14. Dezember 2011 - Keine Kommentare!

„Ich habe das bisher auch noch nicht gemacht“ oder: Sind Facebook-Vorträge immer scheiße?

Meine Mutter ist bei einem Facebook-Vortrag gewesen.

Ein Mann sei da nach vorne gekommen, vermutlich ITler, und habe technisches Bla über Virenschutz von sich gegeben. Eine öde halbe Stunde lang. Alle hätten sich gelangweilt. Dann sei der ITler endlich verschwunden, und ein anderer Mann habe losgelegt. Jung und schnittig sei er gewesen, Mitarbeiter einer Bielefelder Werbeagentur. Ein Kreativer, ein Vertreter der ostwestfälischen Avantgarde. Dementsprechend witziger sei der Vortrag dann auch gewesen - der Nutzwert allerdings ebenfalls gering. „Es ging darum, wie Facebook und Twitter in Handwerksunternehmen genutzt werden können“, fasste meine Mutter zusammen, „aber wie man das nun wirklich in der Praxis macht, hat er nicht gezeigt.“ Meine Mutter nahm nicht viel mit von jenem Abend.

Vor ein paar Monaten habe auch ich mehrere Facebook-Vorträge besucht.

Bei einem sollte ein Hamburger Soziologiestudent, der sich in einer Arbeit mit dem Netzwerk beschäftigt hatte, die Auswirkungen von Facebook auf unser gesellschaftliches Miteinander zusammenfassen. Doch so weit kam er gar nicht, denn im Publikum saßen hauptsächlich Menschen über 50, die erst mal wissen wollten, wie Facebook überhaupt funktioniert. Das Problem an der Sache: Der Student wusste das selbst nicht so genau. „Ich habe das bisher auch noch nicht gemacht“, sagte er häufig oder: „Ich bin ja kein regelmäßiger Nutzer.“ Es war furchtbar. Da saß einer, der über Facebook erzählen sollte, Facebook aber offenkundig doof fand. Was der über die gesellschaftlichen Auswirkungen erzählt hätte, will ich im Nachhinein auch gar nicht wissen.

Ein weiterer Vortrag richtete sich an Journalisten. Für den hatten sogar zwei der sonst so öffentlichkeitsscheuen Mitarbeiter von Facebook Deutschland ihr Hamburger Büro verlassen, um Empfehlungen auszusprechen, wie Medienleute ihr Netzwerk nutzen könnten. Ich erwartete: einen Facebook-Vortrag aus erster Hand, reichhaltige Insidertipps, so etwas wie Social-Media-Erleuchtung. Es gab: Fragen von irgendwelchen Radiojournalisten, die wissen wollten, wie man eine Seite anlegt. Und von Seiten der Facebook-Mitarbeiter Tipps wie „Posten Sie nicht zu viel am Tag“ oder „Fotos und Videos haben in unserem System einen höheren Wert als Links oder Textposts“.

Ich bin enttäuscht.

Facebook ist der Place to be. Für dich und mich als Privatleute sowieso, aber auch für Unternehmen, für NGOs, für Künstler. Alle posten sie Texte, Fotos, Videos, Links. Meine Timeline fließt manchmal wie der „Matrix“-Code an mir vorbei, viel zu schnell, als dass ich alles lesen könnte. Und wenn ich mal nicht im Netz bin, lese ich in der Zeitung von Demos, die über Facebook organisiert werden oder von Partys, die besser nicht über Facebook hätten organisiert werden sollen. Auf dem und durch das größte soziale Netzwerk unserer Zeit passiert so viel - wie kann es sein, dass Vorträge darüber dermaßen öde und nichtssagend sind? Ich bin mir sicher, dass da mehr drin ist. Warum stellt sich nicht mal einer der Community-Manager von der Bahn, einem Modeunternehmen oder aus einem Gruner + Jahr-Medium hin und erzählt aus seinem Arbeitsalltag? Und gibt es da draußen nicht auch einen Soziologiestudenten, der Facebook tatsächlich nutzt, um adäquat gesellschaftliche Trends zu beobachten?

Vorhin erfuhr ich via Facebook: Mit der Konjunktur sieht’s 2012 nicht so pralle aus. Aber vielleicht findet im kommenden Jahr mal ein Facebook-Vortrag mit Gehalt statt. Zur Not stell ich selbst einen auf die Beine.

Veröffentlicht von: Mark in Leben & Reisen

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