Tagesablauf in einer Online-Redaktion

Während eine Tageszeitung lediglich einmal am Tag erscheint, muss der Internetauftritt des Blatts fortlaufend aktualisiert werden. Da assoziiert man mit einer Online-Redaktion gleich Unruhe, Hast und vielleicht chaotisches Treiben. Franziska Seyboldt, Redakteurin für taz.de, hat Mediatopia erzählt, wie der Arbeitsalltag in einer Online-Redaktion wirklich aussieht.

Um acht Uhr morgens, wenn die meisten Printredakteure noch selig schlummern, fängt in der Onlineredaktion für die Frühschicht der Tag an. Am besten hat man sich schon zu Hause und in der Bahn auf den aktuellen Stand der Nachrichtenlage gebracht. In der Redaktion werden dann die Ticker gelesen und einschlägige News-Seiten gecheckt, zum Beispiel tagesschau.de, Spiegel Online oder infolive.de, da bekommt man tolle Zusammenfassungen für alle relevanten Fernseh- und Radiosender, Magazine und Tageszeitungen. Gibt es ein wichtiges Thema, wird es getickert, so nennen wir es, wenn zum Beispiel eine dpa-Meldung aufbereitet wird: Mit einer eigenen Headline, einer Dachzeile, einem Teaser und einem Bild mit Bildunterschrift. Später kommt dann meist noch ein ergänzender Text von einem Autor dazu – und, wenn das Thema relevant ist, ein Kommentar.

Um viertel vor neun kommen die zwei KollegInnen von der Mittelschicht und die PraktikantInnen. Wer Glück hat, kann ein bisschen in den Zeitungen stöbern, um auf Themensuche zu gehen, meistens müssen aber Leserkommentare freigeschaltet werden und die Artikel, die vom Vortag übrig geblieben sind, nachproduziert werden. Die Seite soll ja frisch aussehen – das bedeutet, die ersten fünf Artikel sollten im Laufe des Vormittags aktualisiert oder ersetzt werden. Das gilt besonders für den Aufmacher, der Artikel ganz oben auf der Seite.

Eine der beiden Mittelschichten ist CvD (Chef vom Dienst). Er geht um halb zehn in die große Konferenz. Dort sammeln sich Vertreter aus allen Ressorts und die Chefredaktion und besprechen die Themen des Tages. Um halb elf kommen zwei Leute von der Spätschicht, die sich kurz einarbeiten, bis wir um elf Uhr eine eigene Onlinekonferenz machen. Dort erzählt der CvD den KollegInnen, was in der Konferenz los war, es werden Texte verteilt, Ideen für Bilderstrecken erarbeitet und Themen vorgestellt.

Im Lauf des Tages stellen wir die meisten Artikel der Printzeitung vom nächsten Tag online. Was man dabei lernt, ist elementar für den Job eines Redakteurs: Texte redigieren, neue Dachzeilen, Überschriften und Vorspänne schreiben und ein passendes Bild suchen. Ganz wichtig: Online müssen Texte anders aufbereitet werden als auf Papier. Das liegt daran, dass im Internet ein anderes Leseverhalten herrscht. Ellenlange Texte liest kaum jemand, Überschrift und Bild müssen den Leser sofort „reinziehen“, sonst klickt er weiter. [Anm. d. R.: Einen Beitrag zu diesem Thema gibt’s auf Mediatopia.de bereits hier]

Das Schwierigste an der Arbeit als Onlineredakteur ist es allerdings, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Klicks und Relevanz zu halten. Denn nicht alle Themen, die gut geklickt werden, sind dementsprechend wichtig.

Einen besonderen Fokus legen wir natürlich auf Netzthemen. Die sind zwar teilweise für die Zeitungsleser interessant und stehen dann auch im Blatt, aber die Internet-Community möchte meistens noch ausführlicher über Google Street View, Netzneutralität oder benutzerdefinierte Werbung informiert werden. Für Datenschutz-Themen haben wir zusätzlich unseren Überwachungsschwerpunkt.

Andersherum gilt: Was in der Zeitung gelesen wird, interessiert nicht zwangsläufig auch die taz.de-Leser. Mit der Zeit entwickelt man einen guten Sensor dafür, welche Texte online gut laufen.

Natürlich muss auch Sonntags die Seite bestückt werden, Montags erscheint ja eine neue Zeitung. Für die Zukunft ist auch eine Samstagschicht geplant, was momentan aus einem Mangel an Mitarbeitern leider nicht möglich ist. Ab und zu machen wir jedoch eine Ausnahme: Wenn Samstags zum Beispiel eine Demo gegen Atomkraftwerke oder Nazis stattfindet – zwei Themen, die unseren Lesern sehr am Herzen liegen – gibt es auf taz.de einen Live-Ticker.

Franziska Seyboldt ist seit September 2008 Redakteurin bei taz.de, dem Onlineauftritt der tageszeitung. Sie betreut am liebsten Gesellschafts-, Bildungs- und Kulturthemen.

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14 Kommentare
  • Gerald Terveen

    12. August 2010 at 07:35 Antworten

    Sehr interessant zu lesen Franziska.

    Als Seiteneinsteiger dürften meine Chance in eine Internetredaktion einzusteigen wohl deutlich höher liegen als für bei einer Printredaktion, somit interessiert es mich natürlich wie der Tag dort abläuft.

    Gibt es auch externe oder freie Mitarbeiter?

    Und wann ist denn so üblicherweise Feierabend wenn man um 8 anfängt?

    Vielen Dank,
    Gerald

  • Gerald Terveen

    12. August 2010 at 10:44 Antworten

    “Als Seiteneinsteiger dürften meine Chance in eine Internetredaktion einzusteigen wohl deutlich höher liegen als für bei einer Printredaktion, somit interessiert es mich natürlich wie der Tag dort abläuft.”

    Da tränen einem die Augen beim Lesen. ;-)

  • Franziska Seyboldt

    12. August 2010 at 10:52 Antworten

    Hallo Gerald,

    das kommt darauf an, von welcher Seite du einsteigen willst…;)
    Aber gerade ist eine Stelle frei. Hier kannst du dich noch bis zum 7. August bewerben: http://blogs.taz.de/hausblog/2010/07/13/online-redakteurin_gesucht/
    Wir haben auch freie Mitarbeiter, die müssen aber gut eingearbeitet sein.
    Ach ja: Die 8-Uhr-Schicht endet um halb 5, die anderen Schichten dementsprechend später. Natürlich nur, wenn nichts dazwischen kommt…

    Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen.

    Viele Grüße,
    Franziska

  • uh?

    12. August 2010 at 13:27 Antworten

    am 12.8. stellt frau seybold einen link ein, mit der angabe “noch bis zum 7. August bewerben”? in online-redaktionen geht die uhr offenbar wirklich anders …

  • Ninja

    12. August 2010 at 14:45 Antworten

    Guten Einblick bekommen. 8-Uhr bis halb 5 ist ja ein Traum…

  • Oliver Hitzegrad

    12. August 2010 at 15:42 Antworten

    Hallo Franziska,

    ganz ehrlich, das klingt ja fast entspannt, nach positivem Stress. Ich habe das auch anders erlebt.
    Ich habe mich tatsächlich auf diese Stelle beworben; gibt es eine Möglichkeit, mich bei Dir einzuschleimen, um meine Chancen zu erhöhen? ;-)

    Auf jeden Fall so weitermachen, liebe taz(.de)
    Oliver

  • Sigmund

    12. August 2010 at 15:48 Antworten

    Nun, wen wundert es, dass man bei dieser Stellenbeschreibung nicht weiß, welches Datum gerade ist? Klingt nach sinnfreier Fließbandarbeit, für die man nicht viel können muss, ausser bei SPON und Google zu “recherchieren”. Glückwunsch, das haben wir uns zwar schon lange gedacht, so genau wollten wir es aber gar nicht wissen.

  • Franziska Seyboldt

    12. August 2010 at 17:32 Antworten

    @ uh?: sorry, heute morgen war ich offensichtlich wirklich noch etwas verpennt… natürlich ist der 7. august schon rum. hm. meinen namen hast du aber nicht absichtlich falsch geschrieben, um mich zu ärgern, oder?
    @ oliver hitzegrad: care-pakete kommen hier immer gut an ;) nein, im ernst: leider nicht. aber vielleicht sehen wir uns ja dann mal persönlich.
    @ sigmund: da hast du definitiv ein problem in unserem job erkannt, manchmal trifft das wort fließbandarbeit leider zu (hauptsächlich aus mangel an kapazitäten). trotzdem ist es unfair, uns vorzuwerfen, wir würden “bei SPON und Google ‘recherchieren'”. da hast du offensichtlich etwas in den falschen hals bekommen, denn sich über die themen des tages zu informieren heißt noch lange nicht, dass wir bei den kollegen abschreiben.

  • Oliver Hitzegrad

    12. August 2010 at 18:05 Antworten

    Ich komm’ dann mit dem Rosinenbomber und werf’ Kaffee und Bananen ab (und auf dem Rückflug ein kleines Bömbchen auf die Axel-Springer-Zentrale).

  • Gerald Terveen

    12. August 2010 at 22:33 Antworten

    Hallo Franziska,

    vielen Dank für die Antwort – und noch viel mehr dafür, dass du mich auf das Stellenangebot aufmerksam machst. Weiss ich echt zu schätzen.

    Den Bewerbungstermin habe ich zwar verpasst, aber schadet sicher nicht wenn ich es dennoch probiere.

    Allerdings rechne ich mir keine großen Chancen auf eine solche Stelle aus – ich habe mich im Bereich der Videospiele auf die Nische der Indiespiele spezialisiert und erstelle dort englischsprachige Videos. Jetzt würde ich gerne über eine Onlineredaktion richtige Erfahrung sammeln – nehme aber an, dass die etablierten Spielemagazine mir eher eine Chance geben werden.

    Danke und viele Grüße,
    Gerald

  • […] Tagesablauf in einer Online-Redaktion […]

  • David Zwadlo

    12. September 2010 at 02:23 Antworten

    Vielen Dank für die interessanten und “lebensnahen” Einblicke in die Onlineredaktion der taz!

  • […] selig schlummern, sitzt die Frühschicht in unserer Onlineredaktion bereits am Schreibtisch. In dem Artikel von mediatopia.de über den Arbeitsalltag unserer Online-Redakteurin Franziska Seyboldt erfährt man, dass die Arbeit […]

  • Chriss

    21. September 2012 at 14:53 Antworten

    vielen Dank für den Einblick in einen Tag eines Online-Redakteurs… ich bin kurz vor einer Weiterbildung zu einem Online-Redakteur und da ist es interessant mal zu lesen, wie (hoffentlich) bald ein Arbeitstag aussehen wird ;)

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