22. November 2011 - Keine Kommentare!

Gestatten, Social-Media-Poser oder: Alles ist erlaubt, solange es von Herzen kommt

In Bielefeld habe ich kürzlich Jo. wiedergesehen. Er studiere jetzt in Aachen, berichtete Jo., die Stadt sei okay, nach dem Studium wolle er trotzdem da weg. So kamen wir darauf zu sprechen, welche deutsche Stadt denn wohl die schönste sei. Wir sprachen über Berlin, über München, über Köln. Doch als ich in diesem Zug von Hamburg erzählen wollte, blockte Jo. plötzlich ab. "Deine Facebook-Posts tauchen immer ganz oben in meiner Timeline auf", erklärte er. "Ich weiß schon, was du in Hamburg so treibst."

An jenem Abend meißelte Jo. in Stein, was mir mein Hamburger Freundeskreis schon lange nachsagt: Ich bin einer dieser Hardcore-Nutzer mit Smartphone und Flatrate, die ihre Kontakte mit konstantem Geposte schon mal zur Weißglut treiben. Ich bin eine Social-Media-Nervensäge, zuweilen sogar ein furchtbarer Social-Media-Poser.

Leugnen? Kann ich das nicht. Die Beweislast ist schier vernichtend. In meiner Facebook-Timeline finden sich: Fotos von leckeren Gerichten, die uns Kumpel M. einst kredenzte; überschwängliche "Hach, wie schön das ist ❤"-Posts, die ich von Konzerten absetzte; ein Video, in dem ich "Mr. Brightside" von den Killers auf dem Keyboard covere; Updates, in denen ich auf meine neueste Artikelveröffentlichung verweise ... So ziemlich alles, was man im Social Web tun kann und/oder nicht tun sollte - sei es auf Facebook, Twitter, Foursquare etc. - you name it, I did it!

Ein Einzelfall bin ich damit aber nicht. Wer im Social Web aktiv ist, muss sich zwangsläufig mit diesen Vorwürfen beschäftigen - und einen Weg finden, damit umzugehen.

1. Der Nervensägen-Vorwurf

Den Nervensägen-Vorwurf nehme ich mir nicht so zu Herzen. Schließlich habe ich die Sichtbarkeit meiner Nachrichten bereits arg eingeschränkt. Viele Updates sind nur für einen ausgewählten Kontaktkreis, einige sogar nur für mich selbst einsehbar. Und wer sich dennoch von meinen Nachrichten gestört fühlt, kann mich einfach aus seinem Newsfeed bannen. Eine Nervensäge bin ich nur für die, die mich zu einer machen wollen, Punkt.

2. Der Poser-Vorwurf

Der Poser-Vorwurf trifft mich hingegen härter. Vor allem, weil ich bei jedem Update geradezu penibel darauf achte, nicht nach Poser zu klingen. Gerade wenn ich auf jüngste journalistische Arbeiten oder mediatopia-Artikel hinweisen möchte, bemühe ich mich, diese Posts nicht als Egoshow zu inszenieren. Das ist tough. Und ich bin sehr unsicher, ob ich das jedes Mal schaffe.

Grundsätzlich halte ich Social-Media-Posing aber nicht für verwerflich - sofern es aus vernünftigen Gründen geschieht. Wenn L. auf Fuck Yeah Internet einen neuen Rant gegen Dienst xy raushaut und ihn auf Facebook verlinkt, kann man das als Wichtigtuerei hoch zehn begreifen. Man kann L.s erfrischend wütende Texte aber auch als tolle Unterhaltung verstehen. Wenn D. darauf hinweist, dass bald ihr zweites Album kommt, dann mag auch das für manche Angeberei sein. Ich hingegen freue mich über die Info. Ich finde es sogar legitim, wenn T. Fotos von seinem neuen Auto zur Schau stellt. Wie T. auf einem Bild lässig an der Kühlerhaube des BMW lehnt, ist Angeberei der ekligsten Sorte. Aber man muss T. ebenso wie L. und D. zugute halten: Sie erzählen Geschichten aus ihrem Leben, die für sie relevant sind. T. hat sein Wahnsinnsgehalt für eine Wahnsinnskarre rausgehauen - und dass er das kann und getan hat, freut ihn so sehr, dass er das der ganzen Welt (oder zumindest seinem Freundeskreis) zeigen möchte. Man kann das prollig finden, finde ich selbst auch. Aber sein Social-Media-Posing kommt von Herzen. Und alles, was von Herzen kommt (und niemandem schadet), sollte auch ruhig kommen dürfen.

Social-Media-Posing wird erst widerlich, wenn es der Langeweile entspringt. Den Striptease auf DailyBooth zum Beispiel finde auch ich nervtötend. Ist ja grundsätzlich nicht schlimm, wenn Mädchen und Muskeltypen täglich andere Teile ihres Körpers in die Kamera halten. Aber weil die Begründung für diese Fotos häufig "Lol, I'm sooooo bored“ oder "Just chillaxing ..." lautet, schwenke auch ich die Poser-Fahne. Langweilige Posts von gelangweilten Leuten sind wirklich nur eines: langweilig. Aber auch hier gilt: Wer mein, T.s, L.s oder D.s Gepose dennoch abartig findet, der soll aufhören rumzunölen und uns aus seinem Newsfeed bannen, Punkt.

So, gleich werde ich einen neuen Link auf Facebook posten: Ich habe das Design für ein inhaltlich großartiges Blog von zwei wundertollen Mitstreitern meines Abenteuers Leben gemacht. Der Post mag euch nerven. Aber immerhin kommt er von Herzen.

Veröffentlicht von: Mark in Leben & Reisen

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