9. November 2011 - 6 Kommentare

Ein Leben nach „Lost“ oder: Die Suche nach einer neuen Überserie

"Lost" war nicht perfekt, keine Frage. Trotzdem hat es keine andere Serie bisher geschafft, mich ebenso zu fesseln. Zeit, endlich eine neue Überserie zu finden. Eine Suche.

Unrealistisch; über weite Strecken uninspiriert; am Ende fürchterlich pathetisch ... Ihr könnt "Lost" so viel kritisieren, wie ihr wollt. Zwischen der ersten Seriensekunde, in der Jack Shepard seine Augen öffnet, und der letzten, - Achtung, Spoiler! - in der er sie wieder schließt, liegen für mich sechs großartige Jahre erstklassiger Fernsehunterhaltung, Punkt. Und als J.J. Abrams' Drama/Mystery-Serie vergangenes Jahr ihr Ende fand, gab es danach im TV nichts mehr, für das ich mich derart begeistern konnte.

Klar habe ich in die umschwärmten AMC-Werke "Mad Men", "Breaking Bad" und "The Walking Dead" (von deren Comicvorlage ich ein großer Fan bin) interessiert hineingeschaut. Und natürlich bin ich auch bei den Mainstreamsitcoms "The Big Bang Theory" und "How I met your Mother" auf dem neuesten Stand. Die sind auch alle gut gemacht. Aber dafür gesorgt, dass ich früh morgens aufstehe, um mir vor der Uni oder Arbeit die aktuelle Folge zu streamen, hat keine dieser Serien. Weder die bereits genannten noch die freieren Settings von "Heroes" oder "FlashForward" konnten jene immense Projektionsfläche für alle möglichen Theorien und Gedankenspiele liefern, wie "Lost" es vermochte. Und aus meinem Bekanntenkreis weiß ich: Seit dem Ende von J.J. Abrams' Hit ist auch bei vielen anderen die alltagsbestimmende Begeisterung für Serien verschwunden.

War's das also? Wird es nach "Lost" zwar noch gute Fernsehunterhaltung, aber keine Überserien mehr geben, die unsere Fantasie herausfordern? Die uns dazu treiben, nächtelang durch Fan-Wikis und -Foren zu surfen, um Antworten auf unsere Fragen zu finden oder zumindest zufrieden festzustellen, dass wir mit ihnen nicht alleine sind?

"Terra Nova", im Herbst auf Fox in den USA angelaufen, macht Hoffnung, dass es ein Überserienleben nach "Lost" gibt. Immerhin zwängt uns die Serie weder ins historisch-authentische Korsett der 60er-/70er-Jahre wie "Mad Men", "Playboy Club" oder "Pan Am" noch in die begrenzte Vorstadtwelt des Walter White aus "Breaking Bad". "Terra Nova" bietet als Sci-Fi-/Mystery-/Drama-/Dino-Mix wieder Platz für Fantasie, für Theorien, für Rumgespinne.

Die Story in Kürze: Im Mittelpunkt von "Terra Nova" steht eine Familie. Die reist aus dem Jahr 2149, in dem die Erde überbevölkert und heruntergewirtschaftet ist, gemeinsam mit anderen Pilgern 85 Millionen Jahre in die Vergangenheit, um im Urzeitdschungel noch einmal von vorne anzufangen. Mit diesem Setting ist "Terra Nova" eine Mischung aus "Earth 2", "Star Trek" und "Jurassic Park" und bietet genug Raum für fantastische Abgedrehtheiten, wie sie das Inselszenario bei "Lost" zugelassen hat. Und wie bei "Lost" ploppen bereits beim "Terra Nova"-Piloten andauernd neue Fragen auf, die auf eine epische Hintergrundstory verweisen und das Potential haben, in Internetforen oder nächtelangen Gesprächen mit Freunden diskutiert werden zu können: Was hat es mit dem geheimnisvollen Lucas Taylor auf sich, der alleine durch den Urwald streift und merkwürdige Formeln auf Felswände zeichnet? Und weshalb betrachten "die Sixers" - eine Gruppe von "Anderen" - um die eiskalte Mira die Kolonie Terra Nova als Gefahr für die Zukunft der Menschheit? Man sieht dabei zu, wie die Familie in braunen Landrovern durch die Urzeit heizt, gegen Dinos kämpft, auf sich allein gestellt ist in einer geheimnisvollen Welt - und man fühlt sich so wie damals auf der Insel, man will die Geheimnisse dieser Welt kennenlernen, besser jetzt als gleich, noch eine Folge und noch eine Folge sieht man sich am Stück an. Ja, "Terra Nova" fühlt sich nach Überserie an ...

Aber um J.J. Abrams' Hit einigermaßen vergessen zu machen, muss die von Steven Spielberg mitproduzierte Serie noch ein großes Manko überwinden: Sie muss das biedere Flair der Familiensaga abschütteln (einige IMDB-User bezweifeln bereits jetzt, dass das geschehen wird). Zu sehr geht es - zwar am Rande, aber doch - um Liebeleien zwischen Teenagern und Eifersüchteleien zwischen Erwachsenen, die zwar die Charaktere schärfen, aber letztendlich zu nichts führen.

Wenn "Terra Nova" die Kitschecke nicht verlässt, dann stehen wir bald wieder bei Null mit der Suche nach der neuen Überserie. Aber halt, nicht ganz, immerhin gibt es ja noch "Awake". Wann die NBC-Serie, zu der es bislang lediglich einen grandiosen Trailer gibt, anläuft? Hoffentlich bald. Es wird Zeit, endlich über "Lost" hinwegzukommen.

Veröffentlicht von: Mark in Film & Fernsehen

Kommentare

Zahnwart
9. November 2011 um 10:34

Stimmt schon, das. Ich bin ja mit „Lost“ noch nicht durch, angeblich wird es insbesondere im dritten Viertel unerträglich doof, aber alles in allem bin ich schon bei jeder Folge gespannt, ob irgendetwas aufgelöst wird, welche Haken die Handlung weiterhin schlägt etc.
Aber!
Auch „Lost“ ist nur eine Serie, eine gute, klug gebaute Serie, sicher, die allerdings auch ihre Macken hat. Momentan nerven mich: das Frauenbild. Die unterschwellige Religiosität, die eigentlich immer mitschwingt (vor allem in der Dualität John Locke – Mr. Eko, aber auch in der Figur Charlie). Die US-typische Spießigkeit, die keinerlei Antwort findet auf die Frage, wie man Sex zeigen könnte und die deswegen jedesmal verschämt ausblendet. Das Typencasting … Und dass ich „Lost“ trotz all dieser Mängel großartig finde, zeigt eigentlich, wie raffiniert dieses Drehbuch geschrieben ist.
Nur leuchten Serien wie „Breaking Bad“ oder „Mad Men“ die Abgründe ihrer Figuren viel, viel besser aus. Im Vergleich zu denen ist „Lost“ Popcorn, wenn auch ziemlich gutes Popcorn.

(Schön, dass es auf diesem Blog weitergeht, wollte ich auch mal gesagt haben.)

Peter Mainz
4. Februar 2013 um 18:50

Dem ist so. Für mich ist Lost das Meisterwerk aller Serie.

arjuna6667
27. März 2013 um 13:29

Hallo??? Was ist mit Fringe? Auch von JJ Abrams. Für mich eine der besten SF-Serien überhaupt!

Umdenker
19. Januar 2014 um 18:59

Ich find deine Beschreibung von Lost gelungen, so ähnlich geht es mir auch. Viele Elemente wie Schauspielqualität, Szene, Kamera, Charaktertiefe, usw. sind in anderen Serien besser, aber Lost hat eine spezielle Atmosphäre, welche ein besonderes Feeling hervorruft. Der Kritik von zahnwart kann man auch nur schwer widersprechen, wie gesagt sie hat ihre Schwächen. Ich stimme aber der Sex Sache nicht zu. Warum soll etwas im Real Life meist privates in einer Serie offen gezeigt werden. Darin sehe ich keine Notwendigkeit und würde bei mir nur das Gefühl erzeugen, dass hier mit „sex sells“ einfache Instinkte angesprochen werden sollen.

Ich muss sagen, Breaking Bad, Walking Dead, all die bekannten Verdächtigen. Es sind sehr gute Serien, keine Frage. Dennoch verstehe ich genau, was der Autor dieses Blog mir sagen möchte. Firefly hat mich wirklich überzeugt und hab es erst vor kurzem komplett angesehen. Wurde mir schon desöfteren in der Vergangenheit empfohlen, aber immer irgendwie ignoriert. Über diese Serie ist mein Fazit, dass es eine Sünde war sie nach der ersten Staffel abzusetzen. Ich wurde schon lange nicht mehr so häufig in einer Serie überrascht, ob es Texte, Handlungen, Wendungen oder was auch immer ist.

westsilver
24. Juni 2014 um 02:42

Autor, danke .Du bringst es auf den Punkt. Ich habe LOST geliebt.

Jetzt gibt es immer noch nichts, was mein Herz zum Rasen bringt…
Viele Serien ziehen sich in die Länge, keine Spannung, kein Nervenkitzel etc.

Fringe ? Immer sich wiederholende, teils
(dumme) folgen. Lustig ? Ja,garkeine Frage.

Aber eben nichts was Lost ähnelt.

x
13. Februar 2015 um 10:17

Hi,
also, ich schaue mir gerade die Serie an und was soll ich sagen, sie ist toll! i
Ich komme schon gar nicht mehr weg und schaue Folge nach Folge, weil es so spannend ist.
In der S. sind auch viele Psychologie mit eingepackt, nicht nur für den Laien, sondern es werden an einigen Stellen sogar mit Fachgagon geworfen.
Das es auch keine Sexszenen gibt, finde ich nicht schlimm. Es geht hier um die Handlung, um die Geschichte, um das Verborgene und nicht um sexuellen Akt.
Das kann man sich wirklich woanders holen. 😉
Fazit: viele versch. Aspekte fließen mit ein (Mystik, Fantasy, Religion, Übernatürliches) – das macht es umso spannender!

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