22. Juli 2010 - 2 Kommentare

Spielejournalist werden

Den ganzen Tag zocken und dafür auch noch Geld kriegen? Wie cool wäre das! Auf den ersten Blick wirkt der Spielejournalismus sehr reizvoll, entpuppt sich auf den zweiten allerdings als hartes Pflaster. Denn in der Sparte herrscht angesichts der hohen Konzentration ein immenser Wettkampf. Selbst die großen Titel der Branche wie Game Star oder Computer Bild Spiele verlieren nach und nach an Auflage und Geld - und bieten dementsprechend kaum neue Jobs an. Sollten junge Leute vom Spielejournalismus also lieber die Finger lassen?

Auf meine Anfrage haben Heiko Gogolin (Chefredakteur der Gee), Harald Fränkel (ehemals bei der PC Action, heute freier Journalist für diverse Print- und Online-Magazine) und Markus Schwerdtel (Chefredakteur der Gamepro) kurz erklärt, worauf sich Nachwuchsjournalisten in der Spielebranche einstellen müssen, und welche Fähigkeiten unerlässlich sind.

Heiko Gogolin, Harald Fränkel und Markus Schwerdtel

Heiko Gogolin:

Immer, wenn ich erzähle, dass ich Spielejournalist bin, höre ich unisono das Wort "Traumberuf". Aber obwohl ich Spiele liebe und somit ein Hobby zum Beruf gemacht habe, ist die mit dem Begriff verbundene Assoziation, mit Zocken während der Arbeitszeit sein Geld zu verdienen, falsch. Spielejournalismus ist Journalismus: Am Tag wird in der Redaktion konzipiert, kontaktiert, geschrieben und geschnitten. Die Games selbst müssen in der Regel abends nach Feierabend gespielt werden. Dass sich Arbeit und Freizeit vermischen ist also nicht nur Selbstverwirklichung, sondern aufgrund mangelnder Grenzen zuweilen anstrengend.

Dass jemand, der Spielejournalist werden möchte, sich gut mit Games auskennen sollte, ist klar. Wichtig ist darüber hinaus auch der Wille, das Handwerk des professionellen Schreibens zu lernen. Viele in der Branche sind zuallererst Fan, und ab und an müssen sie dann noch über ihre Leidenschaft schreiben. Dieser Ansatz funktioniert nur im eingeschränkten Rahmen einer Fachzeitschrift. Wer es aber schafft, allgemeinverständlich und nicht nerdig über komplexe Zusammenhänge in der Spielewelt zu schreiben, der hat gute Aussichten auch für große Zeitungen, Webseiten und Zeitschriften zu schreiben. Denn interaktive Formen der Unterhaltung haben eine große Zukunft. Während Games derzeit oft nur am Rande eine Rolle spielen und sich in der breiten Medienrezeption alteingesessenen Kulturformen wie Filmen oder Büchern unterordnen müssen, wird sich das langfristig massiv ändern.

Harald Fränkel:

Ein angehender Spielejournalist muss damit rechnen, dass er Stress hat und sein Geld eben nicht spielend verdienen kann. Der Job ist nicht halb so locker, wie viele meinen. Man verdient nicht mehr so, wie noch vor Jahren, weil Hefte immer schlechter verkaufen und Onlinemagazine (noch) nicht so weit sind, dass sie finanziell auf Rosen gebettet wären. Wer sich Gehälter und Honorare wie in Zeitungs- und Zeitschriften-Tarifverträgen erhofft, wird weinen.

Außerdem müssen Nachwuchsjournalisten damit rechnen, sehr, sehr viel zu arbeiten. Sie müssen sehr, sehr gut sein, um von dem Job leben zu können, weil es immer einen Praktikanten geben wird, der ihn preisgünstiger macht. Ich denke, das waren die schlechten Nachrichten. Die gute lautet: Wer Fuß gefasst hat, wird sehr viel Spaß haben. Ich möchte nichts anderes machen.

Markus Schwerdtel:

Spielejournalist zu werden ist natürlich der Traum vieler junger (vor allem) Männer. "Den ganzen Tag zocken" und "immer die neuesten Games", das hat jeder im Hinterkopf, der diesen Beruf ergreifen will. Während letzteres tatsächlich stimmt, ist ersteres natürlich ein Trugschluß. Genau so wenig wie die Redakteure von Auto Motor Sport den ganzen Tag spazieren fahren und die Blinker-Leute immer angeln, sind Spieleredakteure den ganzen Tag am daddeln.
Was braucht man, um in diesen Beruf zu kommen?

  • Abitur oder eine abgeschlossene Ausbildung
  • idealerweise Grundkenntnisse in Videoschnitt und CMS
  • einigermaßen vernünftige, möglichst dialektfreie Aussprache und Eloquenz (Stichwort: Podcasts & Videos vertonen!)
  • umfassendes Spielewissen

Gerade der letzte Punkt ist wichtiger, als man denkt. Es reicht eben nicht, der totale Street-Fighter-Checker zu sein. Man muss sich genauso bei Rennspielen, Shootern und Rollenspielen auskennen. Es geht also vor allem um Breite und auch historisches Wissen. Dazu kann eine gesunde Kenntnis der Spielebranche (Entwickler-Persönlichkeiten, Unternehmensstrukturen, Geschäftsmodelle etc.) nicht schaden.

Wenn man das alles erfüllt, bekommt man dann sicher einen Job als Spieleredakteur? Leider nein. Wie überall werden auch bei Spielemagazinen und -websites derzeit kaum Festangestellte engagiert, und wenn, dann nicht zu Tarifgehältern. Idealerweise macht man sich mit Praktika, freier Mitarbeit und Traineeships in einer Redaktion unentbehrlich, dann sind die Übernahmechancen am größten. Um das zu erreichen ist es gut, eben nicht "nur schreiben" (das ist Grundvoraussetzung) zu können, sondern auch Zusatzqualifikationen zu haben (Videoschnitt, "Kameragesicht", Sprecherstimme etc.). Gerade im Web sind Videos wichtig, reine "Schreiber" tun sich damit oft schwer. Gesucht wird eher -- und das ist nichts Neues -- ein Multimedia-Redakteur, der eben alle Kanäle bedienen kann. Damit unterscheiden sich die Anforderungen an einen Spielejournalisten kaum von denen in anderen Fachbereichen -- nur dass Spiele halt viel cooler sind als Möbel, Autos oder Angeln.

Wer jetzt immer noch Lust auf den Spielejournalismus hat, findet hier weitere Infos und Jobangebote:

Veröffentlicht von: Mark in Kunst & Literatur

Kommentare

Gerald Terveen
22. Juli 2010 um 16:03

Spielejournalist, ein Traum, mein Traum.

Als ich mich noch auf dem Weg zum Abitur befand war es für mich klar, dass ich gerne Journalist werden möchte. Und zwar in der Spielebranche. Nach der Ausbildung zum Fachinformatiker haben sich die Weichen dann aber anders gestellt und ich arbeite gerade daran ein Netzwerk aufzubauen um einen Einstieg zu finden.

Der Artikel ist toll und hat mir viel Mut gemacht. Die Voraussetzungen stimmen bei mir weitestgehend, auch wenn ich noch ein wenig an meinem Schreibstil und der deutschen Rechtschreibung, speziell der Kommasetzung, arbeiten muss.

Videoschnitt, CMS Erfahrung etc. sind alle kein Thema und mehr als 20 Jahre als extremer Videospieler haben mir ausreichend Hintergrundwissen beschert. Sogar eine gute Stimme wurde mir bei meinem ersten deutschen Video („hier“) bescheinigt, dabei habe ich bei diesem Video nicht die Sorgfalt walten lassen die es verdient hätte. Das werde ich bei meinem nächsten Video, ein Limbo Review, auf jeden Fall korrigieren.

Vielen Dank für diese interessanten und informativen Meinungen.

Man liest sich,
Gerald

David Zwadlo
12. September 2010 um 11:04

Vielen Dank für die tollen Einsichten in den Beruf!

Eine Antwort verfassen