21. April 2011 - 6 Kommentare

Expedition ins Ungewisse

In Hamburg kamen gestern Abend Giovanni di Lorenzo, Katharina Borchert, Sascha Lobo und Thomas Osterkorn für eine Podiumsdiskussion zusammen. Um die Veränderung von Verlagen im Umfeld von Internet und Social Media sollte es dem Titel der Veranstaltung nach gehen. Tatsächlich prägten Sticheleien den Abend - und das Publikum war zu recht empört. Eine Eventkritik

„Expedition ins Ungewisse: Welche neue Medienwelt entdecken Verlage, Web und Social Media?“ - das Thema der Podiumsdiskussion: Superspannend. Die Teilnehmerliste: Vielversprechend. Kein Wunder also, dass rasch alle 450 Plätze für den von news aktuell organisierten Media Coffee in Hamburg vergeben waren. Doch was Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit, Katharina Borchert, Geschäftsführerin von SPON, Werbemann und Internetguru Sascha Lobo sowie Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn am Mittwochabend zustande brachten, war den Wirbel um das Event nicht wert. Immer mal wieder ging ein genervtes Raunen durchs Publikum. Bereits nach einer halben Stunde verließen die ersten Zuschauer das Audimax der Bucerius Law School. Und Thomas Osterkorn beendete den Abend resigniert mit den Worten: "Entschuldigen Sie, dass wir hier eineinhalb Stunden lang Ihre Zeit verschwendet haben."

Was war geschehen? Den ersten Fehler des Abends beging Moderator Thomas Knüwer. Anstatt ein Gruppengespräch zu beginnen, ging der Unternehmensberater und Blogger lieber jeden Diskussionsteilnehmer einzeln an: Katharina Borchert musste sich dem Vorwurf stellen, SPON werde immer boulevardesker; Giovanni di Lorenzo sollte sich für ein viel zu seichtes Zeit-Interview mit Thomas Middelhoff rechtfertigen; und Thomas Osterkorn sollte erklären, wieso stern.de den Erwartungen seiner Leser nicht gerecht werde. Ein bisschen Sticheleien in Ehren - doch wie Knüwer versuchte, sich vor den Medienmachern als Platzhirsch aufzuspielen, stieß sowohl der Diskussionsrunde als auch dem Publikum zu recht übel auf. Und um Social-Media-Dienste und Apps in der Verlagswelt? Ging es lange Zeit gar nicht. Mehrfach forderten Zuschauer, Knüwer solle endlich zum Punkt kommen. Doch das kam er nicht. Schließlich war es Sascha Lobo, der - sich mehrfach dafür entschuldigend - effektiv in Knüwers Moderation grätschte und das Ruder übernahm.

Doch auch danach wurde es nicht wirklich besser. "Lokale Unternehmen werden ihre schmalen Werbebudgets in Zukunft in Foursquare investieren", vermutete Borchert einmal; Osterkorn prophezeite den Aufstieg des hyperlokalen Journalismus im Netz. Doch diese Thesen wurden nie ausdiskutiert. Auch nach Knüwers Verstummen lieferte die Runde keine neuen Erkenntnisse zum Thema oder etwa praktische Beispiele zum Umgang mit Social-Media-Diensten in ihren Redaktionen.

Anstatt beispielsweise einmal ganz konkret abzuwägen, mithilfe welcher Internettechnologien neue, spannende Darstellungsformen entstehen könnten, beackerten die vier Redner lediglich den Status quo und stellten die immergleichen (und dem anwesenden Fachpublikum inzwischen altbekannten) Fragen: Sollen wir Paywalls um unsere Angebote ziehen? Alle Print-Artikel auch ins Netz bringen? Sofort in Innovationen investieren oder erst einmal den Markt beobachten? Endgültige Antworten fand die Runde natürlich auch an diesem Abend nicht. "Expedition ins Ungewisse ist ein hervorragender Titel für diese Veranstaltung", spottete Osterkorn. "Damit ist alles gesagt. Wir können jetzt ein Bier trinken gehen."

Zum Schluss fand Knüwer seine Stimme wieder und ließ das Gespräch mit einem kurzen Exkurs zum Leistungsschutzgesetz ein letztes Mal an Fahrt verlieren. Froh war man, als sich die Runde auflöste. Immerhin: Es gab einen Livestream. Und auch die Twitterwall (via @crieger) über der Bühne, auf der alle Tweets zur Veranstaltung gesammelt wurden, war ein Hingucker. Und schließlich: Das Buffet war gut. Es gab Frikadellen. Und Mozzarella-Tomate-Spießchen. Der nächste Media Coffee selben Themas in Frankfurt a. M. am 21.6. wird hoffentlich fruchtbarer. Es bleibt aber zu befürchten, dass auch die Diskutanten um ZDF-Mann Peter Frey und WiWo-Chefredakteur Roland Tichy nicht wissen, wohin die Expedition ins Unbekannte geht.

Weitere Kritiken:
Eine Zusammenfassung des Abends im news-aktuell-Blog

Veröffentlicht von: Mark in Arbeit & Projekte

Kommentare

Zahnwart
21. April 2011 um 11:38

Naja … Man muss sich aber natürlich schon die Frage stellen, ob man sich ausgerechnet von diesen Menschen auf dem Podium erklären lassen möchte, wie sich Verlage in Internet und Social Media positionieren wollen. Ich meine, die Avantgarde der Webanwendungen sind SpOn oder stern.de doch sicher nicht. Giovanni di Lorenzo mag ein guter Journalist und ein charmanter Gesprächspartner sein, aber: Social Media? Bei der Zeit? Und sobald Sascha Lobo irgendwo auftritt, ist doch ohnehin alles zu spät.

archimedes
21. April 2011 um 11:46

@Zahnwart: Die Teilnehmer waren doch vorher bekannt gegeben, da kann doch jeder mündige Bürger selbst entscheiden, ob er sich von diesen vier Personen eine Diskussion vorgeben möchte… Warst Du da, dann ist Dein Beitrag ein Zeugnis von Unmündigkeit. Bist Du nicht dort gewesen, warum echauffierst Du Dich hier so als Anonymus ?

Sandra Liebich
21. April 2011 um 12:01

Danke für das Feedback und diese treffende Einschätzung. Auch wir hätten uns für unser Publikum mehr gewünscht. Auch für uns war es – na, sagen wir – ein besonderer Abend. Eben eine echte „Expedition ins Ungewisse“. Deshalb haben wir auch nochmal unsere Sicht der Dinge zusammen gefasst. Und zwar hier: http://bit.ly/fQLqZJ

Zahnwart
21. April 2011 um 12:09

@archimedes: Ich war nicht da, weil ich von der Besetzung des Podiums nicht überzeugt war. Auch ist mein Beitrag nicht als Echauffieren zu verstehen, sondern als Kritik an den Organisatoren, denen anscheinend nichts besseres eingefallen ist als ausgerechnet Sascha Lobo einzuladen. Falls du einer der Organisatoren bist, lasse ich mich auch gerne überzeugen, dass es andere Gründe für diese Einladung gab, mit Schaum vor dem Mund poste ich hier nämlich nicht. Wie gesagt: Falls du einer der Organisatoren bist. Im Gegensatz zu dir agiere ich hier nämlich nicht anonym, ein Klick auf meinen Post zeigt, wer ich bin. (Soviel zum „Anonymus“.)

Sandra Liebich
21. April 2011 um 16:50

@Zahnwart: Organisatoren der Veranstaltungen sind wir, news aktuell. Archimedes hat mit der Orga nichts zu tun – das wüßte ich.. 😉

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