14. November 2011 - 3 Kommentare

Ein Abend in der Bar oder: Wie ich mir ein schlechtes Gewissen einredete, weil andere nicht bei Facebook sind

Es ist Sonntag, 19 Uhr. Wir sitzen in einer Bar im Hamburger Schanzenviertel, kauen Kaffeebohnen, trinken Bier, plaudern. Über die Beziehungen, die wir führen, über Dinge, die wir gerne einmal täten. Und spätestens gegen 20 Uhr landen wir dann - bei Facebook. Wir lästern über Nervensägen, die wir aus unserem Newsfeed gekickt haben, wir lachen über Videos, die wir uns auf die Profile gepinnt haben, und wir fragen uns, ob es wirklich eine gute Idee war, unsere Eltern als Freunde zu adden.

Ich mag das. Manchmal nervt es. Aber die meiste Zeit macht der Digital-Lifestyle-Smalltalk Spaß, genauso viel wie den Digital Lifestyle mit Smartphone, Apps und Social-Media-Bla zu leben. Und wenn ich mich in der Bar umsehe, sind da bestimmt ein Dutzend Displays, die sich aus dem Halbdunkel lösen. Darauf: blaue Facebook-Logos, Twitter-Vögel, von Instagram aufgestyle Fotos. Es ist Sonntag, 20 Uhr, und nicht nur wir - alle in der Hamburger Szenebar scheinen bei Facebook und Co. angekommen zu sein. Ich finde mich wieder als Digital Inhabitant in einer Welt von Digital Inhabitants. Und ich fühle mich wohl damit. Sehr.

Doch dann fällt mir ein: Ich müsste mal wieder mit J. & U. sprechen. J. & U. sind die letzten meiner Freunde, die ich nicht über Facebook, WhatsApp und Co. erreichen kann, sondern ausschließlich telefonisch. Wenn ich sie googele, finde ich: falsche Anschriften bei Yasni. Sonst nichts. J. & U. existieren in der digitalen Welt so gut wie gar nicht, weil sie sich ihr in weiten Teilen verweigern. Wenn J. & U. jetzt in der Bar säßen, würden sie sich unglaublich über unseren Digital-Lifestyle-Smalltalk ärgern. Vielleicht würden sie die Hamburger Szenebar sogar um 20 Uhr genervt verlassen. Und ich: hätte ein schlechtes Gewissen.

Aber wieso eigentlich? Ich sitze in einer Bar umgeben von Internetmenschen in einer Stadt von Internetmenschen in einer Welt, die Schritt für Schritt digitalisiert wird - und trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den Digital Lifestyle mag. Ich bin bei der Arbeit und im Privatleben daueronline - und halte trotzdem das Telefon noch immer für das "richtige" Kommunikationsmittel und Facebook und Co. für die verwerflichen falschen. Sollten sich nicht viel eher J. & U. allmählich darüber Gedanken machen, sich einen Facebook-, Skype- oder WhatsApp-Account zuzulegen, um mich jederzeit online zu kontaktieren? Könnten nicht genauso gut J. & U. ein schlechtes Gewissen haben?

Wenn J. & U. aus meiner sozialen Wirklichkeit verschwinden würden, weil es im Digitalen keine Anknüpfungspunkte mehr zu ihnen gibt, dann wäre das schade. Sehr schade. Deshalb werde ich sie auch weiterhin anrufen. Aber das schlechte Gewissen, das ich habe, weil Facebook und Co. meine Hauptkommunikationsmittel sind, das trainiere ich mir jetzt ab.

Veröffentlicht von: Mark in Leben & Reisen

Kommentare

sLoP
14. November 2011 um 12:51

Interessanter Artikel. Hätte ich nicht schon so viel Kritik erfahren, wäre ich voll und ganz deiner Meinung. Leider, so finde ich, erwähnst du mit keinem Wort die durchaus nachvollziehbaren Argumente der… ich nenne sie mal „Offliner“, insbesondere dass es nun mal tatsächlich sehr unkommunikativ ist, sich mit dem Smartphone zu beschäftigen, während sich unterhalten wird.

Du erwähnst völlig richtig, dass die Welt Schritt für Schritt digitalisiert wird, stellst dich aber leider nicht der entscheidenden Frage, ob das für uns Menschen in Punkto soziale Fähigkeiten gut oder schlecht ist.

Am Ende sollte meiner Meinung nach niemand das Verhalten des anderen kritisieren, sondern jeder für sich seinen eigenen Weg unter Einhaltung einer gewissen Etikette finden. Wenn A mit B in der Bar quatscht und C währenddessen am Smartphone hängt, sollte das eigentlich weder A noch B stören, solange das Gespräch gut läuft. Aus Prinzip Smartphones in solchen Situationen kritisieren halte ich für falsch. Was allerdings auch nicht geht: Wenn C vorher am Gespräch beteiligt war und sich ständig von seinem Handy rausreissen und ablenken lässt.

Man KANN als Digital Inhabitant ganz furchtbar nerven, aber man MUSS sich eben auch nicht als Offliner von jedem Smartphone angegriffen fühlen.

Ob man ein schlechtes Gewissen als Digital Inhabitant haben sollte, hängt ganz stark davon ab, wie intensiv man das digitale Leben lebt und sich vom realen löst.

Stefan
14. November 2011 um 13:03

Ja, das kenne ich auch, solch einen Fall. Zwar ist er bei Skype, aber er nutzt noch immer nicht FB – und das ist allein schon deshalb schade, weil ich ihn nicht einfach zu Veranstaltungen einladen kann, sondern ihm immer jedes Detail einzeln erzählen muss. 😉

U
14. November 2011 um 16:53

Nur weil ich nicht beim großen F bin, würde ich mich nicht als Offliner bezeichnen.

Wenn mein Rechner eingeschaltet ist, bin ich auch online. Ich lese und schreibe in Foren und Blogs, kommuniziere via eMail, Skype und Instant Messaging und nutze das Internet auch für Onlinespiele.
Auf diese Weise kann ich meinen Bedarf an Kommunikation und Informationsbeschaffung decken.
Mit einem Facebook-Account kann man das alles vielleicht schöner und einfacher, aber für diese wenigen Vorteile muss man große Opfer bringen.

Ich habe kein Interesse daran auf einer Website, die dem amerikanische Geheimdienst nahe steht, eine Akte über mich anzulegen.

Natürlich hinterlässt jeder im Internet spuren, aber ich muss diese nicht unter meinem Realnamen an einem einzigen Ort bündeln, der unter Kontrolle eines gewinnorientierten Großunternehmens im Ausland steht. Aber genau das geschieht wenn man alles, was man im Internet zu tun hat, über Facebook erledigt.
Wer Zugriff auf die Facebook-Server hat (Facebook-Mitarbeiter, Hacker, CIA, etc …) hat Zugriff auf den kompletten Social Graph und alle weiteren Daten, die Facebook speichert:
– alle private und öffentlichen Nachrichten, die man schickt oder bekommt
– alle Fotos
– alle Statusnachrichten
– ein- und ausloggzeiten
– Kalendereinträge
– GPS Daten
– Liste anderer besuchter Websites (sofern diese Websites eine Like-Button eingebaut haben)
– etc

Ob man sein Profil dabei auf öffentlich oder privat gestellt hat macht dabei keinen Unterschied. Zudem können komplexe Datenbank abfragen gestellt werden, wie „Liste aller Personen aus Hessen und mit Abitur, die sich irgendwann mal Fotos von Personen angeschaut haben, die 3x pro Woche eine Pinwandnachricht schreiben“

Allein die Kosten der Serverinfrastruktur für ein Social Network Service mit über 800 Millionen Mitgliedern dürften utopisch sein, habt ihr euch nie gefragt womit das alles bezahlt wird? Die Mitglieder zahlen zumindest kein Mitgliedsbeitrag.

Außerdem darf man nie ausschließen, dass es zu politischen Umwälzungen kommt. Man stelle sich nur einen Wahnsinnigen wie Hitler mit dem Kontrollapparat Facebook vor!

Darauf kann ich verzichten.

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