9. Januar 2012 - 2 Kommentare

Hello, Stranger! oder: Wie viel kann man über eine fremde Person in 30 Minuten erfahren?

Schon traurig. Aber das Gros meiner Online-Zeit bewege ich mich in einer selbst geschaffenen Comfort Zone, in der ich fast ausschließlich mit Freunden und Bekannten in Kontakt trete. Die vielen Möglichkeiten, die das Internet anbietet, um Fremde kennen zu lernen und multikulturellen Austausch zu betreiben, die nutze ich gar nicht.

Als ich eines Nachts durch 9gag auf Omegle.com aufmerksam werde, starte ich jedoch ein Experiment.

Ich nehme mir vor, über die Chatseite, die jeweils zwei anonyme Gesprächspartner zusammen bringt, so viel kulturellen Austausch zu betreiben, wie es eben geht. In einer halben Stunde will ich möglichst viel erfahren über die mir zugewürfelte Person, die von überall auf der Welt stammen kann. Ich will wissen, in welchem Land sie lebt, wie sie lebt, was sie tut und was sie bewegt.

So kommt es, dass ich eine halbe Stunde lang mit Sandy aus Rumänien chatte.

Sandy ist 20 Jahre alt und studiert im dritten Semester Computer Science in Timisoara. Sie lerne gerade für die nächsten Klausuren, schreibt sie mir, am schwierigsten werde wohl die Arbeit in Computer Architecture. "Da geht es meist um Hardware, und ich will mich lieber darauf fixieren, Programme zu schreiben", schreibt Sandy. Ob Programmiererin zu sein schon immer ihr Traum gewesen ist, frage ich. "Als Kind wollte ich Musikerin werden", antwortet Sandy. "Klavier spielen, dann Gitarre, jetzt ist das mein Hobby." Am liebsten höre sie The Hives und The Horrors, zuletzt sei sie auf dem Konzert einer befreundeten Band gewesen, den Officially Grasshoppers. Ich frage, ob sie schon mal darüber nachgedacht hat, ihre eigene Musik auf Youtube hochzuladen? "Nein, dafür bin ich zu schüchtern", schreibt Sandy, lädt dann aber doch ein Foto von sich hoch: Sandy ist schlank, hat dunkle, lange Haare, auf dem Bild sitzt sie in Rock und mit Gitarre auf einer Bank, guckt arty vom Fotografen weg. Dass ich das Bild auf mediatopia veröffentliche, möchte sie nicht, mit dem Gespräch könne ich allerdings machen, was ich wolle, schreibt sie. "Hat Spaß gemacht" - dann ist unser Aufeinandertreffen nach einer halben Stunde zu Ende.

Von diesem Gespräch bleibt, bis auf diesen Blogbeitrag, nichts.

Sandy weiß meinen vollständigen Namen, vielleicht wird sie ja auch diesen Beitrag lesen. Ich weiß von ihr nicht mehr als das, was dort oben steht. Vermutlich werden wir uns nie wieder schreiben, geschweige denn sehen. Und dennoch: Schön war das, eine halbe Stunde lang einen Blick in ein anderes Leben zu werfen, die Möglichkeiten des Internets ein Stück mehr auszuschöpfen. Wir sollten das viel öfter tun.

Veröffentlicht von: Mark in Leben & Reisen

Kommentare

Zahnwart
9. Januar 2012 um 12:04

Oh. Ich hatte mich darauf eingestellt, hier einen leicht ironischen. leicht schenkelklopferischen Beitrag zu lesen, ich meine, was soll da schon für ein Gespräch rauskommen, mit Sandy (!) aus Rumänien (!)? Und dann kommt da etwas so Sensibles, ruhig Erzähltes raus, das überrascht und beschämt auch ein wenig.
Guter Text.

Hemuth
16. April 2012 um 11:26

Hm die Frage die ich mir stelle: du hast aus deinem 9gag Aufenthalt doch mehr gemacht und jemand kennen gelernt. Ich versumpfe meist 🙂 Also alles richtig gemacht!

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