11. November 2011 - 1 Kommentar.

Bäm! Bäm! Bäm! oder: Wie ich vergaß, mir eine Meinung zu bilden

Als ich "Call of Duty: Modern Warfare 3" (seit 8. November erhältlich) starte, ploppt ein verheißungsvoller Warnhinweis auf meinem Fernseher auf: "Es kann sein, dass manche Spieler einige Spielinhalte in einer der Missionen als anstößig empfinden", steht da reichlich verschwurbelt. "Hätten Sie gerne die Möglichkeit, diese Inhalte zu überspringen?" Darauf kann es für mich nur eine Antwort geben: "Ich möchte die Mission spielen". Ich möchte alle Missionen spielen. In voller Länge. In all ihrer Rohheit. Nachdem die vielen anderen Teile der "meistverkauften Spielreihe in der Geschichte der Xbox 360" einfach an mir vorbeigegangen sind, will ich jetzt endlich die brachiale Gewalt von "Modern Warfare" kennenlernen - und mir auch eine Meinung über die zuweilen umstrittene Kriegsspielserie bilden.

Ich starte das Spiel, und in der folgenden Dreiviertelstunde passiert viel. Unglaublich viel: Zuerst ballere ich mich als US-Soldat durch ein zertrümmertes New York. Blase mit einer Gatling Helikopter vom Himmel. Tauche zu einem U-Boot hinab, um es mit Sprengstoff in die Luft zu jagen. Liefere mir zwischen zig brennenden Kreuzern und Flugzeugträgern eine Schlauchbootverfolgungsjagd. Dann erlebe ich als Leibwache des russischen Präsidenten dessen Entführung aus seinem Privatflugzeug mit. Stürze mit besagter Maschine über der osteuropäischen Pampa ab. Werde in der schneeüberzogenen Landschaft in weitere Scharmützel verwickelt ... Ja, in der ersten Dreiviertelstunde passiert bereits eine ganze Menge.

Nur bei mir, da tut sich nichts. Überhaupt nichts. Während auf dem Bildschirm ein atemloses Gefecht dem nächsten folgt, bleibt es in mir erstaunlich ruhig. Weder empfinde ich das Dauergeballer im Vergleich zu anderen Shootern als übermäßig schrecklich - noch kickt mich die filmische Inszenierung von "Modern Warfare 3" sonderlich. Meine innere Meinungswaage ist perfekt austariert. Der Grund: Ich habe einfach keine Zeit, um nachzudenken oder die Pros und Cons des Spiels ernsthaft gegeneinander aufzuwiegen. Nicht einmal in den Videosequenzen zwischen den Missionen komme ich dazu, weil ich mich angestrengt auf die Story zu konzentrieren versuche. Und bekomme doch nur die Hälfte mit: Es ist Krieg. Aber ob meine militaristischen Alter Egos zum Frieden beitragen oder nicht, keine Ahnung, ist auch irgendwie egal, eine Sekunde später geht's schon wieder nur noch darum, mich durch einen schlauchartigen Level zu kämpfen. Hier laufen neue Armeen auf. Da rollen weitere Panzer an. Und bäm! bäm! bäm!, wird wieder irgendwo irgendwas spektakulär gesprengt. "Modern Warfare 3" ist eine einzige, prachtvolle Aneinanderreihung permanenter Sinnesbelästigungen - die einen völlig aushöhlen, den Geist entleeren. Es ist krass.

Andere Spiele haben mich schon nach fünf Minuten unheimlich begeistert oder gnadenlos angekotzt. "Modern Warfare 3" hat, so eigenartig das auch ist, völlige Gleichgültigkeit provoziert. Aber irgendwie ist keine Meinung zu haben ja auch schon wieder ein Positionsbezug, oder?

Veröffentlicht von: Mark in Games & Gadgets

Kommentare

Michael
14. November 2011 um 10:49

Ich frage mich oft, ob diese Spiele denn die Kids ‚berühren‘, die sie spielen. Werden sie in das Kriegsgeschehen ‚eingesogen‘, sind gefesselt von der ‚Atmosphäre‘? Da merkt man schon an den Fragen, wie absurd und ja, auch ein wenig krank das Ganze ist.

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