Lieben mit Herz – Kotzen im Strahl oder: Wann das Internet mich überfordert

[Der nachfolgende Artikel ist ursprünglich als Gastbeitrag auf Post Artcore erschienen.]

Um 21.50 Uhr ist es so weit. Ben Cooper steigt für seine Zugabe auf die kniehohe Bühne der Prinzenbar zurück, Ben Cooper nuschelt einen Titel in seinen Waldschratbart, Ben Cooper stimmt „Glory“ an. Diese pompöse Hymne eines Kriegsheimkehrers, die seit Wochen meine Lieblingstitel-Playlist uneinholbar anführt. Glücklich-fiebrig habe ich auf den Moment gewartet, das aufbrausende Stück endlich live zu hören. Jetzt ist er da, ich halte den Atem an, kein Quatsch. Freunde werden später lästern, die Akustik sei beschissen gewesen, und die rumspackenden Prollos neben ihnen hätten den letzten Rest schöner Stimmung zunichte gemacht. Ich habe Gänsehaut, als Ben Cooper alias Radical Face mit seinen zwei Bandkollegen zum Chorgesang ansetzt. Das „Glory“-Finale bringt die stuckverzierten Wände zum Dröhnen. Es ist großartig.

Am nächsten Morgen scheren mich Radical Face einen Dreck. Als ich auf dem Weg zur Arbeit meine Lieblingslieder-Playlist starte, geht mir Ben Cooper mit seinem Folkquatsch unglaublich auf den Sack. Diese pathetische Epik, zu der er „Glory“ auftürmt – widerlich. Während ich so innerlich vor mich hinmöppele, fällt mir auf: Das ist nicht das erste Mal, dass ich eine umschwärmte Band kurz nach dem Konzert dermaßen gnadenlos fallen lasse. Lief es nicht genau so bei den Freelance Whales, bei Boy, sogar bei Wye Oak ab? Nachdem die die Bühne verlassen hatten, war der Zauber auch von jetzt auf gleich verflogen. Wenn ich heute „Ghosting“, „Waitress“ oder „Holy holy“ höre, dann berührt mich das null. Schlimmer: Ich kotze innerlich im Strahl.

Ich finde das grausam. Und suche eine Erklärung dafür. Aber das einzige, was mir zu der schnellen Abnutzung meiner Lieblingsbands einfällt, ist einfach: Ich bin überreizt. Ich will das nicht zugeben, weil das die Worte von “Was? Du streamst dir Serien in Lo-Fi auf den Laptop”-Kulturpessimisten sind, aber: In Musikbelangen überreizt mich das Internet. Als ich noch nicht mit DSL durch digitale Welten jagen konnte, durften Bands wie Die Ärzte und The Offspring noch in Schleife laufen. Jahrelang. Durch Youtube, Facebook, Spotify und Co. kann ich nun aber jeden Tag eine weitere Band entdecken, die mir irgendetwas gibt. Manchmal viel, manchmal wenig, aber immer etwas, das mich hängen bleiben und hinhören lässt. Ein paar Tage oder Wochen oder Monate lang. Und dann, ganz plötzlich, nach dem Konzert, dem Liveerlebnis, dem Orgasmus des Kulturkonsums, erlischt das Feuer. Dann ist die Band ausgebrannt, und einen Klick weiter warten schon zig weitere, die es zu entdecken gilt.

Im Stern habe ich kürzlich einen Artikel übers Online-Dating gelesen. Darüber, dass feste Beziehungen nicht mehr zustande kommen, weil unser Jagdtrieb und die Möglichkeit, überall neue Beute zu finden, uns alle Möglichkeiten nutzen lässt. Daran glaube ich zwar nicht, bei Bands allerdings geht es mir so. Wie sehr ich mich in eine Combo auch verliebe, es kommt unweigerlich der Punkt, an dem ich sie nicht mehr will. Ich hoffe inständig, dass sich das in Zukunft auf die Musik beschränkt. Das allein ist schlimm genug.

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