16. Juni 2010 - 2 Kommentare

Print-Krise auch in Deutschland

Glaubt man Manfred Bissinger, ehemals Chefredakteur der Zeitung Die Woche, wird die Zeitung auch im 21. Jahrhundert neben dem Internet existieren können. In einem Gastbeitrag für eine Artikelreihe auf der Website der Süddeutschen Zeitung schrieb er:

Wie erfolgreicher Journalismus immer besser werden kann, führt seit Monaten die „Seite 3″ der Süddeutschen Zeitung vor, die dank des Engagements ihrer Redakteure und Reporter von Woche zu Woche neuen Höhepunkten entgegeneilt. Sie liefert zudem den Beweis, dass Print dem Internet immer überlegen sein wird.

Mit dieser unbegründeten These zog Manfred Bissinger den Spott jüngerer deutscher Journalisten wie Stefan Niggemeier auf sich. Im Gegenteil sprechen nämlichen alle aktuellen Trends – vom Konsumverhalten der Mediennutzer bis zur monatlichen Auflagenberechnung der IVW (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e. V.) – auch in Deutschland dafür, dass die Zeitung im Begriff ist, zu sterben. Seit 1993 geht die Gesamtauflage der Tageszeitungen in Deutschland zurück. Im vierten Quartal 2009 wurden inklusive Wochenendausgaben im Schnitt 22,85 Millionen Tageszeitungen täglich verkauft. Damit sank die Gesamtauflage gegenüber dem dritten Quartal 2009 um 1,73 Prozent. Die Auflagen der überregionalen Tageszeitungen sind zwischen 2007 und 2009 ebenfalls weiter geschrumpft. Allein die taz und das Handelsblatt konnten an Auflage gewinnen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Entwicklung der verkauften Auflage von Tageszeitungen in Millionen Stück zwischen 1998 und 2009 (Quelle: IVW)

Das Internet im Aufschwung

Dem gegenüber steigt wie in den USA auch in Deutschland das Interesse am Internet weiter an. Zwar stellte die ARD/ZDF-Online-Studie 2009 nur noch einen Anstieg um 0,8 Millionen Online-Nutzern zum Vorjahr fest, danach sind aber bereits 67,1 Prozent der Deutschen über 14 Jahren mindestens gelegentlich online. 59 Prozent der Onliner gaben an, das Internet auch zu nutzen, um sich über aktuelle Nachrichten zu informieren. Somit ist das Internet das drittbeliebteste Medium, wenn es um die Vermittlung nachrichtlicher Inhalte geht.

Während die Nutzung der Tageszeitung, bislang noch auf Platz 3 der beliebtesten Nachrichtenmedien, zurückgeht, steigt die Internet-Nutzung weiter an. Allerdings rufen die User für die tägliche Ration News – auch hier lassen sich Parallelen zu den USA erkennen – auch in Deutschland nicht unbedingt die Websites von Zeitungen und Zeitschriften auf, sondern besorgen sich ihre Informationen vornehmlich über Suchmaschinen und Provider.

Was die Werbeeinnahmen der Tageszeitungen betrifft, sind auch hierzulande die Zahlen rückläufig. Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft stellte im Februar 2010 einen generellen Abschwung des deutschen Werbemarktes um 0,5 Prozent auf 30,67 Milliarden Euro fest. Besonders betroffen seien davon die Medien.
Die Netto-Werbeeinnahmen von Tageszeitungen fielen von 2007 auf 2008 um 4,2 Prozent von etwa 4,5 auf ca. 4,3 Milliarden Euro. Die Netto-Werbeeinnahmen von Online-Angeboten stiegen hingegen im gleichen Zeitraum um 9,4 Prozent von 689 auf 754 Millionen Euro.

Auch in Deutschland stirbt die Zeitung

Anhand dieser Zahlen wird deutlich, dass das Defizit der Werbeeinnahmen im Print-Bereich auch in Deutschland nicht durch die Online-Werbeeinnahmen ausgeglichen werden kann. Verleger Hubert Burda urteilte 2009 in seiner Eröffnungsrede der Internetkonferenz DLD (Digital, Life, Design) in München, dass im Internet nur „lousy, lousy pennies“ mit Journalismus zu verdienen seien. Allerdings spielen Werbeeinnahmen hierzulande keine so große Rolle bei der Finanzierung von Print-Produkten wie in den USA: Die Einnahmen von Verlagen setzen sich im Schnitt aus 56 Prozent Werbeerlösen zu 44 Prozent Verkaufserlösen zusammen. Viele Zeitungen mussten dennoch ihre Abo-Preise erhöhen, um die fehlenden Werbeeinnahmen auszugleichen: Axel Springer steigerte zwischen 2000 und 2007 den Preis für das Welt-Abo um 50 Prozent, die Süddeutsche Zeitung wurde sogar um 65 Prozent teurer.

Insgesamt ist aber auch in Deutschland ein Zeitungssterben zu beobachten: In der Zeit zwischen 1964 und 2003 sank die Anzahl selbständiger Zeitungsverlage um ca. 40 Prozent und mit ihr die Anzahl an Zeitungen: Gab es 1964 noch 573 Zeitungen, wurden 2004 noch 347 gezählt. [Die Zahlen stammen von Fabel/Benien in “Newspaper Edngame – Langfristige Szenarien für deutsche Zeitungsverlage im europäischen Kontext", hier geht's zur PDF] Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur des Online-Auftritts der Süddeutschen Zeitung, beobachtet in seinem Buch „Geist oder Geld“ auf dem deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt „viel Siechtum und Exitus“.

Veröffentlicht von: Mark in Kunst & Literatur

Kommentare

Siggi Held
22. November 2010 um 15:09

22,85 Millionen verkaufter Tageszeitungen?!?!?! Die Zeitung stirbt also, aha. Wann? Ich höre das nämlich seit ca. 15 Jahren *gähn*

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