15. Dezember 2011 - 2 Kommentare

Ein Leben im Zeitraffer oder: Die Facebook-Chronik muss und kann bleiben

Nach drei Minuten will ich es wieder deaktivieren, das neue Facebook-Profil. Krampfhaft suche ich nach der Disable-Option, schlage im Hilfearchirv nach, frage U. und H. - doch es ist nichts zu machen. Mein Profil heißt ab jetzt Chronik und bildet mein gesamtes Leben ab. Vom Tag meiner Geburt bis heute und darüber hinaus.

Wenn ich jetzt Fotos hochlade, fragt Facebook mich nicht mehr nur, wer darauf zu sehen ist. Facebook will auch genau wissen, wann das Bild entstanden ist und wo. Auf einer Karte soll ich eintragen, zu welchem Zeitpunkt ich an welchem Ort gewesen bin. Ich soll dem Netzwerk „Lebensereignisse“ anvertrauen, ihm verraten, wann ich mit wem in einer Beziehung war, zu welchem Zeitpunkt ich mir ein Haustier zugelegt oder einen Knochenbruch erlitten habe. Dass Facebook alles über seine Nutzer erfahren will, ist nichts Neues. Mit der Chronik ist nun aber die Infrastruktur dafür geschaffen, dass all unsere Erlebnisse genau kategorisiert und kartografiert werden können.

Schön ist das nicht.

Und trotzdem: Nachdem ich die Chronik ein paar Stunden genutzt habe, gefällt sie mir immer besser. Ich kann nun wichtige Ereignisse hervorheben, Posts umdatieren, mein Profil durch ein großes Titelbild individualisieren (was einige Kreative schon ziemlich gelungen genutzt haben). Vor allem aber kann nicht nur Facebook mein ganzes Leben durchscrollen - ich kann das auch. Ganz einfach. Durch einen Klick in die Timeline rechts springe ich zu dem Tag zurück, an dem ich mich bei Facebook angemeldet habe (11. Dezember 2008). Dann wiederhole ich die letzten drei Jahre im Zeitraffer. Ich wollte schon immer konsequent Tagebuch führen und fand es schade, nie das nötige Durchhaltevermögen aufgebracht zu haben. Und nun wird mir bewusst: Ich habe in den letzten drei Jahren Tagebuch geführt, sogar ziemlich penibel. Mit Fotos, mit Videos, mit - zugegeben: wenigen - Ortsmarkierungen.

Auf Facebook kann ich jetzt sehr benutzerfreunldich mein Leben nachverfolgen, mir Momente in Erinnerung rufen, die ich beinahe vergessen hatte. Und wenn man alle Datenschutzbedenken mal ausblendet, dann ist das nach einer kurzen Gewöhnungsphase schön. Sogar sehr.

Veröffentlicht von: Mark in Leben & Reisen

Kommentare

Klaus
16. Dezember 2011 um 17:44

Wenn man es von der anderen Seite betrachtet, führt Facebook aber auch dir und all deinen Bekannten und Freunden, deine früheren Verfehlungen und Irrtümer vor Augen – Dinge für die du dich vielleicht schämst oder über die du hinausgewachsen bist und dennoch; am Ende steht es für alle gleichberechtigt neben einander.

Mark
17. Dezember 2011 um 12:07

Sofern ich sie nicht lösche, stehen für mich am Ende meine „Verfehlungen und Irrtümer“ gleichberechtigt nebeneinander, das stimmt. Ansonsten habe ich auf Facebook aber die Kontrolle darüber, welche Bekannten und Freunde welche Posts, Fotos, Videos usw. einsehen können.

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