als gebürtiger Biebertaler, der mittlerweile in Heuchelheim direkt am Bieberbach wohnt, kann ich sagen, dass die Tierchen schon seit einigen Jahren den Weg über das Bächlein auch zu uns gefunden haben. Beine in den Bach, ein paar Minuten drin lassen und es gibt saugende Blutegel ganz gratis.
Ich denke dann mal über die Vermietung eines Gästezimmers nach 😉

    Mark Heywinkel
    24. April 2012 um 17:10

    Oha, dann ist die Filmversion der Egel ja doch nicht so weit hergeholt. Wenn’s konkret wird mit den Urlaubsplänen, hake ich dann noch mal wegen des Zimmers nach. 😉

Siggi
26. April 2012 um 22:45

Hallo Mark, die Heimat der Blutegel freut sich auf deinen Besuch. Viele Grüße aus Biebertal und „Danke“ für den schönen Artikel
Siggi

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